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Peru : Das Geheimnis von Nazca ist gelüftet

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Legendär: die Geographin Maria Reiche

Im Bonner Wissenschaftszentrum hat Reindel die Ergebnisse des Forschungsprojektes unter der Leitung der Kommission für Archäologie Außereuropäischer Kulturen (KAAK) jüngst der Öffentlichkeit vorgestellt. Reindels Fazit: „Kulturhistorische Fragen können nicht immer allein mit den Methoden der Archäologie beantwortet werden.“ Diese Erfahrung musste schon die deutsche Geographin Maria Reiche machen, die ein halbes Jahrhundert ohne Wasser und Strom in der Wüste lebte, um den Sinn der Linien zu entziffern. Ihre Theorie, dass es sich bei den Linien um „das größte astronomische Buch der Welt“ handele, konnte sie jedoch bis zu ihrem Lebensende 1998 nicht beweisen.

Johny Islas „Haus der Archäologen“ steht heute nur wenige Autominuten von Reiches Haus entfernt zwischen Bougainvilleen an der Panamericana. Amerikas große Nord-Süd-Transversale wurde vor einigen Jahrzehnten quer über die Pampa von Nazca gezogen. Einige der Figuren schneidet sie sogar mitten entzwei. Isla steigt in seinen roten Pick-up. Mit seiner roten Baseball-Mütze wirkt der stämmige Archäologe wie der Trainer einer Sportmannschaft. Er fährt hinaus in die Wüste.

Vorläufer Paracas-Kultur

Hier haben die Forscher um Isla einen Zeittunnel aufgetan, der sie zurück ins Jahr 3800 vor Christus brachte, zu einer längst untergegangenen Kultur. „Die Paracas-Kultur ist der direkte Vorläufer von Nazca“, sagt Isla. Bis vor kurzem nahm man noch an, dass es sich um verschiedene Kulturen handelte. Nun aber sei klar, dass es hier eine Jahrtausende lange, durchgehende Entwicklung gab. Vom Jahr 800 vor Christus an begannen die Südperuaner, ihre Keramik-Motive vom großäugigen Gott und der heiligen Katze auf die Seiten der Hügel bei Palpa zu übertragen. Unter den Stiefeln knirscht Geröll, ein rauher Trampelpfad durch die Einöde. „Merken Sie, wie fest der Boden hier ist?“, fragt der Archäologe und stampft zum Vergleich neben den Pfad. Dort gibt der Sand unter dem Geröll merklich nach. Dann verrät Isla grinsend: „Sie gehen gerade auf einer Nazca-Linie.“ Die starke Bodenkompression verrät den Forschern, dass auf den Linien viele Menschen entlanggegangen sind – vermutlich zeremoniell, denn als Verbindungswege taugen die meisten Linien nicht. Das gilt besonders für die etwa 70 Tier- und Götterdarstellungen, die nur zehn Prozent aller Linien ausmachen und vermutlich als begehbare Fruchtbarkeitssymbole dienten.

Isla hebt eine stark verwitterte Terrakotta-Scherbe auf: „Eindeutig Paracas-Kultur.“ Schon vor fast 3000 Jahren feierten die Südperuaner rituelle Feste in der Nähe ihrer Götzenbilder. In Tongefäßen brachten sie Opfergaben mit oder einfach zünftiges Maisbier, „Chicha“, um den Anlass zu begießen. Dann stehen wir vor den Paracas-Bildern, dem Gott mit den großen Augen, die wie eine Brille aussehen, und einem Krieger, der einen Vogel erlegt hat. Bis zu 30 Meter groß sind die hellen Bilder an den dunklen Hängen. Es sind die Vorgänger der Nazca-Bilder, die kurz vor der Zeitenwende den Weg auf die Ebenen fanden und dort zu 300 Meter langen Tierzeichnungen, kilometerlangen Trapezen und Linien wuchsen.

Die Gegend verwüstete

„So entstand im Laufe der Zeit eine zusammenhängende rituelle Landschaft“, erzählt Isla. Grund war der Klimawandel: Je trockener es wurde, desto mehr mussten sich die Priester einfallen lassen, um das Wasser aus den Anden herabzubeschwören. Neun von zehn Linien und Trapezen weisen deshalb in Richtung der heilsbringenden Berge. Lange ging der Zauber gut, doch um 600 nach Christus war das Gebiet endgültig verwüstet. Wenn es überhaupt einmal regnete, dann so heftig, dass ganze Dörfer hinweggespült wurden. Die Menschen verließen Nazca, um anderswo grünere Weiden zu finden. Als das Klima nach einigen Jahrhunderten wieder feuchter wurde und die Siedler zurückkamen, hatten sie die Kultur ihrer Ahnen längst vergessen. Erst heute geben die Scharrbilder ihr Geheimnis langsam wieder preis.

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