https://www.faz.net/-gum-rf8u

Pisa-Studie : Krieg der Köpfe

Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

Warum sind Bildungschancen in Deutschland so ungerecht verteilt? Neue Ergebnisse der Pisa-Studie befeuern alte Debatten über das Schulsystem. Dabei ist die Lösung doch so einfach: Der Unterricht muß besser werden.

          5 Min.

          Kleine Frage vorneweg: Nehmen wir einen Chefarztsohn und den Sproß eines türkischen Fließbandarbeiters. Welcher der beiden Fünfzehnjährigen geht wohl eher aufs Gymnasium?

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Richtig. Pikanterweise besucht der Arztsohn auch dann mit größerer Wahrscheinlichkeit die höhere Schule, wenn beide Schüler die gleiche Intelligenz und die gleichen Fähigkeiten besitzen. Das geht aus der neuesten Pisa-Schülerstudie hervor, deren Ergebnisse am Donnerstag in Berlin vorgestellt wurden: Verglichen mit einem Facharbeiterkind, hat der Akademikernachwuchs in Deutschland viermal größere Chancen, das Gymnasium zu besuchen. In Bayern liegt dieser Wert sogar bei 6,7.

          Eigentlich lautet die Frage also: Ist das gerecht? Darf das sein?

          Die Chancenungleichheit

          Schon in den Tagen vor der offiziellen Bekanntgabe der Pisa-Zahlen schlugen die Wellen hoch. Die üblichen Verdächtigen kramten ihre üblichen Argumente hervor und droschen in üblicher Manier aufeinander ein: Das deutsche Schulsystem mit seiner frühen Auslese verschärfe die Chancenungleichheit, wetterte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, der Deutsche Philologenverband nahm das Gymnasium in Schutz. Grünen-Politiker forderten mal wieder mehr Gesamtschulen, während Union und FDP notorisch die Leistungsfähigkeit des dreigliedrigen Schulsystems rühmten.

          Wer sich nicht hauptberuflich mit Bildungsfragen beschäftigt, hat an solchen Debatten wenig Spaß. Beide Seiten kämpfen vorgeblich im Dienste des Wahren, Schönen, Guten und interpretieren identische Fakten in gegensätzlicher Weise, eine Annäherung oder Lösung scheint fern - und dem ermüdeten Laien wird schwindelig, sonst nichts.

          Dabei ist die Lage so eindeutig wie ernst. Es gibt in allen Industrienationen einen Zusammenhang zwischen Elternhaus und Bildungschancen, aber in Deutschland ist diese Kopplung besonders eng. Immer neue Studien haben in den vergangenen Jahren den Einfluß elterlicher Bildung und Einkommensverhältnisse auf die Schulkarriere belegt - vom Vorschulalter über die Grundschule bis hin zu den Fünfzehnjährigen der Pisa-Studie. Und selbst an den Universitäten wächst seit zwei Jahrzehnten der Anteil der Studenten aus gehobenem Elternhaus.

          „Das ist ein Unding“

          „Je länger die Kinder bei uns zur Schule gehen, um so größer wird der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Schulerfolg“, bilanziert Schulforscher Wilfried Bos, der die Iglu-Grundschulstudie geleitet hat: Schon bei Viertkläßlern aus der Oberschicht sei eine Gymnasialempfehlung 2,6mal wahrscheinlicher als bei genauso schlauen Kindern aus der Unterschicht. „Das ist ein Unding“, sagt Bos.

          Sechsjährige aus Verhältnissen mit niedrigem Einkommen können sich schlechter ausdrücken, konzentrieren und alleine beschäftigen als ihre Altersgenossen aus wohlhabenderen Familien. In der Grundschule bleibt jedes dritte arme, aber nur jedes zehnte andere Kind sitzen. Außerdem sagt Gerda Holz, die am Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik diese Armutsforschung leitet: „Ärmere Kinder kriegen schlechtere Noten“ - und zwar in allen Fächern außer Sport. Das habe nichts mit Intelligenz oder Leistung zu tun.

          Was also passiert?

          „Die Schere geht weiter auseinander“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Hoffenheims Trainer Alfred Schreuder: „Es geht immer nur um das Wir“.

          Hoffenheims Trainer Schreuder : „So langsam reift hier etwas“

          Siege über Spitzenteams, herbe Niederlagen gegen Außenseiter: Die TSG 1899 Hoffenheim bietet viel Überraschendes. Trainer Schreuder will seine Spieler zur Selbständigkeit auf dem Platz erziehen – auch gegen Bayern München. Ein Interview.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.