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Picknicks immer beliebter : Zurück zur Mahlzeit an der frischen Luft

Picknicken ist so alt wie die Menschheit selbst – und erfährt in diesem Sommer immer größere Beliebtheit. Bild: Max Kesberger

Picknicks werden als ideale Form des Essens in pandemischen Zeiten immer beliebter. Jetzt bietet sich auch Deutschland die Gelegenheit, zu den führenden Picknick-Nationen Frankreich und England aufzuschließen. Die Kolumne Geschmackssache.

          4 Min.

          Es hat die Menschheit Zehntausende Jahre Zeit und Mühe gekostet, sesshaft zu werden und sich ein festes Dach über dem Kopf zu bauen, inklusive Küche, Bett, Tisch und der passenden Stühle dazu – ein gewaltiger zivilisatorischer Fortschritt, der während der warmen Jahreszeit leichtfertig verspielt wird. Dann kriechen viele Menschen freiwillig zurück in provisorische Unterkünfte aus Zeltstoff, schlafen wie das Vieh auf dem Boden, suchen in mobilen Behausungen Unterschlupf, als wären sie Schnecken oder Muscheln, und nehmen ihre Mahlzeiten wieder wie Höhlenbewohner auf der Erde hockend unter freiem Himmel zu sich. Es ist ein Rückfall in die Archaik, von dem im Grunde nur eine Facette satisfaktionsfähig ist, und das auch nur, wenn man sie mit einem gewissen Stil praktiziert: das Picknick.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Mahlzeiten an der frischen Luft sind so alt wie die Menschheit selbst. Adam und Eva aßen so, die Bergpredigt war nichts anderes als ein biblisches Massen-Picknick, Griechen und Römer betteten sich gern auf das Stibadion, eine Art Sitzsack mit Strohfüllung, und ließen sich von nackten Knaben Wein einschenken. Dass die Picknick-Tradition im Mittelalter nicht verlorenging, wissen wir aus Boccaccios „Decamerone“ und Chaucers „Canterbury Tales“. Doch ihre wahre Renaissance sollte sie erst im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert erleben, als der Adel das Essen im Freien als willkommene Flucht aus lauten, dreckigen Großstädten wie Paris und London für sich entdeckte – und nebenbei mit lästigen, lustfeindlichen Konventionen brechen konnte, denn unter freiem Himmel war es Männern und Frauen nicht möglich, sich nach dem Mahl in getrennte Räume zurückzuziehen, wie es der Anstand gebot. In der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts entstand auch der Begriff Picknick, der sich aus den französischen Wörtern „piquer“ für stechen und „nique“ für Kleinigkeit zusammensetzt. Allerdings beanspruchen auch die Engländer die Wortschöpfung für sich und bemühen als Beweis dafür „pick“ für Greifen und „nick“ für Augenblick.

          Engländer und Franzosen sollten denn auch zu den größten Picknick-Enthusiasten Europas heranreifen. Samuel Pepys ließ sich nicht einmal von der Pest davon abhalten, bei Bootsfahrten auf der Themse zu speisen, in John Miltons „Paradise Lost“ oder Jane Austens „Emma“ spielen Freiluftmahlzeiten eine zentrale Rolle, und die strenge Königin Victoria, die sich nicht viele Vergnügungen gönnte, machte beim Picknick eine Ausnahme, zelebrierte es mit Sheffield-Silber, Scones-Etageren und Shortbread und wurde so zum Vorbild einer ganzen Nation. Eher ein Amüsement für die besseren Stände blieb hingegen das Schlachtfeld-Picknick, das während des Krim-Kriegs seine Blüte erreichte: Hocharistokraten ließen sich auf Hügeln mit gutem Gemetzelblick nieder und naschten während des Schlachtengetümmels aus ihren eigens von Fortnum & Mason bestückten Körben Schildkrötensuppe, Gänseleberpastete und Rentierzungen.

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