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Pilotprojekt Gemeinschaftsschule : Abenteuer Unterricht

Wenn ältere und jüngere Schüler im gleichen Klassenraum sitzen, können beide profitieren Bild: Zimmermann, Julia

In Berlin begeistern sich bildungsbewusste Eltern für eine Gemeinschaftsschule. Kein Schüler wird aufgegeben, lautet das Prinzip. Zensuren soll es bis zur achten Klasse nicht geben. Die Eltern hoffen, dass auch kluge Kinder dort mehr und besser lernen.

          7 Min.

          Auf dem Fußboden vor der Tafel, dort, wo in anderen Klassen das Lehrerpult steht, liegen acht verschiedene Stapel Arbeitsblätter. Schmale Häuser mit spitzem Giebel sind darauf, jede Etage zwei Kästchen. Unter dem Dachfirst steht eine Zahl, die es zu zerlegen gilt - Einer, Zehner, auch Tausender. „Es ist für jeden etwas dabei, um Matheforscher zu sein“, sagt Silke Lembcke, und dann: „Nicht so gut fände ich allerdings, wenn man sich etwas aussuchen würde, das man schon sehr gut kann. Warum?“ Maxi meldet sich. „Da würde man fast nichts lernen“, sagt der Drittklässler. Die Lehrerin nickt. „Unser Gehirn will ja immer weiter“, sagt sie. Auch die Schulanfänger lauschen gebannt. Grüppchenweise kommen die Kinder nach vorne und wählen ein Arbeitsblatt. Ihre Schritte federn, die Gesichter sind wach und gespannt. Viele sehen aus, als könnten sie es kaum erwarten. Als läge vor ihnen nicht Mathematik, sondern das Abenteuer einer Schatzsuche.

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Während in Hamburg der Schulkampf tobt, weil das bildungsbewusste Bürgertum gegen sechs Jahre Primarschule kämpft und das Gymnasium als idealen Weg zum Abitur verteidigt, passiert in Berlin etwas Erstaunliches: Die akademische Mittelschicht in Prenzlauer Berg überrennt eine neu gegründete Ganztagsschule, die Kritiker als Untergang des Abendlandes fürchten. Gemeinsamer Unterricht bis Klasse zehn, und das in Gruppen, die jeweils drei Jahrgänge umfassen - „Gleichmacherei“, schimpften Oppositionspolitiker, bevor das Vorzeigeprojekt des rot-roten Senats im Sommer 2008 mit elf Pilotschulen an den Start ging. Aber in Prenzlauer Berg scheint der ewige Streit um die Struktur des Schulsystems, der vermeintliche Gegensatz zwischen Eliteförderung und Chancengleichheit, überholt.

          Die Augen des Jungen leuchten

          Die Schulleiterin der Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule spricht von einer Vision: Kinder in heterogenen Lerngruppen zu Bestleistungen zu bringen. Für das laufende Schuljahr haben sich dreimal mehr Schüler beworben, als es Plätze gab. Am Ende wurde gelost. Bisher werden rund 220 Schüler bis einschließlich dritte Klasse unterrichtet, jedes Jahr soll eine Stufe dazukommen, bis auch das Abitur möglich ist, von dem derzeit noch niemand weiß, wie es aussehen wird. „Wer sich im Bezirk nach einer guten Schule umhört, kommt an der Gemeinschaftsschule nicht vorbei“, sagt ein Vater, dessen Sohn nach zwei Jahren an der elitären Phorms-Privatschule zur Projektschule gewechselt ist. Er findet die Grundkonzepte vergleichbar: Beide Einrichtungen holten die Kinder dort ab, wo sie stünden, um sie individuell zu fördern.

          Eigenständig: Erstklässlerin Nora macht Mathe
          Eigenständig: Erstklässlerin Nora macht Mathe : Bild: Zimmermann, Julia

          Bruno zum Beispiel hat sich sein eigenes Rechenhaus ins Arbeitsheft gemalt. Es hat zwölf Stockwerke, unter dem Giebel steht die Zahl 855. Jetzt füllt der Achtjährige eine Etage nach der anderen. 243 und 612 schreibt er zum Beispiel. Ein anderer Drittklässler zerlegt 165.978 in gleich sechs Zahlen. Einen Tisch weiter malt Paul anstelle von Ziffern Punkte in die Kästchen wie bei einem Würfel. Im Vorbeigehen schiebt die Lehrerin ihm eine Schachtel zweifarbige Pappchips zu - zur Veranschaulichung. Hier kniet sich Silke Lembcke an einen Gruppentisch und berät, dort legt sie den Arm um einen Schüler und hakt nach. Als habe sie genau im Blick, wer welche Unterstützung braucht. „Ich kenn' ja die Kinder“, sagt die Vierzigjährige. Ständig laufen Schüler zur Tafel oder reden miteinander. Trotzdem ist es nicht laut. Einer der Schulanfänger hat sich wie die Großen sein eigenes Haus ins Heft gemalt. Im Giebel steht eine 100. Die Augen des Jungen leuchten.

          Das aber haben Studien widerlegt

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