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Pilz-Mafia : Die Sammler schießen wie Pilze aus dem Boden

Die Guten ins Körbchen: die Ausbeute aus einem Waldstück bei Dietzenbach Bild: Finger, Stefan

Die Regeln sind klar: Jeder darf in geringen Mengen Pilze für den eigenen Bedarf sammeln. Doch nicht jeder hält sich daran. Und so bleibt die Frage: Was ist dran an den Gerüchten einer Pilz-Mafia im deutschen Wald?

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          Am Samstagnachmittag pirscht sich wieder eine Gruppe durch den Stadtwald im Süden Frankfurts. Den Blick starr nach unten gerichtet stapfen sie über den weichen Waldboden, nur ab und zu hört man das Knacken eines Astes. In kurzen Abständen bückt sich einer der Teilnehmer und legt einen Pilz in seinen geflochtener Korb. Überall sprießen die zur Zeit aus dem Boden. „Das Pilzesammeln liegt gerade im Trend“, sagt Dieter Gewalt, Pilzberater aus Dietzenbach bei Frankfurts, nachdem er seinen Zuhörern den Unterschied zwischen Goldröhrling und Maronenröhrling erklärt hat. „Die Menschen wollen sich wieder selbst darum kümmern, was bei ihnen auf den Tisch kommt.“ Gewalt führt interessierte Sammler, um ihnen die einzelnen Arten nahezubringen und giftige von genießbaren Pilzen zu trennen.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          Aber nicht nur der Pilzberater streift mit seiner Gruppe durch die Wälder – seit ein paar Wochen schon geistert das „Pilz-Mafia“-Gerücht durch die Medien vor allem im Westen des Landes: Große Gruppen vermeintlich osteuropäischer Sammler, die in Reihen durch die Wälder gehen und alle Steinpilze planmäßig abernten. Ende September kochte das Thema wieder hoch, nachdem mutmaßliche Pilzdiebe einen Förster angefahren hatten. Der hatte versucht, eine Gruppe von Pilzesammlern zur Rede zu stellen, weil sie große Mengen an Steinpilzen aus dem Wald schaffte.

          Das Phänomen ist allerdings nicht neu: „Solche Gruppen sieht man immer wieder“, sagt Hans-Ulrich Dombrowski, der Leiter des Forstamtes Rüdesheim im Rheingau, das für den westlichen Taunus zuständig ist. „Es sind momentan ja viele Arbeiter in der Gegend, die sich gerne vor der Weinlese etwas dazuverdienen.“ Und Steinpilze stehen in dieser Jahreszeit in fast jedem besseren Restaurant auf der Speisekarte. Züchten lassen sie sich allerdings nicht. Die meisten Steinpilze, die in Deutschland auf den Markt kommen, werden aus Osteuropa importiert. Gerade bei Pilzen zählt aber absolute Frische. Viele Restaurants kaufen daher gerne heimische Ware. Dass auch bei der „Pilz-Mafia“ hierzulande hinter vorgehaltener Hand immer von Osteuropäern die Rede ist, hat für Dombrowski einen ganz einfachen Grund: „Die kennen sich einfach sehr gut aus, dort isst man Pilze wie bei uns Gemüse.“

          Sieh da, ein Rotfußröhrling! Pilzberater Dieter Gewalt zeigt, worauf bei der Bestimmung zu achten ist. Bilderstrecke

          Das Pilzesammeln ist in deutschen Wälder eigentlich auch nicht verboten. Grundsätzlich darf jeder mit seinem Korb in den Wald gehen. Wie viele andere Waldpilze werden die Steinpilze aber durch die Bundesartenschutzverordnung geschützt. Die gestattet das Sammeln nur „in geringen Mengen für den eigenen Bedarf“. Gerade diese weichen Regeln stellen die Naturschutzbehörden jedoch vor besondere Probleme. Nicht nur, dass die illegalen Pilzsammler in den Wäldern schwer aufzuspüren sind; trifft man sie an, hat jeder nur einen Korb mit ein paar Pilzen in der Hand. Was genau „geringe Mengen“ sind und was der „eigene Bedarf“, regelt das Gesetz nicht. „Für den einen ist es, was am selben Abend in der Pfanne landet, der andere geht für ein paar Monate im Voraus sammeln und trocknet die Pilze oder friert sie ein“, sagt Dieter Stockmann vom Naturschutzamt im Landkreis Main-Spessart. In der Schweiz gälten zumindest klare Grenzen: zwei Kilogramm pro Person und Tag. „In Deutschland lässt der Gesetzgeber dies bewusst offen – ,in die Pilze‘ zu gehen ist halt eine althergebrachte Tradition.“

          Um die illegalen Sammler zu überführen, müssten die Aufseher sie also dann abpassen, wenn sie ihre Ware gerade in großen Mengen abliefern; der Eigenbedarf wäre widerlegt. Doch bis die Polizei in die Wälder kommt, um die Pilzdiebe dingfest zu machen, sind die meist auf und davon. So einfach ist das Geschäft, dass sich keiner die Mühe macht, es zu legalisieren. Denn selbst das kommerzielle Ernten von Pilzen ließe sich durch die Naturschutzämter genehmigen. Anträge gehen hierfür aber nur selten ein. „Wahrscheinlich ist den das den Gruppen zu unflexibel, weil die Genehmigung dann immer nur für ein kleines Stück Wald gelten würde“, sagt Dieter Stockmann.

          Es bleibt die Frage, welchen Schaden die vermeintliche Mafia in den Wäldern anrichtet. „Was wir als Pilz ernten, ist eigentlich nur die Frucht“, sagt Pilzberater Gewalt. Der eigentliche Pilz, das sogenannte Myzel, ist ein Geflecht aus fadenförmigen Zellen unter der Oberfläche im Waldboden. „Wenn Sie den Fruchtkörper ordnungsgemäß abernten und den Waldboden nicht aufreißen, tut man dem Pilz eigentlich nichts zuleide.“ Bei passender Witterung wachse ein neuer Fruchtkörper schnell nach. Das zumindest scheint auch die Pilz-Mafia zu beachten. Dass die Gruppen die Pilze ausreißen und die Moospolster zerstören, hat auch Gewalt noch nicht gesehen. „Aber man ärgert sich, dass die ganzen Bestände abgeerntet sind.“ Nur für sehr seltenen Arten seit das flächendeckende Abernten eine wirkliche Gefahr, weil die Pilze weniger Sporen verteilen könnten.

          Viele Förster sehen ohnehin ein anderes Problem: Genau in der Pilzsaison von Mitte September bis Mitte Oktober kommt das Rotwild in die Brunft. In dieser Zeit sind die Waldtiere besonders empfindlich und lassen sich leicht aufscheuchen. Die Forstbehörden versuchen, gewisse Gebiete des Waldes für das Wild zu schützen, doch den Pilzsammlern sind selbst die Sperrungen oft reichlich gleichgültig. Während sich die meisten Freizeitgäste auf den Nachmittag beschränkten, würden die illegalen Gruppen schon früh am Morgen kommen und durchkämmten planmäßig den ganzen Wald, sagt Horst-Karl Dengel, der Leiter des Regionalforstamtes Hocheifel-Zülpicher Börde, wo es Ende September zu dem Angriff auf den Revierförster kam. „Die gehen dann in jeden Winkel des Waldes und treiben das Wild aus den letzten Ecken.“ Dengel hofft nun auf die schon winterliche Kälte: „Dann ist die Pilzsaison endlich zu Ende, und der Wald kommt wieder zur Ruhe.“

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