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Paris : Die Haute Couture zieht wieder an

Überführung in die Moderne: Bei Valentino bläht sich der Rock zu einem weiten Ballon Bild: AP

Die hohe Schneiderkunst erlebt einen märchenhaften Aufschwung. Und so sehen die Entwürfe, die Valentino, Dior, Lacroix und Chanel in den vergangenen Tagen in Paris präsentierten, auch aus.

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          Haute Couture hat viele Facetten. Eine davon ist italienisch. Fast glaubt man, beim Defilee von Valentino in ein Familientreffen geraten zu sein - und das, obwohl das Familienoberhaupt den Clan verlassen hat. Nun ist das robuste Private-Equity-Unternehmen Permira für die Geschäfte und - seit dem Weggang des Gründers Anfang des Jahres - die fragile Alessandra Facchinetti für das Design verantwortlich. Am Mittwochabend musste sie sich erstmals in der Königsklasse beweisen, der Haute Couture, der hohen Schneiderkunst, mit der Valentino gekonnt über Jahrzehnte die Kundinnen aus dem Jet Set an sich band.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Facchinetti, munkelte man im Vorfeld, sei sehr nervös, weshalb ihr die High Society der italienischen Mode Rückendeckung gab: Giorgio Armani (der zwei Tage zuvor seine Couture-Kollektion gezeigt hatte), seine Nichte Roberta, Tod's-Chef Diego Della Valle, Franca Sozzani, Chefredakteurin der italienischen „Vogue“, waren angereist. Man kennt sich, man grüßt sich, man küsst sich. Man ist vielleicht Konkurrenz, aber im Ausland doch irgendwie auch eine famiglia.

          Das Valentino-Kostüm ist in der Moderne angekommen

          Facchinetti hätte ihrer nicht bedurft. Sie zeigte eine ausgereifte Kollektion für Herbst und Winter, die höflich an den Firmengründer erinnert, aber vor allem mutig genug ist, die über Jahrzehnte eingefahrenen Wege zu verlassen. Das Valentino-Kostüm überführt sie in die Moderne, indem sie den Rock zu einem weiten Ballon aufbläht, der mit Tüll unterfüttert ist, oder aus dem Schößchen der Jacke wilde Volants wachsen lässt. Die sonnen gebräunte Jet-Set-Frau wird bei ihr zum ätherischen Wesen, das betörende Kleider trägt, die mit hunderten glitzernder Wollperlen besetzt sind oder aus vielen Lagen geschnittenem Chiffon bestehen, die senkrecht aneinandergelegt und kurz geschnitten wie ein edles Buch aussehen, dessen Blätter im Wind flattern.

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          Paris : Die Haute Couture zieht wieder an

          Mancher Entwurf wirkt etwas sperrig, wie die silberne Jacke ohne Arme, bei der die Hände aus zwei Schlitzen ragen. Aber das Abendkleid im berühmten Valentino-Rot mit chiffon-überzogenen Perlen, das diesmal das bei Couture-Schauen am Ende übliche Hochzeitskleid ersetze, war ein Beweis dafür, dass Facchinetti auch in Hollywood beste Chancen hat, wo Valentino viele Kundinnen hatte. Roberta Armani rief nach der Schau: „Bellissimo!“ Alessandra Facchinetti war sichtlich erleichtert und blickte Roberta an, als hätte sie ihr zum unerwartet bestandenen Abitur gratuliert.

          Orgel-Inspirationen bei Chanel

          Derlei Unsicherheiten sind Karl Lagerfeld nicht anzumerken, als er den Laufsteg abschreitet. Er ist hier der Veteran, an die 50 Couture-Defilees hat er für Chanel präsentiert - und nie die große Geste gescheut. Auch diesmal nicht. Lagerfeld ließ auf einen runden Laufsteg im Grand Palais Orgelpfeifen bauen so hoch wie ein Einfamilienhaus. Die Idee sei ihm bei einem klassischen Konzert gekommen, sagt er. Es scheint, als hätte sich auch die Kollektion von der U- zur E-Mode gewandelt, als seien die mädchenhaften Geschöpfe der vergangenen Saisons zu Frauen gereift, so wie Claudia Schiffer, die auch nach der Schau an der Seite des Meisters verharrte und das Gesicht der nächsten Kampagne sein wird. Die Models tragen kurze Pagenfrisuren im Stil der zwanziger Jahre und Kleider, die ernsthaft wirken, nicht nur, weil sie fast ausschließlich in dunklen Farben gehalten sind. Lagerfeld hat das Orgelthema auch auf die Kleider übertragen. Umgestülpte Ärmel sind nach oben offen. Ein Rock ist geformt wie ein Panflöte mit vielen kleinen plissierten Röhrchen aus Tüll. Manches Kleid wirkt wie eine Konstruktion und erinnert an die Bauhaus-Figurinen von Oskar Schlemmer, die er als Kostüme für die Bühne entwarf. Interessant, etwas abgehoben - und wahrscheinlich sehr erfolgreich.

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