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Ozeanographie : Meereswunder im Pool

  • -Aktualisiert am

Einsatzgebiet Arktis Bild: dpa/dpaweb

Die „FS Maria Sybilla Merian“ ist der schiffgewordene Wunschzettel der Meeresforscherszene. Sie ist 88 Meter lang, 19 Meter breit, hat 21 Mann Besatzung und Platz für 23 Forscher an Deck und im futuristischen Rettungsboot.

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          Stefanie Ronski läuft mit dem Metermaß durch das Schiff. Sie will herausfinden, ob ihre Rechner auf die Tische passen und ihre Meßgeräte in die Labors. Ihre Augen leuchten, als sie die Winden mit den sieben Kilometer langen Stahlseilen gezeigt bekommt. Dann mustert sie die Mannschaft beim ersten Versuch, eine Sonde im Meer zu versenken.

          Die junge Ozeanographin vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven freut sich auf ihre erste Fahrt mit dem neuesten Mitglied der deutschen Forschungsflotte, der „FS Maria Sybilla Merian“, die seit Donnerstag offiziell der Wissenschaft zur Verfügung steht.

          Im Juli wird Stefanie Ronski ihre kleine Tochter für vier Wochen ganz dem Vater anvertrauen und mit der „Merian“ in die Grönlandsee aufbrechen. Schon als Studentin, vor zehn Jahren, begann sie damit, die kalten Wassermassen zu vermessen, die sich unter dem Golfstrom hindurchdrücken und damit warmes Wasser gen Europa pumpen. Von ihrer Meßreihe verspricht sich die Arbeitsgruppenleiterin Einblicke, wie das Klima zustandekommt - und wie es sich verändern könnte, sollten sich die Weltmeere erwärmen.

          Vollgepackt mit den neuesten Apparaten
          Vollgepackt mit den neuesten Apparaten : Bild: dpa/dpaweb

          „Algen-Bakterien-Matte“

          Wenig später ist Antje Boetius vom Bremer Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie an der Reihe. Die junge Professorin fährt im September von Reykjavik zu den Kanaren und will unterwegs die Lebensgemeinschaften von Mikroorganismen, Würmern und Muscheln vergleichen. Ihre Spezialität sind Thermalquellen und Unterwasservulkane, die atemraubend fremde Organismen bergen. „Da unten gibt es Würmer ohne Darm und After, die sind einfach prall mit Bakterien gefüllt und leben mit ihnen in Symbiose“, sagt Boetius.

          Die Wissenschaftlerin schockiert ihre Zuhörer mit einer Petrischale, in der ein vergammeltes Sandwich mit dunkelgrünen und braunen Schichten liegt. Es entpuppt sich als „Algen-Bakterien-Matte“: „Das erste Leben ist wahrscheinlich an Thermalquellen im Meer entstanden - und so dürfte es ausgesehen haben.“ Ihre Forschung kann dem Menschen helfen, seine frühesten Vorfahren kennenzulernen, auch wenn mancher diese Bekanntschaft nicht als schmeichelhaft empfinden mag.

          Ronski und Boetius lösen gleich auf doppelte Weise ein, was sich der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Ernst-Ludwig Winnacker, wünscht, als die „Merian“ mit einer Geschwaderfahrt, einem Festakt im Hafen von Warnemünde und gutgemeinten Versuchen der künftigen Nutzer, ihre Arbeit zu erklären, in Dienst genommen wird. Neben exzellenter Bio-, Meeres- und Klimaforschung, sagt Winnacker, erwarte die DFG, daß das Schiff die männerdominierte Meeresforschung aufbrechen und viele „mutige, junge Wissenschaftlerinnen auf Reise bringen wird“, in der Nachfolge der Namensgeberin Maria Sybilla Merian. Die war 1699 mit einem Stipendium der Stadt Amsterdam nach Surinam gereist und zwei Jahre später mit bahnbrechenden Studien der Insektenfauna, vollen Skizzenbüchern und unglücklicherweise auch mit Malaria zurückgekommen.

          Forschungsflotte erhält Zuwachs

          Die „Merian“ ist von Meeresforschern freudig erwartet und von den Geldgebern - dem Bund, Mecklenburg-Vorpommern sowie zu kleineren Teilen Hamburg, Bremen und Schleswig-Holstein - mit 56 Millionen Euro Baukosten teuer bezahlt worden. Das Schiff ist 88 Meter lang, 19 Meter breit, hat 21 Mann Besatzung und Platz für 23 Forscher an Deck und im futuristischen Rettungsboot. Es ist ein schiffgewordener Wunschzettel der Meeresforscherszene.

          Die „Merian“ ist für den Einsatz hoch im Norden ausgelegt und kann Eis bis fünfzig Zentimetern brechen. Sie hat schwenkbare Spezialmotoren, mit denen das Schiff zum Bohren oder zur Probenentnahme auch bei starkem Seegang exakt an einer Stelle halten kann. Sie ist vollgepackt mit den neuesten Apparaten, inklusive eines Tröpfchenzählgeräts, das eine genaue Analyse des Niederschlags erlaubt.

          Die deutsche Forschungsflotte erhält mit der „Merian“ erstmals seit fünfzehn Jahren wieder Zuwachs und zählt nun vierzehn Schiffe. Die Anschaffung war dringend nötig, sagt Susanne Faulhaber, die Meeresfachfrau der DFG, während sie den Seemännern ausweicht, die das Schiff zum Auslaufen vorbereiten. Sie kennt die Sehnsucht der Forscher in ihren trockenen Büros nach dem Salzwasser und den Meßwerten aus dem tiefen Naß, bei ihr gehen die begierig ausgefüllten Formulare ein. „Wenn wir alle guten und verfolgenswerten Projekte ermöglichen wollten“, meint sie, „müßten wir dreimal soviel Schiffskapazität haben wie heute.“

          Zwanzig Millionen Euro jährlich

          Schon lange vor dem Festakt hat der Wettbewerb darum begonnen, wer die modernste schwimmende Gemeinschaftsinvestition nutzen darf. Offiziell gehört die „Merian“ zum Warnemünder Leibniz-Institut für Ostseeforschung und ersetzt dessen unlängst ausgemustertes Schiff „Humboldt“. Doch Institutsdirektor Bodo von Bodungen muß tapfere Miene machen, wenn er den Einsatzplan runterrattert. Seine Leute dürfen bis Ende März die wissenschaftliche Jungfernfahrt vornehmen, die Bakterienmatten im Gotlandbecken, Bohrungen im Bodengestein und der Kontaktpflege mit baltischen Kollegen gilt.

          Dann wird das Schiff mit anderen in den Nordatlantik steuern und vielleicht erst in zwei Jahren zur Wartung wiederkehren. Das Flehen aus Mecklenburg-Vorpommern, das Schiff möge vorrangig in der Ostsee fahren, das Land sei doch der formale Eigentümer, habe sieben Millionen Euro beigetragen und sogar hingenommen, daß es nicht im eigenen Bundesland, sondern in einer polnischen Werft zusammengeschweißt worden ist, findet wenig Gehör.

          Die „Merian“ heißt im Jargon der Forschungsstrategen „Poolschiff“, was nicht auf Wellness-Gelegenheiten an Bord hinweist, sondern darauf, daß sie allen deutschen, ja sogar allen europäischen Wissenschaftlern zur Verfügung steht. Wer das Schiff nutzen darf, entscheiden nur die Wissenschaftler einer föderal gemischten „Steuergruppe“ und der DFG-Senatskommission für Ozeanographie. Die Forschungsgemeinschaft zahlt siebzig Prozent des laufenden Betriebs der „Merian“, der auf zwanzig Millionen Euro jährlich veranschlagt wird. Man fühlt sich berufen, allein nach Exzellenzkriterien zu entscheiden.

          „Vierundzwanzig Stunden was los“

          Die Wissenschaftler vom „Institut für Ostseeforschung“ finden sich, kaum ist in der Hafenhalle das Tschingderassabum der Kapelle verklungen, in einer skurrilen Lage wieder: Sie dürfen mit der „Merian“ das modernste deutsche Forschungsschiff auf dem Papier ihr eigen nennen, doch für ihren Alltag wird ihnen mit der „Prof. Albrecht Penck“ ausgerechnet das schrottreifste deutsche Forschungsschiff bleiben. Ob Bundes- und Landesregierungen wirklich mehr für die Forschung tun wollen, wird sich bei der Erneuerung der Gesamtflotte zeigen, sagt Frau Faulhaber von der DFG: „In den nächsten Jahren müssen wir sehr viele Forschungsschiffe außer Dienst stellen, der Bedarf für neue ist riesig, die Wissenschaftler warten ungeduldig, aber das Ganze kostet viel Geld.“

          Um so stolzer ist die frisch zusammengewürfelte Mannschaft der „Merian“ auf ihren High-Tech-Dampfer. Die Crew stellt die Reederei Briese aus Leer. Die Seemänner, die hier arbeiten, verbinden härteste Arbeit mit Einfühlungsvermögen für die oft reichlich verkopften Passagiere. Er komme aus der Containerschiffahrt, sagt Norbert Kreft, ein kräftiger Mann mit wildem Haar. Dort sei alles automatisiert, auf Forschungsschiffen aber sei „vierundzwanzig Stunden was los“.

          „Das können nur die besten“

          Er müsse genau wissen, was die Wissenschaftler machten, jeder Handgriff müsse stimmen, sonst sei das Projekt gefährdet. „Das kann nicht jeder Seemann, das können nur die besten“, sagt der Mann, der alle paar Monate in sein Heimatdorf bei Dresden zurückkehrt und hofft, die Auswahl für die künftige Stammbesatzung der „Merian“ zu bestehen. Ihren festen Platz auf der „Merian“ haben zwei besondere Köpfe bereits erobert: Frank Riedel, der Elektroingenieur, und Michael Magiulli, der „Systems Operator“. Sie bilden das Bindeglied zwischen der Besatzung und den ständig wechselnden Wissenschaftlerteams. Sie kennen jede Schraube und jede Festplatte an Bord, und wenn das Echolot ausfällt, geht nichts ohne ihre Hilfe.

          Riedel hat nach abgebrochenem Studium Software für die Nasa geschrieben, Magiulli ist Diplom-Geologe und war bis 2004 als Mangankrustenforscher im Pazifik unterwegs. Nun stehen sie im Schneetreiben lächelnd da wie Himpel und Pimpel, zeigen bereitwillig die technischen Wunderwerke, freuen sich auf die Fahrten nach Island, auf die Kanaren und nach Grönland mit diesen fröhlichen Forscherinnen und nehmen den Rat von einem alten Haudegen entgegen: sich nicht von den akademischen Gästen versklaven zu lassen.

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