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Pädophilie : Immer wider die Versuchung

Andreas F. ist pädophil. Seit 40 Jahren lebt er mit der Angst, ein Kind zu missbrauchen. Reden konnte er darüber nicht. Bis der Druck irgendwann ins Unerträgliche stieg. Nun hilft ihm ein Projekt, seine Neigung nur in der Phantasie auszuleben.

          Vierzig Jahre lang hat Andreas F. geschwiegen, sein Geheimnis gehütet, sein Inneres verborgen. Eltern, Verwandte und Freunde - sie ahnten nichts von dem, was ihm Tag und Nacht zu schaffen machte. Reden konnte er darüber nicht. Bis der Druck irgendwann ins Unerträgliche stieg. Bis es einfach nicht mehr ging. Dann endlich, mit Anfang fünfzig, der Befreiungsschlag. Er redet, offenbart sich seiner Lebensgefährtin - nach 15 Jahren. Sie hört zu, hält weiter zu ihm und rät, einen Arzt ins Vertrauen ziehen. Dem schiebt Andreas F. im Sprechzimmer verschämt einen Zettel über den Tisch, ein Hilferuf: Er habe psychische Probleme und wolle sich umbringen, steht darauf.

          Thomas Jansen

          Redakteur in der Politik.

          Der Arzt staunt. Er kennt Herrn F. schon lange. Selbstmordabsichten? Der fröhliche Herr F.? Der fröhliche Herr F. erzählt schließlich, warum er ganz und gar nicht fröhlich ist, der Arzt empfiehlt einen Psychotherapeuten. Der lässt ihn im Sprechzimmer sitzen und wendet sich an seine Helferinnen: „Können Sie bitte mal die Adressen von Bewährungshelfern für Sexualstraftäter heraus- suchen?“ Die anderen Patienten sitzen im Wartezimmer, hören und staunen.

          „Ich wollte zuerst auf die Straße laufen und mich vor ein Auto werfen“

          Das war es, wovor sich Andreas F. zeitlebens fürchtete. Er wusste nicht mehr weiter. „Ich wollte zuerst auf die Straße laufen und mich vor ein Auto werfen.“ Man müsse schließlich an die Kinder denken, hatte der Psychotherapeut gesagt und ihm die Behandlung verweigert. Andreas F. wusste nun wieder, warum er so lange geschwiegen hatte - doch es gab keinen Weg zurück. Sein Geheimnis, er nennt es „Problem“ oder „Veranlagung“, ist seine Pädophilie. Junge Mädchen im Schulalter erregen ihn, beherrschen seine sexuellen Phantasien von der Pubertät an. Diesen Phantasien auf gar keinen Fall nachzugeben - darauf verwendet er seither seine ganze Willenskraft. Bis jetzt ist es ihm gelungen.

          Den Versuchungen des Alltags auszuweichen, das verlangte Verstellung bis hin zur Selbstverleugnung. Das Studium zum Beispiel. Andreas F. kam aus schwierigen familiären Verhältnissen. Ein Vormund betreute ihn. Der meinte es gut und riet zum Fach Sozialpädagogik. Er habe ja so ein großes Geschick im Umgang mit Kindern. Andreas F. packte die Angst: „Ich wollte mich der Versuchung nicht aussetzen, weil ich nicht wusste, ob ich standhaft sein würde.“ Kaufmann, das wollte er eigentlich werden, da hätte er keine Schwierigkeiten mit seiner Veranlagung bekommen - Sozialpädagogik hingegen war sein Albtraum. Doch er traute sich nicht, seinem Vormund zu widersprechen.

          Zurückgeblieben ist ein zutiefst verunsicherter Mensch

          Was hätte er ihm auch sagen sollen? Die Wahrheit? „Das konnte ich nicht.“ Vorwände mussten her, als der Vorlesungsbetrieb begonnen hatte. Missratene Klausuren, säumige Seminarbesuche, auffälliges Verhalten, eben alles, was ihn denkbar ungeeignet für dieses Fach erscheinen ließ. Der Schauspieler Andreas F. war gefragt. Der kam schließlich ans Ziel, brach das Studium ab, als seine vermeintliche Unfähigkeit hinlänglich dokumentiert war. Er stand als Studienabbrecher, als Versager da. Er nahm es in Kauf, Hauptsache, seine Pädophilie blieb unentdeckt. Das Intermezzo an der Universität war nur der Auftakt einer nicht abbrechenden Serie von Verschleierungen, Verstellungen und Verunsicherungen im Leben des Andreas F., die alle nur diesem einen Ziel dienten, seine Pädophilie zu verbergen.

          Zurückgeblieben ist ein zutiefst verunsicherter Mensch. Sein Leidensweg lässt sich nur erahnen. Kaufmann ist er jedenfalls nicht mehr geworden, sein beruflicher Werdegang bleibt im Dunkeln. Nur so viel ist klar: Eine Ausbildung hat er nie gemacht. Heute ist Andreas F. Hartz-IV-Empfänger. Die Beziehung mit seiner Lebensgefährtin ist zerbrochen. Mit seinem damaligen Eingeständnis, versichert er, habe das nichts zu tun gehabt.

          Pädophilie als chronische Erkrankung

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