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Orkan-Schäden : Das Holz muss jetzt schnell aus dem Wald

Waldschäden im Sauerland Bild: ddp

Ökologisch betrachtet, sind Stürme keine Katastrophen, sondern Naturereignisse mit veränderten Chancen für Fauna und Flora. Für die Förster eröffnet sich die Chance, endlich einmal alles richtig zu machen.

          An die Verwüstung, die „Wiebke“ 1990 im deutschen Wald angerichtet hat, reicht das Ausmaß der von „Kyrill“ entwurzelten Bäume und gerodeten Flächen wohl nicht heran. Von „Sturmschäden“ sprechen freilich ohnehin nur Waldeigentümer, denn forstökologisch betrachtet, sind Stürme keine Katastrophen, sondern Naturereignisse mit veränderten Chancen für Fauna und Flora.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Vom Sturm hinterlassene Lichtungen sind neue Lebensräume. Genauso, wie es die von Menschen verursachten Kahlschlagflächen bis zur ökologischen Umorientierung der deutschen Forstwirtschaft waren. Förster sprechen bis heute bezeichnenderweise von „Schlagflora“ wenn sie beschreiben, wie die Natur sich dabei hilft, die Wunden des Waldes zu heilen.

          Die bislang von den entwurzelten Bäumen verbrauchten Nährstoffe im gut beschatteten Boden stehen nach Stürmen anderen, Licht liebenden Pflanzengesellschaften zur Verfügung. Ein Mineralisierungsschub im Boden fördert die Ansiedlung von „Schlagflora“ wie Schmalblättrigem Weidenröschen, Rotem Fingerhut und Brombeersträuchern.

          Endlich einmal alles richtig machen

          Danach meldet sich der Wald zurück. Der vom Wind herangetragene Samen sogenannter Pionierbäume wie Birke, Erle, Weide, Lärche oder Eberesche lässt schnell neuen Wald heranwachsen. Dann greift der Förster lenkend ein mit seinem Wissen von den Ansprüchen der einzelnen Baumarten an den jeweils idealen Standort - und wegen seines nicht uneigennützigen Wunschs nach wertvollen Edelhölzern wie Buche und der wegen ihrer Pfahlwurzel besonders sturmstabilen Eiche, die durch „Initialpflanzungen“ beigemischt werden. Auf großflächige Aufforstungen wird wegen der immensen Kosten für Arbeitszeit, Pflanzen und den unerlässlichen Schutz vor hungrigem Wild schon lange verzichtet.

          Für die Förster eröffnet sich die Chance, auf den von Stürmen gerodeten „Kahlschlagflächen“ aus forstwissenschaftlicher Sicht endlich einmal alles richtig zu machen und den vermeintlich idealen Baumartenmix zu etablieren. Einige Jahrzehnte später ist der Wald dann zurückgekehrt.

          Es gibt aber auch Waldschäden nach Stürmen, die sich lange Zeit nicht offenbaren, wie etwa Feinrisse im Wurzelwerk von Bäumen, die durch Böen allzu stark gebeugt und gebogen wurden, aber stehen blieben. Diese Schäden treten oft erst viel später zutage.

          Schnelle Vermehrung von Waldschädlingen

          Solche komplexen forstökologischen Zusammenhänge können die privaten, kommunalen und staatlichen Waldbesitzer zurzeit aber nicht beruhigen. Nach Stürmen wie „Kyrill“ muss das Holz möglichst schnell aus dem Wald und in die Sägewerke.

          Einerseits, damit am Boden liegende Edelhölzer wie Buchen nicht austrocknen und binnen weniger Monate erheblich an Wert verlieren; andererseits, weil von umgefallenen Nadelbäumen wie Fichten die Gefahr ausgeht, dass sie die schnelle Vermehrung von Waldschädlingen wie Borkenkäfern begünstigen und damit neue Gefahren für jene Bäume heraufbeschwören, die den Orkanböen von „Kyrill“ gerade noch widerstanden haben.

          „Nasslagerung“ unter ständiger Berieselung

          Doch schon der Versuch, eine Übersicht der Schäden zu gewinnen, scheitert für die Förster unmittelbar nach den Stürmen meist an den von Bäumen blockierten Waldwegen. Hubschrauberflüge helfen nach schweren Orkanstürmen dabei, zumindest einen groben Überblick zu gewinnen.

          Die Sorgen der Waldeigentümer sind jedoch diesmal kleiner als nach „Wiebke“, weil das Sturmholz am Holzmarkt auf große Nachfrage und gute Preise trifft. Dennoch werden die wirtschaftlichen Folgen für viele Forstbesitzer gravierender sein als die ökologischen für den Wald, denn ein schneller Preisverfall ist nicht ausgeschlossen. Dem Landesbetrieb Hessen-Forst etwa fehlt zwar wie vielen anderen Waldbesitzern noch ein präziser Überblick über die Schäden, doch wird vor allem aus Mittel- und Nordhessen viel Holz auf den Markt kommen. Notfalls müssen die Stämme zur vorübergehenden Marktenlastung gelagert werden, im Wald oder draußen.

          Eine „Nasslagerung“ unter ständiger Berieselung zum Verhindern des Austrocknens der Stämme hatte sich nach „Wiebke“ aber bewährt, den Verfall der Preise zu mindern, wenn zu viel Holz gleichzeitig in die Sägewerke drängt. Damals hielt sich Hessen-Forst zudem zum Vorteil der privaten Waldeigentümer beim Verkauf zurück. Doch noch wissen die meisten Förster nicht präzise genug, wie sehr es „Kyrill“ im deutschen Wald hat krachen lassen.

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