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Osterpassion : Jesus wohnt in Wuppertal

  • -Aktualisiert am

Vom Sachbearbeiter zum Jesusdarsteller: Giarlando Galuzzo Bild:

Die italienische Karfreitagsprozession in Wuppertal ist zum Großereignis geworden. Der Jesus heißt dieses Jahr Gerlando Galluzzo.

          Jesus von Nazareth kniet nieder, das Kreuz geschultert, und fragt: "So?" Aber Calogero Cacciatore schüttelt den Kopf: "Ernster, ernster!" ruft der kleine Mann mit dem runden Kopf, und Jesus, der eben noch milde gelächelt hat, schaut jetzt sehr ernst. Da hellt sich Cacciatores Miene auf: "Ja, besser! Der Junge ist gut, das wird einer der besten Jesusse, die wir je hatten!"

          Jesus ist Gerlando Galluzzo, und Gerlando Galluzzo ist Jesus - zumindest Karfreitag. Im vergangenen Jahr spielte noch ein anderer den Heiland, der war Mechaniker. Zuvor war Jesus sechs Jahre lang von einem Elektriker verkörpert worden. Nun probt Galluzzo noch einmal die Erlösung der Menschheit, guckt dabei aber einen Moment lang schon wieder nicht würdevoll genug, findet Cacciatore.

          Wenige Jesus-Anwärter

          Cacciatore ist der Regisseur bei der Karfreitagsprozession, die die italienische katholische Gemeinde in Wuppertal diese Woche zum vierundzwanzigsten Mal zeigt - die größte dieser Art in Deutschland, nur in Stuttgart findet noch eine vergleichbare Osterpassion statt.

          Kostümprobe für Karfreitag

          Galluzzo hat zum ersten Mal die Hauptrolle übernommen, alle zwei, drei Jahre will die Gemeinde einen neuen Jesusdarsteller den Weg von der Verurteilung durch Pilatus bis zur Kreuzigung spielen lassen. "Ist besser. Wenn sich Jesus Gründonnerstag ein Bein bricht, stehen wir nicht plötzlich ohne erfahrenen Darsteller da", sagt Salvatore Giancani, der Regieassistent. Mancher Darsteller fängt als Legionär an, dient sich hoch zum Hohepriester, bevor er dann endlich den Messias spielen darf. Um die Schurkenrollen - die mit Jesus ans Kreuz geschlagenen Verbrecher oder den Verräter Judas - reißt sich niemand, aber auch Jesus-Anwärter gibt es nur wenige. "Für die Hauptrolle braucht man Mut", sagt Giancani.

          Stürmerstar

          Gerlando Galluzzo, Jesus 2004, ist ein schlanker junger Mann von 23 Jahren mit pechschwarzen Locken, dichten Augenbrauen und sehr dunklen Augen. Mit seinem Vollbart könnte er gut Stürmerstar sein bei Milan oder Lazio, aber er ist Exportsachbearbeiter bei einer Textilfirma in Wichlinghausen, einem eher ärmlichen Wuppertaler Stadtteil, in dem viele Ausländer leben, vor allem Türken und Italiener. Wenn Fußball im Fernsehen kommt und Galatasaray, Inter Mailand oder die eine oder andere Nationalmannschaft spielen, füllen sich die Straßen nach Schlußpfiff in Sekundenschnelle mit hupenden Autocorsi in Rot oder Rot-Weiß-Grün. Je nachdem, wer gewonnen hat.

          Hier im Viertel ist Galluzzo groß geworden, schon mit sechs Jahren hat er in der italienischen Gemeinde, der Missione Cattolica Italiana, mitgearbeitet. Vor drei Monaten fragten ihn die Organisatoren der Osterfestspiele, ob er nicht in diesem Frühjahr den Jesus spielen wolle. Der junge Mann gefiel den Veranstaltern, sie glaubten, daß er das Zeug dazu habe. Galluzzo faltet die Hände wie zum Gebet, wenn er spricht, und sagt: "Ich habe mich sehr gefreut. Ich geh' ja auch jeden Sonntag in die Kirche." Er spricht mit Wuppertaler Dialekt, aus Kirche wird dann "Kirchö" und aus dem Glauben der "Glauböö". Eine Woche Bedenkzeit hat er sich ausbedungen, die er in seinem Zimmer bei den Eltern verbrachte und dabei auf der Gitarre Lieder von Tracy Chapman und Eros Ramazotti gespielt hat. Dann sagte er zu.

          Liebe und Ruhe

          Seine Familie, die vor 35 Jahren aus Aragona, einem Dörfchen auf Sizilien, nach Deutschland ausgewandert ist, platzt natürlich vor Stolz. Gerlandos Vater macht schon seit vielen Jahren bei den Passionsspielen mit und lenkt die Besuchermassen, sein kleiner Bruder spielte schon mal den Diener von Pontius Pilatus. Er selbst half allenfalls bei der Technik aus und befestigte die Mikrophone an den Gewändern der Hauptdarsteller - welch ein Karrieresprung...

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