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Paula Begoun über Kosmetiklügen : „Leere Versprechungen, totaler Quatsch“

  • Aktualisiert am

Paula Begoun hält Cremes für Quatsch Bild: Hagmann, Roger

Es gibt keinen Beweis dafür, dass Cremes Falten verschwinden lassen. Sich eine Augencreme zu kaufen ist also rausgeworfenes Geld, sagt Kosmetikexpertin Paula Begoun. Ein Interview über die Lügen der Kosmetikindustrie.

          Es gibt keinen Beweis dafür, dass Cremes Falten verschwinden lassen. Sich eine Augencreme zu kaufen ist also rausgeworfenes Geld, meint Kosmetikexpertin Paula Begoun.

          Die Kosmetikindustrie behauptet immer wieder, dass man mit Hilfe einer Hautcreme das Alter hinauszögern kann. Stimmt das?

          Kennen Sie irgendeinen Plastischen Chirurgen, der seine Tätigkeit aufgegeben hat, weil eines der 5000 Anti-Aging-Produkte gewirkt hätte, die allein im vergangenen Jahr auf den Markt gebracht wurden? Ich werte seit mehr als zwanzig Jahren Forschungsergebnisse aus, spreche mit Dermatologen, Wissenschaftlern und Medizinjournalisten. Es gibt keinen Beweis dafür, dass man mit Hilfe von Cremes Falten verschwinden lassen kann. Es gibt Inhaltsstoffe, die helfen, die Struktur der Hautzellen zu verbessern oder sie vor Umweltschäden zu schützen. Aber die Versprechungen der Kosmetikindustrie, das Altern aufhalten zu können, sind reine Behauptungen.

          „In Augencremes ist nichts anderes enthalten als in Tagescremes”

          Falten entstehen vor allem unterhalb der Augen. Helfen dagegen auch keine speziellen Augencremes?

          Sich eine Augencreme zu kaufen ist rausgeworfenes Geld. Ganz sicher! Es gibt keine Untersuchung, die belegt, dass die Augenpartie eine andere Behandlung benötigt als der Rest des Gesichts. Abgesehen davon, ist in den Augencremes meistens nichts anderes enthalten als in normalen Tagescremes, aber sie werden als etwas ganz Besonderes für den doppelten Preis verkauft. Manchmal wird noch etwas Koffein hineingeschüttet, aber das bringt nun wirklich gar nichts.

          Warum nicht?

          Ganz einfach: Es gibt keinen Beweis dafür! Angeblich soll Koffein auch Fett verbrennen. Wenn das so wäre, würde es in meiner Heimatstadt Seattle keinen einzigen übergewichtigen Menschen geben, denn hier ist das Headquarter von „Starbucks“, und wir führen uns den Kaffee quasi intravenös ein.

          Also hilft es auch nicht gegen Cellulite, wie jetzt propagiert?

          85 Prozent der Frauen haben Cellulite, und nur fünf Prozent der Männer leiden darunter. Das Problem hat also nichts mit Fett zu tun, denn es leiden nicht 85 Prozent der Frauen unter Übergewicht. Cellulite hängt also mit den Hormonen zusammen. Leider gibt es bislang nichts - keine Creme und keine spezielle Anwendung -, die diese Hautveränderung aufhalten könnte.

          Auch nicht ein exklusives Produkt für hundert Euro?

          Nein. Oft wird uns suggeriert, ein teures Produkt sei besser als ein billiges. Das ist totaler Quatsch. Mehrere hundert Euro für eine Hautcreme auszugeben ist eine Sünde. Egal, wie gut die Creme ist - man kann sie in jedem Fall billiger haben. Was ich der Kosmetikindustrie vorwerfe, sind nicht nur ihre falschen Versprechungen, sondern auch die teilweise irrationalen Preise.

          Sie kritisieren die Firmen auch dafür, dass sie mit Wunderstoffen wie Vitamin E oder Q10 werben, die dann aber nur in kleinen Mengen im Produkt vorhanden sind.

          Allerdings. Abgesehen davon, ob der Inhaltsstoff überhaupt etwas bewirkt, ist es einfach verrückt, wenn so gut wie nichts davon in einer Creme zu finden ist. Wenn Sie einen Schokoladenkuchen kaufen, erwarten Sie, dass er vor allem aus Schokolade besteht und nicht aus Mehl und Wasser.

          Häufig wird behauptet, natürliche Produkte seien besser für die Haut als synthetische. Stimmt das?

          Die Forschung stützt diese Auffassung nicht. Zum einen gibt es viele natürliche Produkte, die schlecht für die Haut sind. Lavendel zum Beispiel oder Zitrone: Trägt man diese Stoffe auf die Haut auf, hat das einen ähnlichen Effekt wie Sonnenbrand. Auch Pfefferminze und Eukalyptus können zu Hautirritationen führen. Fakt ist: Es gibt sehr gute natürliche und sehr gute synthetische Stoffe.

          Eine gängige Auffassung ist auch, dass in Cremes enthaltene Mineralöle unverträglich sind . . .

          Es gibt keine Untersuchung, die besagt, streng kontrollierte Mineralöle seien schlecht für die Haut. Aber es gibt welche, die sagen, Mineralöle können der Haut helfen. Ich wünschte, die Leute würden sich mehr Gedanken über das Rauchen als über Mineralöl machen. Rauchen ist das Schlimmste, was man der Haut antun kann, neben dem Sonnenbaden: Beides zerstört massiv die Hautzellen.

          Paula Begoun

          Die Kosmetikexpertin Paula Begoun, 55, ist Autorin des Bestsellers „Don't go to the Cosmetics Counter without me“. Die Amerikanerin testet darin Produkte und klärt außerdem über Inhaltsstoffe, deren Wirksamkeit und über falsche Versprechungen der Kosmetikindustrie auf. Soeben ist die siebte, aktualisierte Auflage erschienen. Rat können sich Kundinnen auch auf der Homepage www.beautypedia.com holen.

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