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Modetrend : Darf’s ein bisschen mehr Orient sein?

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Hauptsache, es wirkt irgendwie exotisch: Rihanna in einem Kaftan von Dolce & Gabanna. Bild: GC Images

Die Terrorangst in Deutschland ist längst konkret, aber Haremshosen und Kaftankleider, Requisiten aus dem Nahen Osten, verkaufen sich trotzdem bestens. Wie passt das zusammen?

          7 Min.

          Als „großes Ding“ und „neuer Statement-Schuh“ wird er gefeiert. Der Sommer 2016 ist für die Mode jener des Babouche. Der flache Schuh erinnert an klassische Slipper. Die extrem spitz zulaufende Form und die offene Ferse aber lassen sofort erkennen, dass marokkanisches Handwerk Vorlage für die Entwürfe von Labels wie Céline und Acne Studios war. Wer jemals im Urlaub einen Markt in Marrakesch oder Agadir besucht hat, kennt die hohen Wandregale voll bunter Lederpantoffeln, die auch ein hervorragendes Fotomotiv abgeben.

          Nun also gilt dieser traditionelle marokkanische Schuh als Trend des Sommers. Darüber, wie kleidsam er tatsächlich ist, lässt sich streiten. Darüber aber, dass der Babouche exemplarisch für ein Phänomen steht, das jedes Jahr mit den ersten Sonnenstrahlen wiederkehrt, kann es keinen Dissens geben: Im bunt gemusterten Gewand des sogenannten Ethno-Looks, einem konfusen Mix aus asiatischen und afrikanischen Elementen, also aus dem, was man gemeinhin als orientalisch bezeichnet, kommen auch arabische Einflüsse heute als ganz selbstverständlicher Teil unserer Alltags-Ästhetik daher. „Der Orient in der Mode ist keine geographisch definierbare Einheit, sondern eher eine Projektionsfläche für Phantasien und Sehnsüchte des Westens“, sagt Antonella Giannone, Professorin für Modetheorie, -geschichte und Bekleidungssoziologie an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Diese Sehnsüchte sind nahezu grenzenlos: China, Japan, Indien, die arabischen Länder, aber auch das subsaharische Afrika fallen unter den vagen Orient-Begriff.

          Der neue Trend aus dem Orient: exotische Leder-Slipper, die Babouche.

          „Meist geht es dabei aber um die Vorstellung von diesen Kulturen, nicht um eine tiefgehende Auseinandersetzung mit ihnen“, meint Giannone. Das wird im deutschen Orient-Begriff besonders deutlich. Nur er bezieht sich vergleichsweise explizit auf den Nahen Osten – oder besser: auf romantische Ideen von ebendiesem. Jenseits von Nachrichten und politischen Debatten meint „Orient“ im Deutschen vor allem märchenhafte Kulissen aus Tausendundeiner Nacht. Im Englischen und Französischen ist der Begriff weiter gefasst – seine Funktion aber bleibt dieselbe: „Der Orient steht für das, was anders, exotisch und nichtwestlich ist“, sagt Giannone. Schon der Literaturkritiker Edward Said schrieb in seiner berühmten Studie „Orientalismus“, Exotik diene der Selbstvergewisserung: Orientalische Sinnlichkeit und maßlose Leidenschaft werden als klarer Gegensatz zur westlichen Sachlichkeit und Disziplin stilisiert. Der Westen, so Said, brauche seine phantastisch-pittoresken Ideen vom Orient als eine Art Schablone, um sich selbst zu definieren. Das gelte auch für Mode und Alltagskultur.

          Arabische, persische und türkische Einflüsse

          Und so sind arabische, persische und türkische Einflüsse auch im Ethno-Look des 21. Jahrhunderts allgegenwärtig. Kupferlaternen mit filigraner Ornamentik und bunt verzierte Sitzsäcke aus Leder zaubern Marrakesch-Flair in jedes Reihenhaus, so versprechen es Online-Shops wie Westwing. Der knöchellange Kaftan, aktuell bei H&M und Comma zu haben, gilt als neueste Konkurrenz zum Maxikleid. Auch Pop-Star Rihanna wurde schon in einem Dolce & Gabbana-Kaftan gesichtet.

          Die luftige Haremshose hält sich zum Leidwesen vieler Männer hartnäckig als Alternative zum Rock; Modeschmuck mit Anhängern in Form der Hand der Fatima und Parfums wie „L’Autre Ôud“ von Lancôme runden den Look ab. Ob der goldene Flakon des 2013 lancierten Duftes an eine Moschee oder einen Märchenpalast à la Scheherazade erinnern soll, bleibt unklar. Hauptsache, er wirkt irgendwie exotisch und geheimnisvoll. Orientalisch eben. Selbst Nagellack der Marke Essence für weniger als zwei Euro verheißt eine „aufregende Reise in die Welt von Tausendundeiner Nacht“. Und das persische Teppichmuster wird jetzt auch auf Yogamatten von Magic Carpets gedruckt.

          Mix aus Authentizität, Kitsch und Klischee

          Das alles mag auf den ersten Blick ganz normal anmuten in einer globalisierten Welt, in der sich verschiedene Einflüsse zwangsläufig miteinander vermischen. Bei Mode und Wohnaccessoires zählt eben vor allem die Ästhetik. Solange der Mix aus Authentizität, Kitsch und Klischee hübsch daherkommt, ist er willkommen. Meistens jedenfalls. Denn in Zeiten, da Teile der Bevölkerung eine „Islamisierung des Abendlandes“ und eine „Überfremdung“ der eigenen Kultur befürchten, da der Nahe Osten in den Schlagzeilen als Schauplatz von Unruhen und Quell des Fanatismus gilt, kommt ausgerechnet der Orient als Inspiration für all die Kleinigkeiten, die unseren Alltag bunter machen, nicht bei jedem gut an.

          Luftig, trendig und teuer: ein Kaftan von Rosetta Getty für 850 Euro

          Das Unternehmen Lindt etwa erntete 2015 massive Empörung für einen Adventskalender, auf dem ein orientalisch anmutender Palast unterm Halbmond zu sehen ist. Sogar Boykottaufrufe wurden laut. Lindt betreibe „Werbung für eine archaische Gesellschaftsordnung, in der Frauen gesteinigt werden“, hieß es in sozialen Netzwerken. Zwar sind Zweifel an der historischen Authentizität der auf dem Kalender abgebildeten Architektur berechtigt. Vor allem aber verdeutlicht der Eklat eine neue Hysterie. Schließlich hat Lindt den Kalender bereits seit über zehn Jahren im Programm. Zehn Jahre, in denen sich niemand an dem – zugegebenermaßen sehr orientalistischen – Motiv störte.

          Trifft ein Gefühl der Angst zum falschen Zeitpunkt auf ein idealisiertes Bild vom Orient, können ganze Karrieren darunter leiden. So erging es dem spanischen Designer Miguel Adrover. Der galt als aufstrebender Star der Modeszene, bis er im September 2001 in New York eine Kollektion zeigte, zu der ihn Reisen nach Ägypten inspiriert hatten. Die Models trugen streng gebundene Kopftücher und lange Gewänder, die Muster der Stoffe erinnerten an Ornamente aus Moscheen. Zwei Tage nach dem Defilee rasten islamistische Terroristen mit Flugzeugen in die Twin Towers. „Sein Timing hätte nicht schlechter sein können“, urteilte die „New York Times“. Adrovers modische Adaption der islamischen Kultur machte den Designer plötzlich verdächtig. Investoren zogen sich zurück, spanische Zeitungen spekulierten gar über direkte Verbindungen zwischen Adrovers Atelier und Usama Bin Ladin. Nur mühsam kämpfte sich der Spanier zurück in die Modewelt.

          Eigene Version der Realität

          „Entwicklungen wie diese sind Einzelfälle“, meint Antonella Giannone. Meist werde kein Bezug zwischen Lifestyle-Produkten und realer Weltpolitik hergestellt. Der Grund: „Mode entschärft und ästhetisiert Begriffe.“ Wenn also die Terrorbedrohung auch in Deutschland längst konkret geworden ist, wenn, wie in den vergangenen Wochen, jederzeit mit einem weiteren Anschlag zu rechnen ist, dann verkaufen sich die Orient-Windlichter und Haremshosen trotzdem weiterhin so, als wäre alles in bester Ordnung. Die Mode, so Giannone, schaffe eben ganz eigene Zugänge zur Aktualität.

          Und sie schafft sich eigene Versionen der Realität. Während Europäer etwa von den Kreuzzügen noch halbwegs authentische Ideen und Textilien, aber auch Gewürze mit nach Hause brachten, wurde der Orient spätestens Anfang des 20. Jahrhunderts in der Mode das, was er bis beute ist: ein Motiv. Von 1909 bis 1911 gastierten die legendären Ballets Russes in Paris. Ihre Inszenierungen von „Cléopâtre“ und „Scheherazade“ sowie die von Léon Bakst entworfenen Kostüme inspirierten nicht nur das Pariser Publikum, sondern auch damalige Modeschöpfer wie Paul Poiret.

          In seinen Entwürfen mixte Poiret arabische Haremshosen mit indischem Turban und legte damit den Grundstein für den heutigen Ethno-Look. Schon damals beschränkte sich der Trend nicht nur auf Textilien. Die Damen schminkten sich einen dunklen Teint, und auch das Ambiente musste stimmen. So wie auf dem legendären „1002 Nächte“-Ball, den Poiret 1911 gab und für den seine Gäste angewiesen waren, in „von orientalischen Märchen inspirierten“ Kleidern zu erscheinen. „Der Orient wurde in dieser Phase zu einem bewusst fiktiven Konstrukt. Es war klar, dass es nicht um eine kulturelle Annäherung oder Authentizität ging“, erklärt Giannone.

          „Mode gewöhnt unsere Wahrnehmung“

          Der Einfluss dieser übertriebenen Vorstellung von orientalischer Mode war groß: Yves Saint Laurent zollte den Ballets-Russes-Kostümen von Bakst mit seiner Frühjahrskollektion 1991 Tribut, 2008 griff Marc Jacobs das Thema auf. Im selben Jahr zeigten auch Paul Smith, Ralph Lauren und Donna Karan Haremshosen, lange Gewänder und lockere Kopftücher in ihren Kollektionen.

          Jahre nach der Kontroverse um Miguel Adrover war der Orient-Look nun wieder laufstegfähig – und plötzlich überall. „Eine ganz eigene Perspektive auf den Lawrence-von-Arabien-Look“ attestierte Prinzessin Deena Aljuhani Abdulaziz, Mode-Unternehmerin und Sprössling des saudi-arabischen Königshauses, damals den Designern. Der Weg vom Laufsteg auf die Kleiderständer großer Modeketten ist heutzutage nicht mehr weit, die Möbelindustrie zieht mit, und nach dem Shopping stärkt man sich mit Falafel und Couscous-Salat. So wird Exotik ganz normal. „Mode gewöhnt unsere Wahrnehmung“, sagt Giannone.

          Den Orient kann sich heute jeder nach Hause holen. Das ist äußerst praktisch, wenn ein Modephänomen zwar das Fernweh weckt, sich aber auf eine Region bezieht, die derzeit nicht gerade als sicherste Destination gilt. Noch praktischer ist es, wenn das Objekt der Sehnsucht ein geographisch nicht näher definierter Phantasie-Orient ist. Wer denkt schon bei Damaszener Rosen, Herznote in Parfums von Dior bis Chloé, an die aktuelle Lage in der syrischen Hauptstadt?

          Verschleierung sorgt für Aufmerksamkeit

          Wird es allzu politisch, stößt die Gelassenheit jedoch an ihre Grenzen. Laurence Rossignol, französische Ministerin für Familie und Frauenrechte, kritisierte im Frühjahr Unternehmen wie Dolce & Gabbana dafür, neuerdings mit Models in Kopftüchern und Abayas zu werben. Diese Art der Kleidung sei eine Inhaftierung des weiblichen Körpers, so Rossignol. Gerade in Freizügigkeit gewohnten Gesellschaften sorgt Verschleierung für Aufmerksamkeit. Das weiß auch ein Popstar wie Lady Gaga. 2013 sang sie ihren Song „Burqa“ und trug eine solche in Knallpink. Und 2015 erntete H&M für den nur wenige Sekunden dauernden Auftritt eines Models mit Kopftuch in einem Werbespot ein gigantisches Medienecho.

          Solche Diskussionen zeigen, wie groß der gesellschaftliche Einfluss von Mode sein kann, findet Antonella Gianonne: „Die Unternehmen zeigen das Kopftuch nicht mehr nur als religiöses Symbol, sondern als Kleidungsstück, das einem Wandel unterliegen kann.“ Das habe natürlich auch ökonomische Gründe, muslimische Frauen stellen schließlich eine große Zielgruppe dar. Die Wirkung aber gehe darüber hinaus: „Der Orient und gerade das Kopftuch stehen meist für Tradition und Unveränderlichkeit. Durch solche Kampagnen wird das Kopftuch nun aber mit modischer Innovation assoziiert.“

          „Die großen Labels sind alle multinational“

          Es tut sich was in Sachen Orient. Trends würden mittlerweile nicht mehr nur von Designern gesetzt, sondern entstehen auf der Straße, so Giannone. „Gerade in großen Metropolen leben heute Menschen, die mehrere kulturelle Identitäten in sich vereinen und diese durch ihre Kleidungsstile zum Ausdruck bringen.“ Städte seien heute stark von dieser Vielfalt geprägt. Eine rein westliche Modeindustrie gebe es auch nicht mehr: „Die großen Labels sind alle multinational. Investoren, aber auch Designer selbst kommen aus aller Welt. Die Mode globalisiert sich auf allen Ebenen.“

          Designer wie Yoshi Yamamoto und Issey Miyake lehrten in den achtziger Jahren von Paris aus die Modewelt, dass Japan mehr zu bieten hat als traditionelle Kimonos und Zen-Kultur. Azzedine Alaïa und Elie Saab begeistern die Welt mit arabischer Mode jenseits von morgenländischem Kitsch. „Die Geographie der Mode muss neu geschrieben werden“, findet Giannone: „Die Dichotomie zwischen Orient und Okzident hat mit der Realität nicht mehr viel zu tun. Wir leben in einer Zeit, in der sich die Koordinaten verschieben.“

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