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Orgelprojekt in Halberstadt : Organ hoch zwei

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Dauerton-Instrument: Die Orgel in der Burchardi-Kirche in Halberstadt wird bestaunt, seit sie das „längste und langsamste Musikstück der Welt“ spielt Bild: Hagmann, Roger

639 Jahre soll die Aufführung des Werks „Organ²/ASLSP“ von John Cage in Halberstadt dauern. Jeder Ton des Projekts klingt über Jahrzehnte. In einem Monat steht nun der längste Klangwechsel bevor.

          An Rekorden mangelt es dem Orgelprojekt in Halberstadt nicht - die Einstufung als „längstes und langsamstes Musikstück der Welt“ ist nur eine von vielen. Nun steht mit dem Klangwechsel am 5. Oktober ein neuer Rekord an. Für fast sieben Jahre bleibt der neue Fünfton dann unverändert. Es wird der längste unveränderte Klang sein, den es je in einem Musikstück gegeben hat. Dazu werden wieder Hunderte Liebhaber der Musik von John Cage oder des Skurrilen in die Stadt am Harz kommen sowie Dutzende Fotografen und Fernsehteams. Aus Japan hat sich schon eine Zeitungsgruppe mit einer Auflage von 4,3 Millionen angemeldet.

          Ununterbrochen werden Besucher der Burchardi-Kirche dann die gleichen fünf Töne bis zum nächsten Klangwechsel am 5. September 2020 hören können. Zwei der drei neuen Töne erklingen in der Halbruine weiter bis zum September 2030, und das Ais noch bis März 2045.

          Am 5. Oktober um 16 Uhr werden die beiden Basstöne, die zurzeit zu hören sind, mit den Tönen drei neuer Orgelpfeifen zu einem Fünfklang verschmelzen. Ein, zwei Wochen davor setzt ein Orgelbauer aus dem Wallfahrtsort Kevelaer die drei neuen Orgelpfeifen ein, deren Handfertigung gerade vor dem Abschluss steht: Parallel zu Tonwechseln wächst die Orgel gleichsam organisch.

          Statt Kalender: Das Notenblatt gibt den anstehenden Klangwechsel vor

          Die Idee zur Aufführung des Werks „Organ²/ASLSP“ von John Cage ist sicherlich seltsam. Sie hilft aber zum Beispiel dabei, Besucher nach Halberstadt zu holen und Musikwissenschaftler in ihren Bann zu ziehen. Die Organisatoren haben die Vorgabe des 1992 verstorbenen Amerikaners ernst genommen, sein Orgelwerk ASLSP („As SLow aS Possible“) aufzuführen. Der Interpret ist gebunden an die „größtmögliche Langsamkeit“ an der Grenze zum Stillstand. Wie langsam aber ist langsam? Die Uraufführung an der Orgel in Metz im Jahr 1987 dauerte 29 Minuten. Eine Aufnahme an der Naumburger Orgel währt 71 Minuten - da war die Tonspeicher-Kapazität einer CD Maßstab. In Halberstadt aber wird die zur Jahrtausendwende begonnene Aufführung 639 Jahre dauern.

          Diese Zeitspanne ist nur halb willkürlich. Spiegelbildlich erinnert sie an den Bau der ersten Großorgel der Welt, einer Blockwerksorgel, im Halberstädter Dom im Jahr 1361 - also 639 Jahre vor der Jahrtausendwende. Manche sehen den Orgelbau als Geburtsstunde moderner Musik.

          Das Orgelstück soll jedenfalls so lange tags und nachts ununterbrochen zu hören sein, dass kein Menschenleben es hören und erfassen kann, und so lange wie die Lebensdauer einer Orgel. Anders als beim Klavier, dessen Töne rasch verklingen, kann die Orgel fast ewig klingen, solange die Windversorgung gesichert ist. Die John-Cage-Orgel-Stiftung legte die Berechnung 2004 „endgültig“ fest, wobei die kleinste Berechnungseinheit in der Partitur einem Monat entspricht. Gemessen an der Uraufführung, werden also 0,2 Sekunden auf einen Monat gestreckt. Dass auch andere John Cage über lange Dauer hinweg schätzen, zeigte das Festival „Cage100“ mit 117 Veranstaltungen in 30 Ländern, darunter über vier Monate hinweg Turmglockenspiele in 70 Städten. Das Marathonfestival endete nun in Leipzig mit dem letzten Bühnenwerk des Experimentalkomponisten.

          Statt Organisten: Steinsäckchen halten die Windkanäle der Orgel offen

          Für den Filmemacher Alexander Kluge weist das Werk des Komponisten, Malers und Philosophen über ein Menschenleben, über Systeme hinaus, als Symbol von Beständigkeit und Wandel zugleich. Eine Fernsehdokumentation über das Orgelprojekt wählte vor fünf Jahren den schönen Titel „Es wird einmal gewesen sein“. Wer ewiglich daran teilhaben möchte, kann eine der Tafeln der nächsten 639 Jahre wählen, die das Innere der Burchardi-Kirche umrunden. Die Spende von 1000 Euro kommt dem Vorhaben zugute. Deren Beschriftung erinnert an eine Person oder ein Ereignis - eine Tafel für die Ewigkeit. Bis zum Jahr 2108 sind alle Jahre schon reserviert. Das letzte Jahr, 2640, haben sich „Margit und Paul“ vorbehalten. Der Schlagersänger Bill Ramsey reservierte sich 2083 als seinen 100. Hochzeitstag. Für 2003 hatten sich einige Geistesgrößen dieser Nation entschieden, unter ihnen die gebürtigen Halberstädter Alexander Kluge und Wibke Bruhns.

          Die hypnotischen Klänge schon vor dem Tonwechsel im Oktober erinnern an Barockmusik. Auch sie war damals wie jetzt beruhigend und verstörend zugleich, der junge Johann Sebastian Bach galt zu seiner Zeit als Avantgardist. Die Wirkung wird verstärkt durch die fast leere Burchardi-Kirche, den ältesten Gottesbau der einstigen Bischofsstadt. Sie wurde gebaut für ein Zisterzienserkloster, in den vergangenen fast 200 Jahren aber als Lagerschuppen, Schnapsbrennerei und Schweinestall genutzt. Dort stehen fast verloren auf Kies das Windgebläse und die kleinen - bald nun fünf - Orgelpfeifen. Dabei übernehmen Steinsäckchen die Aufgaben des Organisten: Ihr Gewicht hält die Windkanäle offen, eine halbe Ewigkeit lang.

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