https://www.faz.net/-gum-8jvp3

Modetrend : Darf’s ein bisschen mehr Orient sein?

  • -Aktualisiert am

Mix aus Authentizität, Kitsch und Klischee

Das alles mag auf den ersten Blick ganz normal anmuten in einer globalisierten Welt, in der sich verschiedene Einflüsse zwangsläufig miteinander vermischen. Bei Mode und Wohnaccessoires zählt eben vor allem die Ästhetik. Solange der Mix aus Authentizität, Kitsch und Klischee hübsch daherkommt, ist er willkommen. Meistens jedenfalls. Denn in Zeiten, da Teile der Bevölkerung eine „Islamisierung des Abendlandes“ und eine „Überfremdung“ der eigenen Kultur befürchten, da der Nahe Osten in den Schlagzeilen als Schauplatz von Unruhen und Quell des Fanatismus gilt, kommt ausgerechnet der Orient als Inspiration für all die Kleinigkeiten, die unseren Alltag bunter machen, nicht bei jedem gut an.

Luftig, trendig und teuer: ein Kaftan von Rosetta Getty für 850 Euro

Das Unternehmen Lindt etwa erntete 2015 massive Empörung für einen Adventskalender, auf dem ein orientalisch anmutender Palast unterm Halbmond zu sehen ist. Sogar Boykottaufrufe wurden laut. Lindt betreibe „Werbung für eine archaische Gesellschaftsordnung, in der Frauen gesteinigt werden“, hieß es in sozialen Netzwerken. Zwar sind Zweifel an der historischen Authentizität der auf dem Kalender abgebildeten Architektur berechtigt. Vor allem aber verdeutlicht der Eklat eine neue Hysterie. Schließlich hat Lindt den Kalender bereits seit über zehn Jahren im Programm. Zehn Jahre, in denen sich niemand an dem – zugegebenermaßen sehr orientalistischen – Motiv störte.

Trifft ein Gefühl der Angst zum falschen Zeitpunkt auf ein idealisiertes Bild vom Orient, können ganze Karrieren darunter leiden. So erging es dem spanischen Designer Miguel Adrover. Der galt als aufstrebender Star der Modeszene, bis er im September 2001 in New York eine Kollektion zeigte, zu der ihn Reisen nach Ägypten inspiriert hatten. Die Models trugen streng gebundene Kopftücher und lange Gewänder, die Muster der Stoffe erinnerten an Ornamente aus Moscheen. Zwei Tage nach dem Defilee rasten islamistische Terroristen mit Flugzeugen in die Twin Towers. „Sein Timing hätte nicht schlechter sein können“, urteilte die „New York Times“. Adrovers modische Adaption der islamischen Kultur machte den Designer plötzlich verdächtig. Investoren zogen sich zurück, spanische Zeitungen spekulierten gar über direkte Verbindungen zwischen Adrovers Atelier und Usama Bin Ladin. Nur mühsam kämpfte sich der Spanier zurück in die Modewelt.

Eigene Version der Realität

„Entwicklungen wie diese sind Einzelfälle“, meint Antonella Giannone. Meist werde kein Bezug zwischen Lifestyle-Produkten und realer Weltpolitik hergestellt. Der Grund: „Mode entschärft und ästhetisiert Begriffe.“ Wenn also die Terrorbedrohung auch in Deutschland längst konkret geworden ist, wenn, wie in den vergangenen Wochen, jederzeit mit einem weiteren Anschlag zu rechnen ist, dann verkaufen sich die Orient-Windlichter und Haremshosen trotzdem weiterhin so, als wäre alles in bester Ordnung. Die Mode, so Giannone, schaffe eben ganz eigene Zugänge zur Aktualität.

Und sie schafft sich eigene Versionen der Realität. Während Europäer etwa von den Kreuzzügen noch halbwegs authentische Ideen und Textilien, aber auch Gewürze mit nach Hause brachten, wurde der Orient spätestens Anfang des 20. Jahrhunderts in der Mode das, was er bis beute ist: ein Motiv. Von 1909 bis 1911 gastierten die legendären Ballets Russes in Paris. Ihre Inszenierungen von „Cléopâtre“ und „Scheherazade“ sowie die von Léon Bakst entworfenen Kostüme inspirierten nicht nur das Pariser Publikum, sondern auch damalige Modeschöpfer wie Paul Poiret.

In seinen Entwürfen mixte Poiret arabische Haremshosen mit indischem Turban und legte damit den Grundstein für den heutigen Ethno-Look. Schon damals beschränkte sich der Trend nicht nur auf Textilien. Die Damen schminkten sich einen dunklen Teint, und auch das Ambiente musste stimmen. So wie auf dem legendären „1002 Nächte“-Ball, den Poiret 1911 gab und für den seine Gäste angewiesen waren, in „von orientalischen Märchen inspirierten“ Kleidern zu erscheinen. „Der Orient wurde in dieser Phase zu einem bewusst fiktiven Konstrukt. Es war klar, dass es nicht um eine kulturelle Annäherung oder Authentizität ging“, erklärt Giannone.

Weitere Themen

Topmeldungen

Hat schon sein halbes Leben in der Politik verbracht: Konstantin Kuhle

Nachwuchspolitiker : Ein Talent läuft sich warm

Konstantin Kuhle wollte so sehr in die Politik, dass er tat, was manche Jugendlichen nur machen, um den ersten Alkohol ihres Lebens zu kaufen: Er fälschte sein Alter. Porträt eines Nachwuchspolitikers.
Newcastle United spielt im St. James’ Park, zumindest wieder wenn die Corona-Pause vorbei ist.

Fußballklub im Fokus : Arabische Schlacht um Newcastle

Muhammed bin Salman und der saudische Staatsfond wollen Newcastle United übernehmen. Der Premier-League-Partner Qatar hält dagegen. Es ist ein Kampf mit allen Mitteln – und ein Konflikt, der weit über den Sport hinaus reicht.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.