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Parfümerien : Der Duft der kleinen Welt

Von der Straße bis zu den Holzregalen sind es nur ein paar Schritte: Und wahrscheinlich steht in der Münchner Parfümerie Brückner schon die Beratung bereit Bild: Müller, Andreas

Vielen Traditionsparfümerien geht es besser als manch alteingesessenen Modeboutiquen. Wie kommen die Kunden von der Straße in den Laden? Die Enkel der Gründer vertrauen auf ihre Nische.

          Als die neue Farbe endlich im Regal stand, als plötzlich Leute, die sich zuvor noch nie Gedanken über Nagellack gemacht hatten, fragten, wo denn dieser Ton namens Schlamm zu bekommen sei, stellte David Albrecht ein Schild auf die Straße vor seine Parfümerie: „Il est là“ stand darauf, schwarz auf weiß, die Schrift erinnerte ein bisschen an die Typo, die Chanel verwendet. Es war das Frühjahr 2010. Wegen der Finanzkrise war der Hype um 2000-Euro-Handtaschen auf 20-Euro-Nagellacke geschrumpft. An der Spitze dieses neuen Trends stand der bereits überall ausverkaufte „505 Particulière“ von Chanel. David Albrecht, der in vierter Generation in der Frankfurter Parfümerie Albrecht arbeitet, konnte die Schlacht um den Lack im Schlammton selbst kaum glauben. Als mal wieder eine neue Lieferung eintraf, stellte er also das selbstgebastelte Schild mit einem Augenzwinkern raus auf die Straße. Heute sagt er: „Wir waren das Geschäft, das am meisten davon verkauft hat.“

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Den Schlammnagellack gab es in keiner Drogerie und in den wenigsten Kaufhäusern. Für ihn kamen die Kunden in die Parfümerien, denn die konnten schneller auf den Trend reagieren und nachbestellen. Der „505 Particulière“ ist ein gutes Beispiel dafür, warum die Traditionsparfümerien in den Fußgängerzonen heute gut dastehen, trotz des Riesen Douglas in jeder Stadt, trotz des ständig wachsenden Beauty-Angebots in den Erdgeschossen der Kaufhäuser, trotz des immer beliebter werdenden Travel Shoppings und des vergünstigten Einkaufs in den Duty-Free-Bereichen der Flughäfen.

          Zufrieden in der Nische

          Den Traditionsparfümerien geht es jedenfalls besser als vielen alteingesessenen Modeboutiquen, die in den vergangenen Jahren reihenweise schließen mussten. Deren Ware ist oft schon reduziert, wenn der Kunde sie braucht, wie etwa ein T-Shirt im August oder eine Daunenjacke Ende Januar. Bei Tanja Bublitz, die in dritter Generation die Parfümerie Brückner in München leitet, gibt es keine reduzierten Cremes und Lippenstifte. Ihr Glück. Denn heute, an einem heißen Sommertag, während man auf das Gespräch mit ihr wartet, fragen innerhalb von fünf Minuten gleich zwei Kundinnen nach einem leichten Make-Up für die Hitze.

          Schon da: Einen der größten Verkaufs-Coups erlebte die Frankfurter Parfümerie Albrecht in den vergangenen Jahren mit einem Nagellack von Chanel

          Auch Traditionsparfümerien haben mit großen Beauty-Marken gelegentlich Probleme wie Modegeschäfte mit Herstellern. Aber im Gegensatz zu vielen Boutiquen haben Traditionsparfümerien ihre Nische oft längst gefunden - und begnügen sich damit. Sie arbeiten zunehmend mit kleinen Marken, die wie sie unabhängig sind. Tanja Bublitz sagt, dass sie ein zuverlässiges Bauchgefühl hat. Innerhalb von Sekunden kann sie entscheiden, ob eine Marke in ihre alten, dunklen Holzregale passt oder nicht. Das war schon bei den Düften von Creed so, einer der ersten Linien, die sie in die Parfümerie holte, nachdem sie von ihrem Vater übernommen hatte. „Meine Oma gehörte in die Pionierzeit, als eine Firma wie Estée Lauder nach Deutschland kam, die kein Mensch kannte“, sagt sie. Auch um diese Marken zu verkaufen, brauchte es damals Beratung. „Da kam Frau Soundso“, erzählt Bublitz, „und meine Oma sagte dann: Ich habe hier etwas für sie. Da sagte Frau Soundso: Will ich.“

          Kleinere Linien sind wieder im Kommen

          Auch heute noch kann diese Kundin eine Creme von Estée Lauder bei Tanja Bublitz kaufen, aber an vielen anderen Orten wird man sie günstiger bekommen. „Als ich mit ins Geschäft kam, ging der Preiskampf gerade los. Da hat sogar der Douglas die Konkurrenz gespürt“, erinnert sich Bublitz. „Ich habe mir gedacht, Preise an die Regale zu heften, darauf habe ich keine Lust. Entweder suche ich mir gleich etwas Neues, oder wir gehen in eine andere Richtung.“

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