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Peru : Das Geheimnis von Nazca ist gelüftet

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Die rätselhaften Linien von Nazca sind entschlüsselt Bild:

An Theorien über die altertümlichen Scharrbilder von Nazca in Peru hat es noch nie gemangelt. Waren die Zeichnungen etwa von Außerirdischen gemalt? Ein internationales Forscherteam glaubt nun, die wahren Hintergründe zu kennen.

          Tuckernd legt sich das Motorflugzeug in die stabile Seitenlage und dreht den vier Passagieren die Mägen auf links. Wenige hundert Meter tiefer liegt wie ein beigebrauner Knitterteppich die Pampa von Nazca, trostloser Nordausläufer der Atacama-Wüste. Dann erscheinen helle Linien im braunen Einerlei. „Zur Linken ist jetzt der Wal zu sehen, 62 Meter lang“, knarzt die Pilotenstimme aus dem Kopfhörer, „das zwei Kilometer lange Trapez auf dem Hügel zu Ihrer Rechten.“ Wie Markierungen auf einem lebensgroßen Landschaftsmodell beschreiben die Linien von Nazca die Wüste im Süden Perus. Landebahnen für Außerirdische? Eine Landschaftskarte unterirdischer Wasserströme? Navigationslinien für prähistorische Fesselballone aus Binsen und Baumwolle? Oder der größte astronomische Kalender der Welt?

          An Theorien über die altertümlichen Scharrbilder von Nazca hat es noch nie gemangelt, seit sie 1926 bei einem Überflug wiederentdeckt wurden. Vor allem die Ufo-Theorien des Archäo-Phantasten Erich von Däniken haben die kilometerlangen Linien und Tierfiguren, die vor Jahrtausenden in die Wüste gescharrt wurden, im Gespräch gehalten. Schließlich schienen die gigantischen Bodenzeichnungen einzig aus der Luft erkennbar zu sein.

          Theorie bekannt, aber bislang unbewiesen

          Jetzt aber behauptet der peruanische Archäologe Johny Isla: „Wir haben die Lösung!“ Ein gewagter Ausruf, handelt es sich bei den Nazca-Linien doch immerhin um eines der größten Rätsel der Archäologie. Die Antwort jedoch sei so verblüffend einfach, dass mancher sie nicht glauben wolle. Islas Team aus deutschen, schweizerischen und peruanischen Wissenschaftlern hat herausgefunden, dass die berühmten Linien einst als Prozessionswege für rituelle Großveranstaltungen angelegt wurden. Diese Theorie hatten vor ihnen schon andere vertreten, jedoch nie beweisen können. Entgegen der gängigen Meinung ist der Großteil der „Geoglyphen“ zudem sehr wohl von anderen Punkten des Geländes aus zu sehen. Islas Kollege Karsten Lambers hat dies mit einer Computersimulation bewiesen. Und schon lösen die Ufos und Ballone sich in Luft auf.

          „Der Astronaut” heißt diese gigantische Nazca-„Zeichnung”, aber mit der Theorie von den Außerirdischen ist es jetzt endgültig vorbei

          „Niemand hat vor uns eine komplette Karte der Pampa erstellt“, streicht Isla heraus, geschweige denn ein dreidimensionales Modell. Der 44 Jahre alte Forscher vom Andeninstitut für Archäologische Studien (Indea) ist schon sein halbes Leben lang mit dem Mysterium der Wüste verwoben. Mehrere Monate im Jahr lebt er in einem Landhaus in Palpa, 20 Kilometer nördlich von Nazca. Hier finden sich, anders als in Nazca selbst, Scharrbilder direkt neben den Siedlungen der untergegangenen Kulturen, so dass die Archäologen zum ersten Mal das Leben der Menschen erforschen können, welche die Linien geschaffen haben. Da es vor allem in Nazca extrem schwer sei, eine Grabungserlaubnis zu bekommen, habe es bislang kaum archäologische Erkenntnisse gegeben, erläutert Isla: „Die Entstehung der Geoglyphen, ihr Umfeld und die Entwicklung von Landschaft und Klima wurden bislang vernachlässigt.“

          Flehen um Regen

          Gemeinsam mit Markus Reindel vom Deutschen Archäologischen Institut (DAI) rief Isla deshalb ein interdisziplinäres Team von Fachleuten zusammen. Die neuen Spürhunde kamen aus der Geographie, der Geophysik, der Anthropologie, aber auch aus so exotisch klingenden Zweigen wie der Geomatik, Geomorphologie, Archäochronometrie, Paläogenetik, Isotopie, Paläobotanik, Archäometallurgie und Montanarchäologie. Zehn Jahre eifriges Bodenschnüffeln wurden jetzt von Erfolg gekrönt. Bei ihren Untersuchungen entdeckten die Wissenschaftler bislang verborgene Altäre und Opfergaben an den Eckpunkten der Bodenzeichnungen. Opfergaben für den von Tonscherben bekannten fliegenden Katzengott, der alles von oben beobachten würde.

          Außerirdische Beobachter brauchte es also keine. Aber benötigten die Peruaner nicht zumindest überirdische Hilfe für das Ziehen der Linien? Offenbar nicht, denn die Archäologen haben zehn Meter lange Pfähle gefunden, von denen aus die Baumeister die Zeichnungen ins Geröll dirigieren konnten. Diese mit Wimpeln geschmückten Masten sind schon auf alten Keramiken dargestellt. In der Nähe der Altäre stießen die Forscher zudem auf Reste von Meeresfrüchten. Aufschlussreich darunter vor allem die Spondylus-Muschel, die normalerweise nur im fernen Ecuador vorkommt und nur nach starken Regenfällen Richtung Süden gespült wird, wenn das Wetterphänomen „El Niño“ wütet. Die Forscher gehen deshalb davon aus, dass die Muschel den Wüstenbewohnern als Fruchtbarkeitssymbol galt. „Wasserkulte spielten offensichtlich eine zentrale Rolle bei der Anlage der Bodenzeichnungen“, sagt Reindel. Auf den Linien haben demnach große, festliche Prozessionen stattgefunden, wie sie heute noch in den Anden vorkommen. Die Peruaner marschierten, tanzten, boten Opfer dar und flehten so die Götter um Regen an.

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