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Pandemiegefahr : Schweinegrippe heißt jetzt Influenza A (H1N1)

  • Aktualisiert am

Reisen in Zeiten von Influenza A (H1N1) Bild: dpa

Die Weltgesundheitsorganisation hat wegen der Schweinegrippe die zweithöchste Alarmstufe ausgerufen. Die Welt steht demnach unmittelbar vor einer Pandemie. Unterdessen hat die EU-Kommission einheitliche Definitionen zum Virus verabschiedet.

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          Angesichts weltweit weiter steigender Zahlen von Schweinegrippe-Fällen haben viele Länder den Kampf gegen das Virus intensiviert. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die zweithöchste Pandemie-Warnstufe ausgerufen. Zudem gab die WHO bekannt, dass sie die Schweinegrippe künftig offiziell als Influenza A (H1N1) bezeichnen wird. Die Zahl der Erkrankten stieg am Donnerstag rund um den Erdball deutlich, insgesamt wurden bisher acht Todesfälle registriert. Die WHO gab am Abend weltweit 236 Patienten an, nach 148 am Vortag. Allerdings könnten einige neue Fälle auch von der besseren Datenerfassung herrühren. Mindestens 27 Infizierte leben in Ländern der Europäischen Union.

          In Deutschland gibt weiterhin drei bestätigte Fälle von Schweinegrippe und zwar in Hamburg sowie den bayerischen Städten Regensburg und Kulmbach. Bis Donnerstag waren nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) keine weiteren Fälle bestätigt worden. Derzeit würden am Nationalen Referenzzentrum für Influenza einige weitere Proben untersucht, berichtete RKI-Präsident Jörg Hacker. Alle bisherigen Verdachtsfälle stünden mit Mexikoreisen im Zusammenhang. Die Risikoeinschätzung für Deutschland habe sich durch die Hochstufung der WHO auf Warnphase fünf nicht geändert. Gesundheitsexperten warnten vor Überreaktionen. „Momentan gibt es keinen Grund für Aktionismus und Panik“, sagte Hacker. Das Risiko, an Schweinegrippe zu sterben, sei deutlich geringer als etwa bei der Vogelgrippe, sagte der Berliner Immunologe Michael Schmidt.

          Ein Mann war voreilig aus der Klinik entlassen worden

          Der 37 Jahre alte Mann, der im Universitätsklinikum Regensburg behandelt wird, könnte zwei weitere Menschen angesteckt haben. Dabei handelt es sich um einen Zimmernachbarn aus dem Kreiskrankenhaus im niederbayerischen Mallersdorf und eine Krankenschwester dieser Klinik. Der Mann war dort wegen einer Grippe behandelt worden, bevor der Verdacht auf Schweinegrippe bestand und er nach Regensburg kam. Den drei nachweislich infizierten Menschen in Deutschland geht es nach Auskunft ihrer Ärzte den Umständen entsprechend gut.

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          Auch in der Schweiz, in Irland und den Niederlanden wurden erste Fälle von Schweinegrippe bestätigt. Im Schweizer Ort Baden war ein Mann voreilig aus der Klinik entlassen worden, erst später kam das überraschende Ergebnis des Schweinegrippe-Tests zutage. Er liegt inzwischen wieder auf einer Isolierstation. In Spanien, das mit 13 Erkrankten die meisten in Europa aufweist, kam es auch zu einer ersten Infektion von Mensch zu Mensch innerhalb der EU. Der Patient hat sich vermutlich bei seiner Lebensgefährtin angesteckt, die aus Mexiko gekommen war. In Großbritannien stieg die Zahl der nachgewiesenen Fälle auf 8.

          Ministerin Schmidt gegen Reisebeschränkungen

          Die Gesundheitsminister der 27 EU-Staaten kamen in Luxemburg zu einem Sondertreffen zusammen, konnten sich aber nicht auf eine einheitliche Linie zu einem Flugverbot nach Mexiko verständigen. Ob es - wie von Frankreich vorgeschlagen - Reisebeschränkungen gebe, sollten die Mitgliedsstaaten für sich entscheiden, steht in einer gemeinsamen Schlussfolgerung. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) sprach sich wie die tschechische Ratspräsidentschaft gegen solche Beschränkungen aus. Deutsche Pauschalurlauber nutzten Stornoangebote der Reiseveranstalter kaum und träten ihre Reisen nach Mexiko ungeachtet des Risikos an, sagte ein Sprecher des Deutschen Reiseverbandes in Berlin (siehe: Trotz Schweingrippe: Urlauber wollen weiter nach Cancún).

          Die Lufthansa nimmt auf Mexiko-Flügen inzwischen grundsätzlich Ärzte an Bord. Nach Angaben der Bundesvereinigung der Apothekerverbände stieg bundesweit die Nachfrage nach Gesichtsmasken und dem Medikament Tamiflu deutlich, der Großhandel sei aber weiter lieferfähig.

          Mexikos Staatspräsident rief seine Landsleute auf, zu Hause zu bleiben

          Die Generaldirektorin der WHO, Margaret Chan, forderte alle internationalen Organisationen, darunter die Weltbank, und die Pharmaindustrie sowie Forschungseinrichtungen auf, alle Kapazitäten bereitzustellen, um eine Pandemie zu vermeiden. Andererseits warnte sie vor Panik. „Wir sollten es nicht übertreiben. Wir brauchen eine gewisse Ebene der Ruhe, damit wir das auf rationale Weise bewältigen können.“

          In vielen Ländern liefen unterdessen Schutzmaßnahmen an, um die Ausbreitung der Grippeviren zu verhindern. Australien stattet alle Flughäfen mit Infrarot-Scannern aus. Dabei sollen alle Passagiere mit erhöhter Körpertemperatur erkannt werden. In Singapur sollen alle Ankömmlinge aus Mexiko eine Woche unter Quarantäne gestellt werden. Die Philippinen reaktivierten ihren Notfallplan aus der Sars-Krise, in Thailand wurden Schutzmasken an Taxifahrer verteilt. Mexikos Staatspräsident Felipe Calderón rief seine Landsleute auf, über die Maifeiertage zu Hause zu bleiben.

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