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Orkan „Sabine“ : An Tagen wie diesen

Häufig gesichtete Szene: Menschen, die ratlos am Gleis stehen. Bild: AFP

Der Orkan „Sabine“ wütet über Deutschland. Die Deutsche Bahn übt sich in Krisenmanagement. Und Reisende versuchen, an ihr Ziel zu gelangen. Ein Erfahrungsbericht.

          2 Min.

          Ich sitze im Zug. Tatsächlich. Aber nicht in dem, der um 18.16 Uhr den Frankfurter Hauptbahnhof Richtung Köln verlassen hat. Planmäßig. So ist es jedenfalls in dem sogenannten DB Navigator zu sehen. Doch ICE 812 ist ein Phantom. Weder ist der Zug, der ICE 812 werden sollte, von Montabaur kommend pünktlich in Frankfurt eingetroffen, noch hat der Intercity-Express den Hauptbahnhof je verlassen. Es gibt ihn nur im Internet.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Aber das wissen nur diejenigen, die an Gleis 19 vergeblich darauf warteten, dass der Zug, der niemals eintreffen wird, auch wieder abfahren könnte. Die Mitarbeiter der Bahn folgten bis zum Moment der geplanten Abfahrt derweil der Maxime, die ihnen Schulung um Schulung eingetrichtert hatte: Kundenorientierung. Wollte nicht noch um zehn nach sechs eine nette Frauenstimme wissen, die Wagen der 1. Klasse befänden sich heute abweichend an die Spitze des Zuges in den Abschnitten C und D – worauf sich nicht wenige Premiumkunden der Bahn prompt in Richtung der imaginären Zugspitze in Bewegung setzten?

          Und hatte der Reisende nicht noch um kurz vor sechs ahnungsvoll die kostenfreie „Hotline“ angerufen, um zu erfahren, ob ICE 812 sich wirklich in Richtung Nordrhein-Westfalen in Bewegung setzen würde? Hat es nicht schon am Nachmittag geheißen, die Bahn werde den Fernverkehr wegen des Orkantiefs „Sabine“ bundesweit nach und nach einstellen? Nein, nein, versicherte eine nette, sehr ausgeruht wirkende Dame am Telefon, nur der Nahverkehr sei in Nordrhein-Westfalen eingestellt – der Intercity-Express werde wie geplant eingesetzt.

          Nein, die Mitarbeiter der Bahn wie diese Frau oder die Damen und Herren an den Informationsstellen im Frankfurter Hauptbahnhof, vor denen die Schlangen von Minute zu Minuten länger werden, sind nicht zu beneiden. Sie wissen es auch nicht besser. Was sie aber besser wissen als alle noch so erfahrenen Reisenden: Die Zuständigkeiten zwischen den verschiedenen Ebenen der Bahn sind genauso wenig synchronisiert wie die Informationsflüsse koordiniert.

          Doch halt! Kam nicht schon am Samstag die Meldung, die Bahn hätte vorsorglich schnelle Eingreiftruppen zusammengestellt, die mit Kettensägen (was wohl so etwas sein soll wie Motorsägen) den Zügen den Weg freischneiden würden, falls sich wieder einmal ein Baum auf die Oberleitung oder die Gleise verirrt haben sollte. Ein Vorschlag zur Güte: Vielleicht könnte man an Tagen wie diesen auch Kräfte bereithalten, die sich durch das alltägliche Informationsdickicht hindurch kämpfen könnten – und den Lutzens und Pofallas einen unverstellten Blick auf das Desaster ermöglichen, das sie mit ihrer Unfähigkeit anrichten, auch nur halbwegs verlässliche Informationen bereitzustellen – und das nicht nur an Tagen wie diesen.


          Ein Orkantief mit Geschwindigkeiten von bis zu 180 Stundenkilometern braust über Europa.

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