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Ozeanograf zu MH370 : „Alles sinkt irgendwann nach unten“

  • -Aktualisiert am

Unberechenbar: Das Meer verschluckt vieles. Bild: AFP

Kann nach dem Fund des Wrackteils einer Boeing 777 jetzt endlich gesagt werden, wo das Wrack von MH370 liegt? Könnten in Kürze weitere Teile angespült werden? Wir fragen den Ozeanografen Erik van Sebille, der die Meeresströmungen erforscht.

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          Herr van Sebille, Sie erforschen die Bewegung von Objekten im Meer. Kann – sofern das gefundene Teil von der vermissten Boeing 777 stammt – anhand der Meeresströmungen zurückverfolgt werden, wo das Wrack in etwa liegt?

          Es ist möglich, Meeresströmungen zurückzuverfolgen, aber es ist immer die Frage, wie präzise man sein will. Wir kennen die groben Bewegungen der Ströme. Es ist durchaus möglich, dass das Teil in den vergangenen 17 Monaten von der vermuteten Absturzregion diese Strecke zurückgelegt hat. Aber: Wenn wir herausfinden wollen, wo das Wrack gesunken ist, reichen diese Daten nicht aus. Der Ozean bewegt sich total chaotisch, wir können die Bewegungen grob zurückverfolgen, aber bei solche einem langen Zeitraum wird das immer ungenauer mit zunehmender Zeit.

          Können denn Suchregionen nach dem Fund ausgeschlossen werden?

          Ja, der Fund ist eine gute Nachricht. Besonders die Regionen weiter südlich, in denen anfangs nach dem Wrack gesucht wurde, können ausgeschlossen werden. Das Suchgebiet, das sich nach den Auswertungen der Strömungen ergeben wird, ist nicht kleiner, aber die Wahrscheinlichkeit, dass das Flugzeug innerhalb dieser Zone ist, ist weitaus größer.

          MH370-Absturz : Wrackteil auf La Réunion entdeckt?

          Wie werden die Strömungen überhaupt gemessen?

          Wir haben Tracker im Ozean schwimmen, die ihre Position per GPS senden. Wir haben sie alle nur 30 Meter voneinander entfernt ins Wasser gelasen, schon nach Monaten waren sie mehr als tausend Kilometer weit auseinander. Eine andere Möglichkeit sind Satelliten. Die sind zwar nicht so genau wie die Tracker, geben uns aber Aufschluss über globale Bewegungen. Das Problem hier ist, dass wir für genauere Berechnungen wirklich zentimetergenaue Informationen bräuchten. Das ist wie mit dem Wetter: Das geht auf eine Woche relativ genau, darüber hinaus wird es schwierig. Da hat eine kleine Änderung große Auswirkungen. Das ist wie mit dem Schmetterling und dem Flügelschlag, der anderswo einen Orkan auslöst. Die Chaos-Theorie. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie das Wetter am 27. Januar 2016 in Berlin wird, aber ich weiß, dass es wahrscheinlich sehr kalt sein wird.

          Welche Rückschlüsse lassen sich aus den Muscheln ziehen, die am gefundenen Wrackteil gewachsen sind?

          Ich bin kein Meeresbiologe, aber das wird heute schon für Untersuchungen genutzt, weil verschiedene Arten an verschiedenen Orten leben. Das Problem ist, dass der Indische Ozean überall eine relativ gleichbleibende Temperatur hat – und dieselben Spezies.

          Ist es denkbar, dass in Kürze weitere Wrackteile auf La Reunion angeschwemmt werden?

          In 17 Monaten kann das Verbreitungsgebiet der Wrackteile leicht die Größe Europas erreichen, eine unglaublich große Fläche.

          Schwimmen vergleichbare Objekte im Ozean die ganze Zeit an der Oberfläche?

          Nein. Ich beschäftige mich auch viel mit dem Plastik in den Ozeanen: wir gehen davon aus, dass nur ein Prozent des Plastiks an der Oberfläche schwimmt. So ist das mit allen Objekten: sie werden manchmal von den Wellen nach unten gespült, sie brechen auseinander, Muscheln haften sich an. Und viele Objekte sinken, wenn sich viele Muscheln drangeheftet haben. Wir sollten schnell versuchen, das Wrack zu finden: Je länger wir warten, umso weniger Wrackteile werden an irgendwelche Strände gespült werden.

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