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Ozeanographie : Meereswunder im Pool

  • -Aktualisiert am

Zwanzig Millionen Euro jährlich

Schon lange vor dem Festakt hat der Wettbewerb darum begonnen, wer die modernste schwimmende Gemeinschaftsinvestition nutzen darf. Offiziell gehört die „Merian“ zum Warnemünder Leibniz-Institut für Ostseeforschung und ersetzt dessen unlängst ausgemustertes Schiff „Humboldt“. Doch Institutsdirektor Bodo von Bodungen muß tapfere Miene machen, wenn er den Einsatzplan runterrattert. Seine Leute dürfen bis Ende März die wissenschaftliche Jungfernfahrt vornehmen, die Bakterienmatten im Gotlandbecken, Bohrungen im Bodengestein und der Kontaktpflege mit baltischen Kollegen gilt.

Dann wird das Schiff mit anderen in den Nordatlantik steuern und vielleicht erst in zwei Jahren zur Wartung wiederkehren. Das Flehen aus Mecklenburg-Vorpommern, das Schiff möge vorrangig in der Ostsee fahren, das Land sei doch der formale Eigentümer, habe sieben Millionen Euro beigetragen und sogar hingenommen, daß es nicht im eigenen Bundesland, sondern in einer polnischen Werft zusammengeschweißt worden ist, findet wenig Gehör.

Die „Merian“ heißt im Jargon der Forschungsstrategen „Poolschiff“, was nicht auf Wellness-Gelegenheiten an Bord hinweist, sondern darauf, daß sie allen deutschen, ja sogar allen europäischen Wissenschaftlern zur Verfügung steht. Wer das Schiff nutzen darf, entscheiden nur die Wissenschaftler einer föderal gemischten „Steuergruppe“ und der DFG-Senatskommission für Ozeanographie. Die Forschungsgemeinschaft zahlt siebzig Prozent des laufenden Betriebs der „Merian“, der auf zwanzig Millionen Euro jährlich veranschlagt wird. Man fühlt sich berufen, allein nach Exzellenzkriterien zu entscheiden.

„Vierundzwanzig Stunden was los“

Die Wissenschaftler vom „Institut für Ostseeforschung“ finden sich, kaum ist in der Hafenhalle das Tschingderassabum der Kapelle verklungen, in einer skurrilen Lage wieder: Sie dürfen mit der „Merian“ das modernste deutsche Forschungsschiff auf dem Papier ihr eigen nennen, doch für ihren Alltag wird ihnen mit der „Prof. Albrecht Penck“ ausgerechnet das schrottreifste deutsche Forschungsschiff bleiben. Ob Bundes- und Landesregierungen wirklich mehr für die Forschung tun wollen, wird sich bei der Erneuerung der Gesamtflotte zeigen, sagt Frau Faulhaber von der DFG: „In den nächsten Jahren müssen wir sehr viele Forschungsschiffe außer Dienst stellen, der Bedarf für neue ist riesig, die Wissenschaftler warten ungeduldig, aber das Ganze kostet viel Geld.“

Um so stolzer ist die frisch zusammengewürfelte Mannschaft der „Merian“ auf ihren High-Tech-Dampfer. Die Crew stellt die Reederei Briese aus Leer. Die Seemänner, die hier arbeiten, verbinden härteste Arbeit mit Einfühlungsvermögen für die oft reichlich verkopften Passagiere. Er komme aus der Containerschiffahrt, sagt Norbert Kreft, ein kräftiger Mann mit wildem Haar. Dort sei alles automatisiert, auf Forschungsschiffen aber sei „vierundzwanzig Stunden was los“.

„Das können nur die besten“

Er müsse genau wissen, was die Wissenschaftler machten, jeder Handgriff müsse stimmen, sonst sei das Projekt gefährdet. „Das kann nicht jeder Seemann, das können nur die besten“, sagt der Mann, der alle paar Monate in sein Heimatdorf bei Dresden zurückkehrt und hofft, die Auswahl für die künftige Stammbesatzung der „Merian“ zu bestehen. Ihren festen Platz auf der „Merian“ haben zwei besondere Köpfe bereits erobert: Frank Riedel, der Elektroingenieur, und Michael Magiulli, der „Systems Operator“. Sie bilden das Bindeglied zwischen der Besatzung und den ständig wechselnden Wissenschaftlerteams. Sie kennen jede Schraube und jede Festplatte an Bord, und wenn das Echolot ausfällt, geht nichts ohne ihre Hilfe.

Riedel hat nach abgebrochenem Studium Software für die Nasa geschrieben, Magiulli ist Diplom-Geologe und war bis 2004 als Mangankrustenforscher im Pazifik unterwegs. Nun stehen sie im Schneetreiben lächelnd da wie Himpel und Pimpel, zeigen bereitwillig die technischen Wunderwerke, freuen sich auf die Fahrten nach Island, auf die Kanaren und nach Grönland mit diesen fröhlichen Forscherinnen und nehmen den Rat von einem alten Haudegen entgegen: sich nicht von den akademischen Gästen versklaven zu lassen.

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