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Modetrend : Darf’s ein bisschen mehr Orient sein?

  • -Aktualisiert am

„Mode gewöhnt unsere Wahrnehmung“

Der Einfluss dieser übertriebenen Vorstellung von orientalischer Mode war groß: Yves Saint Laurent zollte den Ballets-Russes-Kostümen von Bakst mit seiner Frühjahrskollektion 1991 Tribut, 2008 griff Marc Jacobs das Thema auf. Im selben Jahr zeigten auch Paul Smith, Ralph Lauren und Donna Karan Haremshosen, lange Gewänder und lockere Kopftücher in ihren Kollektionen.

Jahre nach der Kontroverse um Miguel Adrover war der Orient-Look nun wieder laufstegfähig – und plötzlich überall. „Eine ganz eigene Perspektive auf den Lawrence-von-Arabien-Look“ attestierte Prinzessin Deena Aljuhani Abdulaziz, Mode-Unternehmerin und Sprössling des saudi-arabischen Königshauses, damals den Designern. Der Weg vom Laufsteg auf die Kleiderständer großer Modeketten ist heutzutage nicht mehr weit, die Möbelindustrie zieht mit, und nach dem Shopping stärkt man sich mit Falafel und Couscous-Salat. So wird Exotik ganz normal. „Mode gewöhnt unsere Wahrnehmung“, sagt Giannone.

Den Orient kann sich heute jeder nach Hause holen. Das ist äußerst praktisch, wenn ein Modephänomen zwar das Fernweh weckt, sich aber auf eine Region bezieht, die derzeit nicht gerade als sicherste Destination gilt. Noch praktischer ist es, wenn das Objekt der Sehnsucht ein geographisch nicht näher definierter Phantasie-Orient ist. Wer denkt schon bei Damaszener Rosen, Herznote in Parfums von Dior bis Chloé, an die aktuelle Lage in der syrischen Hauptstadt?

Verschleierung sorgt für Aufmerksamkeit

Wird es allzu politisch, stößt die Gelassenheit jedoch an ihre Grenzen. Laurence Rossignol, französische Ministerin für Familie und Frauenrechte, kritisierte im Frühjahr Unternehmen wie Dolce & Gabbana dafür, neuerdings mit Models in Kopftüchern und Abayas zu werben. Diese Art der Kleidung sei eine Inhaftierung des weiblichen Körpers, so Rossignol. Gerade in Freizügigkeit gewohnten Gesellschaften sorgt Verschleierung für Aufmerksamkeit. Das weiß auch ein Popstar wie Lady Gaga. 2013 sang sie ihren Song „Burqa“ und trug eine solche in Knallpink. Und 2015 erntete H&M für den nur wenige Sekunden dauernden Auftritt eines Models mit Kopftuch in einem Werbespot ein gigantisches Medienecho.

Solche Diskussionen zeigen, wie groß der gesellschaftliche Einfluss von Mode sein kann, findet Antonella Gianonne: „Die Unternehmen zeigen das Kopftuch nicht mehr nur als religiöses Symbol, sondern als Kleidungsstück, das einem Wandel unterliegen kann.“ Das habe natürlich auch ökonomische Gründe, muslimische Frauen stellen schließlich eine große Zielgruppe dar. Die Wirkung aber gehe darüber hinaus: „Der Orient und gerade das Kopftuch stehen meist für Tradition und Unveränderlichkeit. Durch solche Kampagnen wird das Kopftuch nun aber mit modischer Innovation assoziiert.“

„Die großen Labels sind alle multinational“

Es tut sich was in Sachen Orient. Trends würden mittlerweile nicht mehr nur von Designern gesetzt, sondern entstehen auf der Straße, so Giannone. „Gerade in großen Metropolen leben heute Menschen, die mehrere kulturelle Identitäten in sich vereinen und diese durch ihre Kleidungsstile zum Ausdruck bringen.“ Städte seien heute stark von dieser Vielfalt geprägt. Eine rein westliche Modeindustrie gebe es auch nicht mehr: „Die großen Labels sind alle multinational. Investoren, aber auch Designer selbst kommen aus aller Welt. Die Mode globalisiert sich auf allen Ebenen.“

Designer wie Yoshi Yamamoto und Issey Miyake lehrten in den achtziger Jahren von Paris aus die Modewelt, dass Japan mehr zu bieten hat als traditionelle Kimonos und Zen-Kultur. Azzedine Alaïa und Elie Saab begeistern die Welt mit arabischer Mode jenseits von morgenländischem Kitsch. „Die Geographie der Mode muss neu geschrieben werden“, findet Giannone: „Die Dichotomie zwischen Orient und Okzident hat mit der Realität nicht mehr viel zu tun. Wir leben in einer Zeit, in der sich die Koordinaten verschieben.“

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