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Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz : Universalgenie mit tiefen Augenhöhlen

  • -Aktualisiert am

Der Gipsabguss des Schädels von Gottfried Wilhelm Leibniz in der Hannoveraner Neustädter Hof- und Stadtkirche Bild: Daniel Pilar

Zu Ehren des großen Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz können Schaulustige während den achten Leibniz-Festtagen einen Original-Abguss seines Schädels in der Neustädter Hof- und Stadtkirche begutachten.

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          Die Totenmasken Luthers in Halle oder Beethovens in Bonn: Originale, die belegen, wie große Geister aussahen, üben einen eigentümlichen Reiz aus. Auch offenbar falsche Artefakte wie der „Schillersche Schädel“ in der Weimarer Fürstengruft. Von Donnerstag an wird der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz zu jenen zählen, die „direkt“, nicht nur in künstlerisch verfremdeten Bildern oder Büsten, sichtbar werden.

          Zum ersten Mal wird dann – für wenige Wochen – ein Original-Abguss seines Schädels in der Neustädter Hof- und Stadtkirche in Hannover ausgestellt, wo Leibniz auch beigesetzt ist. Zu verdanken ist das der Pastorin der Hofkirche, Martina Trauschke, die den Schädel im behüteten Privatbesitz eines Antiquars fand. Der Mann hatte ihn Mitte der neunziger Jahre aus einem Nachlass erworben.

          Schädelabguss ist kleine Sensation

          Die Hofkirche, in der Leibniz, der Bibliothekar, Jurist und Historiograph am Welfenhof und führende Gelehrte der frühen Aufklärung, 1716 beigesetzt wurde, trug im vergangenen Jahrzehnt dazu bei, dass sich Hannover auf dieses Erbe berufen kann. Im September finden dort die achten Leibniz-Festtage statt mit Führungen, Gottesdiensten und Vorträgen Gelehrter selbst aus Japan, wo wie in China Leibniz fast stärker als in Deutschland beachtet wird. Sein Name ist nun vielerorts präsent in der Stadt. Die Universität und die Landesbibliothek tragen ihn, und letztere hütet den zum Weltdokumentenerbe erklärten Briefwechsel des Philosophen und die von ihm erfundene erste Rechenmaschine der Welt.

          Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz wurde am 1. Juli 1646 in Leipzig geboren und starb 1716 in Hannover

          So ist das Erscheinen des Schädelabgusses eine kleine Sensation, auch wenn nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden kann, dass es in der Tat „der“ Schädel ist – alles spricht aber dafür. Der jüngste Beleg kam von einem Anatomen der Medizinischen Hochschule in Hannover. Er glich am Montag den Abguss mit Messungen und Fotos des Schädels ab, die bei einer Graböffnung 1902 aufgenommen worden waren – alle Daten stimmten überein.

          Begräbnisstätte an der „Straße der Toleranz“

          Letzte Zweifel gründen sich darauf, dass es mehrfach Umbettungen und Öffnungen des Grabes gab. Als Leibniz beigesetzt wurde, hatte er noch nicht den Rang, den die Welt der Wissenschaft und Philosophie ihm später beimaß, als er in der Hofkirche umgebettet wurde und die Grabplatte mit der Aufschrift „Ossa Leibnitii“ (Leibniz’ Gebeine) sowie der kleine Sandsteinsarkophag nahe an den Altar rückten.

          Die barocke Hallenkirche, die im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde, passt zu Leibniz nicht nur historisch als Begräbnisstätte für Hofbeamte und Hofprediger, sondern auch mit ihrer Lage in der „Roten Reihe“. An dieser „Straße der Toleranz“ stehen die Kanzlei der größten Landeskirche der deutschen Protestanten, die katholische Probsteikirche und die Reformierte Kirche, bis zum Jahr 1938 stand hier zudem die Synagoge. Der Autor der „Essais de théodicée“ zur „Rechtfertigung Gottes“ und Meister der Toleranz und Ökumene dürfte sich also heimisch fühlen.

          Eine späte Ehrung

          Zur Geschichte des Grabes von Leibniz ist manches belegt und wahrscheinlich, aber nicht unumstößlich gesichert. Erst 70 Jahre nach seinem Tod, als der Geniekult aufkam, bekam sein Grab eine steinerne Namensplatte. Nach der ersten dokumentierten Graböffnung 1902 gab es drei weitere Umbettungen oder Öffnungen, die jüngste 1992.

          Im Jahr 1902 untersuchte der Berliner Mediziner Wilhelm Krause – selbst dessen Vorname ist erst seit dieser Woche bestätigt – die Knochen im Grab und dokumentierte sie. Alles stimmte überein mit Leibniz’ bekannter Krankengeschichte und überlieferter Physiognomie. Der Abguss, der nun ausgestellt wird, stimmt bis in die Details – Einkerbungen des leicht asymmetrischen Schädels, tiefe Augenhöhlen und ein hervorstehender abgekauter Eckzahn – mit Fotos aus den Jahren 1902 und 1992 überein.

          Abstammung ist noch nicht ganz klar

          Ungewiss scheint nun nur noch eines: Stammt der einzige bekannte, nun bald ausgestellte Abguss aus dem Jahr 1902 oder von einer Graböffnung Ende 1943? 1902 wurden mehrere Gipsabgüsse hergestellt, für die Mittvierziger ist das wahrscheinlich, aber nicht gesichert. Abgüsse etwa in der Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin und im hannoverschen Kestner-Museum gingen offenbar in den Kriegswirren verloren.

          Dass der wohl einzig erhaltene Abguss in den Monaten vor Kriegsende entstanden sein dürfte, ergibt sich aus dem Nachlass, mit dem der Antiquar den Abguss erwarb. Er stammt von der betagten Witwe eines Beamten, der sie als Dankesgabe von der „Anstalt für Germanische Volks- und Rassenkunde in der Gauhauptstadt Hannover“ bekommen haben dürfte.

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