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Papst Benedikt XVI. in Madrid : Mit Platon und Isomatte gegen die Gottesfinsternis

  • -Aktualisiert am

Teilnehmer des Weltjugendtags ruhen sich vor der Ankunft des Papstes in Madrid aus Bild: AFP

Von den Protesten gegen den Papst bekommen die Besucher des Weltjugendtages in Madrid kaum etwas mit. Ihr Interesse gilt dem, was der „kleine weiße Mann“ sagt. Die Kritik am Oberhaupt der katholischen Kirche in der spanischen Presse lesen sie nicht.

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          Don Antonio ist völlig verschwitzt. Bei fast 40 Grad in Madrid ist das kein Wunder. Aber er strahlt; und die zwanzig Jugendlichen seiner Gruppe aus Locri in Kalabrien sind ebenfalls glücklich, Teilnehmer des Weltjugendtags zu sein. „Keiner weiß hier wohl, wo Locri liegt. Keiner weiß, welche Probleme wir daheim haben. Hier sind wir alle zusammen und feiern Jesus und den Papst“.

          Über die Probleme der von der kalabrischen Mafia heimgesuchten Region, möchte Don Antonio in Madrid nicht sprechen. „Wir wollen nach vorne gucken“, sagt er nur und taucht mit seiner Gruppe in das Meer von 440 000 Jugendlichen aus 190 Ländern ein, denen der Papst erklären möchte, dass sie in ihrem Leben nicht auf Götzen bauen sollten, weil sie „als Freie erschaffen worden sind - auf der Suche nach Wahrheit, verantwortlich für das Handeln und nicht nur als Vollstrecker, vielmehr als kreative Mitarbeiter bei der Aufgabe, das Werk der Schöpfung zu pflegen“.

          Jugendliche sollen Gestalter, nicht Opfer s ein

          Mitten in den finanziellen Krisen erinnert Benedikt XVI. die Jugendlichen daran, dass sie nicht Opfer sein sollen, sondern selbst Gestalter ihrer Zukunft werden müssten. Das tut er am Donnerstagabend auf dem zentralen Platz der Stadt, auf dem der Brunnen „Fuente de Cibeles“ steht, welcher der Kybele, der griechischen Göttin der Erde und der Fruchtbarkeit gewidmet ist.

          Die Jugend gewinnen: Der Papst trifft Kinder in Madrid
          Die Jugend gewinnen: Der Papst trifft Kinder in Madrid : Bild: REUTERS

          Madrid erkennt sich in diesen Tagen selbst nicht wieder. Die Stadt der Proteste gegen den Papstbesuch, einer prononciert säkularen Regierung und eines König, der seine Geliebte in den königlichen Haushalt holt, wird überschwemmt von einer Jugend guten Willens, die mit ihren Chören die spanische Hauptstadt aus seinem sommerlichen Dösen aufschreckt.

          „Schrecklich müde, aber so glücklich“

          Die Besucher schlafen auf Isomatten in den verwaisten Schulen und Kindergärten. So auch die deutsche Gruppe mit Klaus aus Fulda. Sein Trupp mischt sich in der U-Bahn-Station mit jener um Charlotte aus dem amerikanischen Detroit. Sie sei „schrecklich müde, aber so glücklich“, erzählt Charlotte und Klaus sieht auch nicht gerade ausgeschlafen aus. Sie alle sind wie die Kalabresen seit Tagen unterwegs, im Bus, im Flugzeug sowie zu Fuß und durchleben in Madrid einen Rausch ohne Rauschgift, der sie für eine knappe Woche aus der gewohnten Welt ihrer Heimat herauslöst.

          Auf eine unsichtbare Weise sind sie alle verbunden mit dem „kleinen weißen Mann“, wie ein Jugendlicher den Papst nennt, den er wie die meisten anderen Pilger nur aus der Ferne sehen kann - als Punkt zwischen roten und purpurfarbenen Hüten auf einem Podium oder etwas größer auf der Leinwand. „Wir wollen den Papst sehen“, sagen sie und empfangen ihn mit Jubel. Die Kritik am Oberhaupt der katholischen Kirche in der spanischen Presse lesen sie nicht.

          Papst Benedikt warnt vor Unbeständigkeit und Egoismus

          Nach sechs Wochen auf seinem Feriensitz in Castelgandolfo hat das Gesicht von Benedikt XVI. eine milde Bräune. Der Papst versucht, seinen jungen Zuhörern warmherzig zu begegnen, doch der deutsche Wissenschaftler tut sich dabei nicht so leicht wie sein polnischer Vorgänger Johannes Paul II. Der Papst warnt vor Unbeständigkeit und Egoismus. Viele hielten sich für Götter und meinten, keine anderen Fundamente zu brauchen als sich selbst, sagt er. Solche Menschen würden gerne selbst entscheiden, was Wahrheit und Gerechtigkeit sei und wer „auf dem Altar anderer Perspektiven geopfert werden“ könne.

          Madrid verfolgt den Weltjugendtag vorzugsweise über den Fernsehbildschirm. In den Kneipen wundern sich manche bei einem Bier über die Massen, die den Papst direkt erleben wollen. Es sind viel mehr als erwartet. Die Polizei hat eine Anti-Papst-Demonstration Homosexueller verboten, um die Lage nach den gewalttätigen Ausschreitungen vom Mittwoch zu entschärfen. Wahrscheinlich aber wäre diese Demonstration im friedlichen Meer der Pilger nur den suchenden Pressephotographen aufgefallen. „Jene Demonstranten am Mittwoch habe ich gar nicht gesehen“ sagt Julietta aus der kalabresischen Gruppe.

          Kirche aus „Gottesfinsternis“ herausführen

          Der 84 Jahre alte Papst weiß, dass er die Jugend gewinnen muss, wenn er seine Kirche aus einer Situation herausführen will, die er vor jungen Nonnen auf dem Innenhof vor der Kirche San Lorenzo im Escorial am Freitagmittag mit den Worten „Gottesfinsternis“, „Gedächtnisschwund“ gegenüber Gott und einer „ausgesprochenen Ablehnung des Christentums“ beschreibt.

          Nach dem Treffen mit den Nonnen erinnert sich der Papst vor jungen Professoren in der Kirche an seine „ersten Jahre als Professor an der Universität Bonn“. Bei der Bildung gehe es nicht nur um nützliche Fertigkeiten, sagt der Papst: „Wenn nur Nützlichkeit und der unmittelbare Pragmatismus zum Hauptkriterium erhoben werden, können die Verluste dramatisch sein - von den Missbräuchen einer Wissenschaft, die keine Grenzen über sich anerkennt bis zum politischen Totalitarismus.“ So wie „der Logos Fleisch geworden“ sei, müssten auch Lehrer ihre Bildung und ihren Glauben vorleben, brauchten junge Menschen „glaubwürdige Lehrer; Personen, die für die gesamte Wahrheit in den diversen Wissenschaften offen sind“. Gerade die Jugend suche die Wahrheit, sagt der Papst und zitiert Platon: „Such die Wahrheit, solange Du jung bist, denn wenn Du das nicht mehr tust, wird sie Dir zwischen den Händen zerrinnen“.

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