https://www.faz.net/-gum-oke9

Pädagogik : Fair sein wie ein "Schiri"

  • -Aktualisiert am

Pausenhofpolizei? Bild: dpa

Eine Berliner Grundschule bildet Schüler zu Streitschlichtern aus. Mit Erfolg, denn die „Schlichter“ genießen Respekt und kennen sich in den Belangen ihrer Mitschüler oft besser aus als ihre Lehrer.

          3 Min.

          Die Wedding-Grundschule in der Antonstraße befindet sich in einem der ärmsten Viertel Berlins. Die meisten Bewohner leben von Sozialhilfe, der Ausländeranteil liegt bei einem Drittel. An der Grundschule hat nur jedes zehnte Kind deutsche Eltern, ein Großteil ist türkischer Herkunft. Gewalt ist an der Tagesordnung, die Hälfte der Kinder ist verhaltensauffällig, viele sind schon aus mehreren Schulen geflogen. Martin Uda, Sozialarbeiter an der Schule, weiß von Mädchengangs, von Siebenjährigen, die den ganzen Tag auf der Straße verbringen. Er erzählt von Schülern, die aus so kaputten Familien kommen, daß sie schon mit elf in Therapie sind. Es habe Zeiten gegeben, da hätten wegen der vielen Messer Kontrollen gemacht werden müssen.

          Im Kellerraum der Schule ist davon nichts zu spüren. Die Wände sind über und über beklebt mit Plakaten, auf denen in bauchiger Kinderschrift "Worte statt Fäuste" steht oder "Vertragen statt schlagen". Es gibt ein großes "Peace"- Zeichen, am Boden stehen Kerzen. Die Tische sind im Viereck aufgestellt, auf jedem Platz liegt ein Stapel Unterlagen, gut zwei Dutzend Grundschulkinder blättern darin geschäftig wie Teilnehmer an einem Fortbildungsseminar. In gewisser Weise ist es das auch, einmal in der Woche werden hier unten Kinder zu Streitschlichtern ausgebildet.

          Zum erstenmal mit Regeln konfrontiert

          Ihre Aufgabe ist es, auf dem Schulhof für Ordnung zu sorgen, dazwischenzugehen, wenn wieder einmal gestritten oder geprügelt wird oder Kinder andere Kinder "abziehen", also ihnen mit Gewalt Sachen wegnehmen. Ohne diese Helfer, von weitem erkennbar an ihren gelben Baseball-Kappen mit der grünen Aufschrift "Schlichter", wäre der Schulhof wohl nicht mehr zu kontrollieren, sagt Martin Uda.

          Es sind vor allem Jungen zwischen neun und zwölf, die im Kurs sitzen. Sie tragen weite Hosen und Sportschuhe, einige haben dicke Goldketten um den Hals, bei manchen ist der Bartwuchs schon sehr deutlich. Hassan, Kharled, Asil, Melissa, Patrick, Riham - sie sagen ihren Namen und ihre Klasse; wenn sie fertig sind, piepsen sie "Danke schön" oder "Danke, daß ihr mir zugehört habt". Das sei keineswegs selbstverständlich, sagt Sybille Patschulla-Jeske, Sonderpädagogin für Kinder mit emotionalen und sozialen Störungen. Für viele Kinder sei die Schule der erste Ort in ihrem Leben, an dem sie mit Regeln konfrontiert würden.

          Ansatz aus Amerika

          Patschulla-Jeske, eine resolute Berlinerin und seit 40 Jahren im Schulbetrieb, leitet die Kurse für die Schlichter. Der Ansatz kommt aus Amerika, im wesentlichen geht es darum, unter den Grundschulkindern "peer groups" mit Vorbildfunktion aufzubauen. Das sei schon deshalb von Vorteil, weil Kinder bei den typischen Schulhof-Streitereien viel besser durchblickten als Erwachsene, sagt Patschulla-Jeske. Sie wissen, wer mit wem verfeindet ist, und bis ein Lehrer einmal kapiert hat, was es mit der japanischen Tausch-Karte auf sich hat, um die gerade gezankt wird, ist die Pause längst vorbei. Dazu genießen die Schlichter Respekt unter den Gleichaltrigen und stehen in der Rangordnung ganz oben. Bei vielen hat sich mit der Moral auch die schulische Leistung verbessert.

          Insgesamt 35 Schlichter sind an der Wedding-Grundschule in den Pausen unterwegs, bemerken sie eine Auseinandersetzung, sollen sie mit einem "Halt, stopp, hier nicht" dazwischengehen. Dafür gibt es eine festgelegte Handbewegung, die in etwa so aussieht wie die Geste einer Stewardeß beim Hinweis auf die Notausgänge. Die Widersacher werden mit dem Rücken zueinander gedreht, wenn es heftiger zugeht, muß ein Lehrer gerufen werden. Danach gehen Streithähne und Streitschlichter in die Sozialstation ins Erdgeschoß. Hier findet zwischen Spielzeug, Computer und Sofa die Schlichtung statt: Jeder stellt seine Sicht der Dinge dar, ein "Vertrag" wird aufgesetzt, in dem die Schlichter protokollieren, worauf sich die Streithähne geeinigt haben.

          Die Bedeutung von "objektiv"

          Im Seminar im Keller wird indes wiederholt, was beim letzten Schlichter-Workshop durchgenommen wurde. Zum Beispiel die Bedeutung von "objektiv". Schlichter Asil meldet sich: "Es geht nicht darum, daß mein Freund recht bekommt, sondern ich gut meinen Job mache." Zwei kleine, zierliche Mädchen spielen "Streit". "Hure!" ruft das eine. "Sag nicht Hure zu mir, du Arschloch!" das andere. Es wird gebrüllt und gerempelt, bis Kinder mit gelben Schlichter-Basecaps Einhalt gebieten. Frau Patschulla-Jeske hält kleine Schildchen hoch: "Keep cool", "Zähle bis drei" oder "Atme tief durch".

          Die meisten Schlichter besuchen den Kurs freiwillig, manche, weil sie etwas gutzumachen haben. Eingesetzt werden die Kinder erst, wenn sie eine kleine Prüfung bestanden und ihre eigenen Aggressionen unter Kontrolle haben. Auch das sei keineswegs selbstverständlich. "Was müssen Streitschlichter?" fragt Frau Patschulla-Jeske in die Runde. "Zuhören können, fair sein wie ein Schiri, ausreden lassen", wiederholen die Kinder. Die "Regeln für große Pausen" stehen zur Sicherheit noch einmal an der Wand: "Frieden ist angesagt. Wir sind rücksichtsvoll. Wir werfen Abfall in den Eimer." Am Ende wird der selbstgedichtete "Schlichter-Rap" aufgeführt, von den Jungen mit den weiten T-Shirts und den Ketten: "Nach Schimpfen und Hieben vertragt euch in Liebe. Denn du bist du, und ich bin ich, wir sitzen gemeinsam an einem Tisch."

          Seit es die "Schlichter" gebe, seien Mobbing und "Abziehen" seltener geworden, sagt Martin Uda. Nicht nur das: Inzwischen werde es sogar mit den "Ausdrücken" besser, also jenen Worten, die selbst die Jüngsten in jedem dritten Satz verwenden und von denen "Schlampe" und "Spast" noch die nettesten sind. Und das letzte Messer wurde an der Wedding-Grundschule vor drei Jahren eingezogen.

          Weitere Themen

          Polizist bei Protesten durch Pfeil verletzt Video-Seite öffnen

          Straßenschlacht in Hongkong : Polizist bei Protesten durch Pfeil verletzt

          In Hongkong haben sich die Fronten am Wochenende verhärtet: Aktivisten der Demokratiebewegung verschanzten sich in einer Universität und griffen die Polizei mit Pfeil und Bogen und Molotow-Cocktails an. Ein Polizist wurde dabei verletzt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.