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Palästinensischer Hip-Hop : „Wartet nicht, bis ihr tot seid“

  • -Aktualisiert am

Die DAM-Musiker Mahmoud Jreri, Subell Nafar und Tamar Nafer (von links). Berühmt wurden sie mit dem Song „Min erhabi“ - „Wer ist Terrorist?“ Bild: David Alan Harvey

Tamer Nafar ist Frontman der bekanntesten Hip-Hop-Gruppe Palästinas, DAM. In ihren Liedern protestieren die Musiker gegen die israelische Besatzung und Ehrenmorde in der arabischen Gesellschaft. Damit machen sie sich nicht nur Freunde.

          5 Min.

          Ramallah im Westjordanland, ein Tag im Winter. Wir sind mit Tamer Nafar im „Café de la Paix“, Café des Friedens. Kurz vor dem Termin kommt eine Nachricht: Ob man nicht in ein anderes Restaurant gehen könne, da gebe es Wasserpfeifen.

          Die ersten Höflichkeitsfloskeln sind gerade ausgetauscht, das Aufnahmegerät ist plaziert, da kippt gleich neben dem Café ein Taxifahrer aus seinem Auto, bäuchlings und reglos liegt er auf der Straße.

          „Können Sie reanimieren?“, fragt Nafar.

          Ja, kann ich.

          „Vielleicht sollten Sie mal rauslaufen.“

          Wir rennen aus dem Café. Während sich einige um den Bewusstlosen kümmern, geht Nafar zum verwaisten Taxi, schnappt sich das Funkgerät und fragt bei der Zentrale, ob der Fahrer eine chronische Krankheit habe. Die Mitarbeiter verneinen. Dann kommt der Krankenwagen, Sanitäter transportieren den Taxifahrer ab. Das Interview beginnt von neuem.

          Das war eine ziemlich gute Idee von Ihnen, die Zentrale anzurufen.

          Das habe ich alles von MacGuyver.

          Sie haben „MacGuyver“ angeschaut, als Sie ein Kind waren?

          Na klar! Richard Dean Anderson. (Anderson ist der Darsteller des Serienprotagonisten Angus MacGuyver. – Red.) Ich kann mich sogar an den Namen des Darstellers erinnern.

          Er ist in Deutschland auch ein Held.

          Ist er das? Mehr als David Hasselhoff?

          Auf jeden Fall.

          Die Mitglieder von DAM - neben Tamer Nafar sind das auch sein Bruder Suhell und der Textschreiber Mahmoud Jreri - sind arabische Israelis: Sie haben die israelische Staatsbürgerschaft und wohnen auch dort, sehen sich aber als Palästinenser. Seit sie 2000 begannen, erst auf Englisch und Hebräisch, dann auf Arabisch zu rappen, gelten sie als die erste Rap-Formation Palästinas. So vielsprachig wie ihre Musik ist auch ihr Name: Das Wort DAM steht im Hebräischen für Blut, im Arabischen für Ewigkeit, im Englischen für Da Arabian MCs.

          Wer David Hasselhoff ist, weiß man als Deutscher. Aber nicht unbedingt, was der Titel Ihres Albums bedeutet: „Dabke on the Moon“.

          Dabke ist der klassische arabische Tanz. Man fasst sich im Kreis an den Händen und tanzt rundherum.

          Und warum „on the Moon“?

          Vor einigen Jahren habe ich mal einen Film über die Mondlandung gesehen und einige Zeit später einen Film über Gaza-Bewohner, die Tunnel graben. Ich mochte einfach nicht, dass wir gleichzeitig auf dem Mond spazieren können, aber Palästinenser Tunnel buddeln müssen. Ich habe davon geträumt, dass wir alle eine Gemeinschaft sind und selbst zum Mond fliegen. Neil Armstrong steckte eine amerikanische Flagge in den Sand. Ich bin kein Patriot, ich bin eher Künstler. Deshalb dachte ich daran, keine Flagge dorthin zu stecken, sondern Kunst. Ich will, dass die Leute dort Dabke tanzen.

          Die Dinge, über die Sie rappen, sind allerdings sehr irdisch. Ehrenmorde zum Beispiel.

          Ich lebe in Lod, etwa 50 Kilometer von Tel Aviv entfernt. Die Stadt ist klein, die meisten Einwohner sind Araber. Aber allein in Lod haben wir etwa zwölf Fälle miterlebt, wo Frauen der „Familienehre“ wegen umgebracht wurden, von Familienmitgliedern, aus allen möglichen Gründen. Sie können sie umbringen, weil sie Sex wollte. Wenn sie jemand heiraten wollte, mit der die Familie nicht einverstanden ist. Wenn der Vater gestorben ist, er Geld hinterlassen hat und darüber verhandelt wird, dann kann man sie umbringen und es mit der Familienehre begründen. Es ist so einfach.

          Haben Sie selbst mal einen Fall von „Ehrenmord“ erlebt?

          Wir kennen viele der Frauen, die umkamen, und wenn wir sie nicht kennen, dann diejenigen, die sie umgebracht haben. Ich hatte mal sehr eng mit so einer Geschichte zu tun. Im Jahr 2004 haben wir ein Lied gemacht mit einer palästinensischen Rapperin. Als wir den Clip veröffentlichten und auf Tournee gehen wollten, haben einige entfernte Mitglieder ihrer Familie diese Frau bedroht. Als wir uns entschieden, trotzdem mit ihr zu touren, haben sie mich gekidnappt. Mir wurde gedroht, dass ich sie nicht auftreten lassen soll.

          Sie wurden von denen gekidnappt?

          Ja. Ich hatte echt Angst. MacGuyver hat mir damals auch nicht geholfen. (lacht)

          Was ist passiert?

          Sie haben mich aus meinem Haus geholt und an einen abgeschiedenen Platz gebracht. Dort haben sie sich mit mir erst mal ganz höflich unterhalten. Als sie sahen, dass ich meiner Überzeugung treu bleibe, haben sie dann auf eine eher kriminelle Gangart umgeschaltet und mich bedroht. Da hatten sie gewonnen. Sie ist nicht aufgetreten. Ich weiß allerdings nicht, wie ich heute entscheiden würde.

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