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Panzerfahrschule : Das Glück im Eisenschwein

Krieg wird hier nicht verherrlicht: „Machen Sie alles platt, was sich Ihnen in den Weg stellt” Bild:

In Brandenburg betreiben zwei NVA-Veteranen eine Panzerfahrschule. Die Besucher kommen zu Tausenden, um den Parcours mit dem Panzer zu durchpflügen oder aus Spaß Autos platt zu machen. Mit Krieg und Militär habe das alles nicht zu tun.

          Das Schild steht gleich neben der mobilen Wurstbude: „Halt! Staatsgrenze“. Hinter der Staatsgrenze rollt ein 35 Tonnen schwerer Panzer vorbei. Der Kommandant des Panzers trägt ein rosa Hemd, stützt sich lässig auf die geöffnete Einstiegsluke und brüllt etwas ins Innere des Panzers. Auf dem Dach, dort, wo normalerweise Grenadiere mit ihrem Gewehr sitzen, hocken jubelnde Fahrgäste in bunter Kleidung und halten Fotoapparate in die Luft.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          „Guck mal, da ist Papa“, sagt eine Mutter, die mit ihrer Tochter an der Staatsgrenze, einem Zaun, steht. Neben ihr lehnen Ausflügler in kurzen Hosen und Sportsandalen. Ein paar Familien haben ihren Hund mitgebracht. Junge Männer stehen herum; einer von ihnen trägt einen Pullover mit der Aufschrift „Hatebreed“ - Hassbrut. Er hat die Fahrt gerade hinter sich.

          Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg

          Im brandenburgischen Beerfelde, 70 Kilometer östlich von Berlin und 50 westlich von Polen, darf jedermann auf acht Hektar Ackerland Panzer fahren, zum Spaß. In der „Panzer-Fun-Fahrschule“ der Brüder Axel und Jörg Heyse kostet die halbe Stunde 136 Euro. Dafür gibt es einen symbolischen Panzerführerschein und gegen 20 Euro Aufpreis noch eine DVD. 30.000 Besucher haben sie in diesem Jahr schon gehabt. „Ganz normale Leute, wie überall auch“, sagt Axel Heyse: Familien, Veteranen, Wehrdienstverweigerer, Männergruppen, Frauen, Bundeswehrsoldaten. Ein Drittel komme aus dem Ausland. Aus Mexiko hätten sie schon jemanden gehabt, aus Amerika und sogar aus Island, einem Land, das sich keine eigene Armee leistet.

          Krieg wird hier nicht verherrlicht: „Machen Sie alles platt, was sich Ihnen in den Weg stellt” Bilderstrecke

          Frank Schwarz kommt aus Prignitz. Liebevoll betrachtet er den Schützenpanzer, den er gleich besteigen wird. Drei Jahre fuhr er das Modell bei der Nationalen Volksarmee. Den Panzer habe er gemocht, sagt er, den Wehrdienst eher nicht. Aufgeregt zieht Schwarz seinen DDR-Panzerführerschein hervor, von dem sich in der Hektik die abgenutzte Klarsichtfolie löst. Er erzählt, wie er 1983 Parade in Ost-Berlin gefahren ist. Aus den Augenwinkeln habe er damals Arafats Kopftuch erkannt. Zuletzt saß Schwarz 1986 in einem Panzer. Er freut sich auf das Wiedersehen. „Das ist wie Fahrradfahren. Das verlernst du nicht.“

          Der Panzer hält vor dem Wartestand: einem Erdhügel, auf dem kleine Gehwegplatten eingelassen worden sind. Das Getriebe klingt im Leerlauf wie eine laute Häckselmaschine. Schwarz klettert in den Panzer. Dann bekommt er eine Sturmhaube aufgesetzt und den Helm verkabelt. Mit ihm ist sein 67 Jahre alter Vater gekommen. Der steigt über die hintere Luke ein. Sie wollen sich während der Fahrt abwechseln. Vater Schwarz fuhr zu seiner NVA-Zeit noch sowjetische Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg.

          So viel wert wie ein Mittelklassewagen

          Heyses haben einen Parcours gebaut, mit Hügeln, Gräben, Weggabelungen und Gebüsch. Fünf Panzer durchpflügen den Acker, kreuz und quer. Wenn ein Panzer eine Anhöhe erklimmt, bleibt eine dicke grauschwarze Rußwolke über der Stelle hängen, an der der Fahrschüler Gas gegeben hat. Wenn der Panzer anhält, wurde er meist abgewürgt.

          Zehn Jahre lang war Axel Heyse Panzerlehrer bei der NVA. Nach der Wende fing er bei der Kriminalpolizei an, wurde dort verbeamtet und kündigte trotzdem. „Panzer haben mich einfach nicht losgelassen.“ Heyse ist sonnengebräunt und muskelbepackt. Er ist 45 Jahre alt, sieht aber jünger aus. Seine Panzer nennt er manchmal „Eisenschweine“.

          Zusammen mit seinem Bruder, der nach der Wende als Fernfahrer arbeitete, kaufte er 2002 einen ausrangierten Panzer auf einem Schrottplatz in der Tschechischen Republik - einen sowjetischen T-55, einen der meistgebauten Panzer der Welt. Heyses restaurierten das Fahrzeug und fuhren zum Spaß auf Feldern eines benachbarten Bauern. Dann bat sie der Ortsvorsteher eines Tages, den Panzer auf dem Erntedankfest vorzuführen. Seitdem habe sein Handy nicht mehr stillgestanden, sagt Axel Heyse, jeder habe sich den Panzer mal für eine Rundfahrt ausborgen wollen. 2005 gründeten die Brüder dann ihr Geschäft. Heute besitzen sie dreizehn Panzer. Jeder sei etwa so viel wert wie ein Mittelklassewagen.

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