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Partnersuche für Vegetarier : Ich lieb’ dich, wie ich bin

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Veganismus sei kein Spleen, sondern „eine Einstellung“, darauf legt Svenja Wert. Die angehende Lehrerin und ihr Mann leben beide vegan, wollen das aber nicht „wie ein Schild vor sich hertragen.“ Dennoch sagt die Achtundzwanzigjährige, dass sie bei einem Fleischesser vermutlich gewisse Beziehungsebenen von vornherein nie in Betracht gezogen hätte. „Ähnlich wäre es, wenn ein Mann sagen würde, dass er Kinder hasst. Er muss selbst keine haben wollen, aber wer Kinder nicht leiden kann, würde bei mir gewisse Gefühle nicht auslösen.“ Wobei man aber nie ganz ausschließen könne, dass der Körper plötzlich ganz anders über einen Menschen denkt als der Geist.

Die Paartherapeutin Brockhausen warnt jedoch davor, sich allzu leichtfertig in solche Abenteuer zu stürzen: „Wer anfangs nur der Leidenschaft folgt, muss sich womöglich irgendwann eingestehen, dass die Beziehung an der Unvereinbarkeit zerbricht.“

Endlose Diskussionen ersticken die Liebe

Wer es trotz aller Unterschiede versuchen möchte, muss an der Beziehung arbeiten. „Ein Raucher und eine Nichtraucherin oder eine Veganerin und ein Fleischesser müssen sich weitaus mehr anstrengen und viel erfinderischer sein als Paare, die in diesen Dingen ein Herz und eine Seele sind.“

Über die Differenzen zu reden, sei natürlich eine gute Idee, sagt Brockhausen – solange beide die Gespräche als bereichernd empfinden. „Diskussionen, die sich im Kreis drehen und bei denen jeder schon weiß, was der andere sagen wird, sind Gift für die Liebe.“ Auch gefährlich sind Kompromisse, mit denen am Ende keiner so richtig glücklich ist. Und wenn der eine für den anderen auf Tierprodukte verzichtet? „Falsch wäre es natürlich, wenn einer irgendwann zähneknirschend klein beigibt“, sagt Brockhausen. „Wenn der Partner das aber aus eigener Überzeugung tut, ist das ein großes Geschenk.“

Anna würde niemals von einem Mann verlangen, dass er für sie vegan wird. „Das funktioniert auch gar nicht, denn dieser Schritt muss von ihm selbst kommen“, sagt die Politik- und Theologiestudentin und lässt sich sichtlich erschöpft auf dem gemütlichen Cordsofa im Café nieder. Bisher dachte die wortgewandte und hübsche Brünette, dass sie problemlos mit einem Fleischesser zusammen sein könnte. Aber jetzt ist sich die Sechsundzwanzigjährige nicht mehr so sicher.

Sie ist in einem Alter, in dem man in Liebesdingen weiter denkt als bis zum nächsten gemeinsamen Abend. „Wenn man zusammen Pläne schmieden will, sollte man in die gleiche Richtung schauen“, sagt Anna. Mit einem, vor dem sie sich nicht ständig erklären müsste, wäre das einfacher. „Es geht nicht nur ums Essen. Wer vegan lebt, engagiert sich oft auch für Tierrechte und hat in vielen Bereichen ganz andere Überzeugungen als die meisten Menschen“, sagt sie. Schnell geht eine zarte Liebespflanze daran zugrunde. Als sie vor kurzem einer nicht ganz unsympathischen Online-Bekanntschaft von dem Hund erzählte, den sie bald bei sich aufnehmen würde, war der fast schockiert. „Das war ihm viel zu viel Verantwortung“, erzählt sie. „Der Mann, den ich liebe, muss aber verstehen können, wenn ich meinem Hund viel Zeit widme.“

Bei den jungen Männern, die draußen auf der Terrasse sitzen, wäre das zu erwarten. Einen von ihnen will sie wiedersehen. Ob er die große Liebe sein könnte, kann sie noch nicht sagen. Denn zum Verlieben gehört noch mehr als Attraktivität und die gleiche politische Einstellung, sagt Brockhausen. „Es kann das verletzliche Lächeln sein, der Geruch oder auch eine ähnliche Lebenserfahrung, die sonst niemand versteht.“ Um das herauszufinden, braucht man wohl mehr als sechs Minuten.

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