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„Orden wider den tierischen Ernst“ für Guttenberg : „Ritter Rückgrat“ - ein „akrobatischer Querdenker“

Philipp zu Guttenberg vertritt bei der Verleihung des „Orden wider den tierischen Ernst” seinen Bruder Karl-Theodor Bild: dapd

Philipp zu Guttenberg präsentiert sich bei der 61. Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst als „Plagiat“ seines Bruders Karl-Theodor, den bei allem Spott verteidigt: „Als hätt' das Land nicht andere Sorgen als Fußnoten.“

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          Es ist ein absurd kleines Separee, in dem Philipp zu Guttenberg seinem Bruder am Sonntag um kurz nach Mitternacht einen weiteren wichtigen Dienst erweist. Eben hat der Forstwirt stellvertretend für den 61. Ritter des Ordens wider den tierischen Ernst, Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), die Dankesrede gehalten. Nun gibt Philipp zu Guttenberg in einem Eck, das kaum größer ist als drei Telefonzellen, die erste Pressekonferenz seines Lebens.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Den Journalisten bleibt gar nichts anderes übrig, als ihn, der sich sonst fernab vom Scheinwerferlicht seinen Wäldern widmet, mit ihren Mikrofonen, Kameras und Blöcken zu bedrängen. Der Förster ist der Stellvertreter. Und an der Statt des Verteidigungsministers steht Philipp zu Guttenberg am frühen Sonntagmorgen der Schweiß längst auf der Stirn, als er nach allerlei Freundlichkeiten dann doch auch noch gefragt wird, ob sein Bruder wohl am Montag noch im Amt sei.

          Damit die Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst nicht wie manche Veranstaltung in den Vorjahren eine müde Angelegenheit werde, hatte sich der Aachener Karnevalsverein (AKV) im Herbst einen Ordensritter-Kandidaten mit ordentlich Glamourfaktor und attraktiver Gattin ausgesucht: Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jakob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg.

          Karl-Theodor zu Guttenberg war lediglich als Karikatur in Aachen präsent
          Karl-Theodor zu Guttenberg war lediglich als Karikatur in Aachen präsent : Bild: dapd

          Damals waren sich die eitlen Aachener Jecken sicher, dass reichlich Glanz vom Glanze des beliebtesten deutschen Politikers auf sie abstrahle. Der Minister sei ein „Überflieger mit Bodenhaftung“, hieß es in der schriftlichen Begründung, ein „Ritter Rückgrat“, ein „akrobatischer Querdenker“. Was Guttenberg anfasse, gelinge. Einfaches könne jeder, Unmögliches offensichtlich nur einer. „Smart und stark sorgt er für Glanz im grauen Politikeralltag“. Guttenberg sei einfühlsam und authentisch. Das einhellige Urteil von „Medien, Menschen, Meinungsforschern“ sei: „Der kann Kanzler.“

          Wie selten zuvor überschlugen sich die Aachener Jecken bei Guttenberg: „Ein Ritter, wie er im Buche steht.“ Doch nach dem Jahreswechsel überschlugen sich die Ereignisse. Erst teilte der gerade wegen der „Gorch Fock“-Affäre in Bedrängnis geratene Verteidigungsminister den Karnevalisten mit, dass er den Orden „wegen der Lage in Afghanistan“ nicht persönlich entgegen nehmen könne und seinen eineinhalb Jahre jüngeren Bruder schicken müsse. Dann, nur wenige Tage vor dem jecken Aachener Ereignis, brach die Plagiats-Affäre über ihn herein. Der smarte Guttenberg, so scheint es, hat sich beim Verfassen seiner Doktorarbeit weniger als akrobatischer Querdenker, sondern vielmehr als akrobatischer Textmonteur betätigt. Guttenberg ein „Ritter Cut and Paste“? Bis zu dieser Wendung hatte sich der AKV damit getröstet, auch die Ordensritter Konrad Adenauer und Helmut Schmidt hätten seinerzeit Knappen nach Aachen entsandt, nun aber schien die ganze Veranstaltung in Gefahr.

          Die Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst ist eine Veranstaltung mit der mechanischen Würde eines zu langsam laufenden Uhrwerks. Prinzen treten mit Hofstaat und Prinzengarde auf, es wird ein Kinderkarnevalspreis verliehen (diesmal gibt's als besonders schöne Auszeichnung einen Auftritt mit dem unvergleichlichen Achim Mentzel für die Kleinen), dilettierende politische Promis versuchen sich als Humoristen, und tatsächliche Humoristen müssen den Saal dann wieder in Stimmung bringen. All das mündet stets in heftigem Zeitverzug.

          Doch auf dialektische Weise hilft die Melange der Festgesellschaft über die Wirklichkeit hinwegzugehen. Macht „Comidian“ Guido Canz in der Sitzung noch ein paar schneidende Witze über den abwesenden Ritter, indem er etwa ulkt, das Lied „Taken By A Stranger“, mit dem Lena Deutschland beim „Eurovision Song Contest“ vertritt, könnte auch den Titel für Guttenbergs Doktorarbeit abgeben, hat der mittlerweile abgewählte nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) einen merkwürdigen Rat für den nicht anwesenden mutmaßlichen Plagiator. Rüttgers, im Vorjahr ausgezeichneter Ritter von noch immer ziemlich trauriger Gestalt, beschließt die ihm traditionsgemäß zugefallene Laudatio mit den Worten: „Schlagen auch manchmal hoch die Wogen / man greift Dich an, Du wirst belogen / Eines ist, was Du als Ritter lernst / nimm alles nicht so tierisch ernst.“

          Philipp zu Guttenberg hält als Knappe dann eine bemerkenswerte Ritter-Rede. Pfiffig stellt er sich als „das Plagiat“ seines Bruders vor, den er dann ausgiebig verspottet. „So ist er, der Ferngebliebene: / Besteht Gefahr, nicht so zu glänzen . . . / tendiert er wortreich schnell zum Schwänzen / sucht Sündenböcke, einen Mann.“ Nebenbei serviert der Förster in Nockherberg-Qualität den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) ab (“Das größte Irrlicht aller Zeiten!“) und distanziert sich von der Medienstrategie seines Bruders (“Ich konnt's nicht fassen und riet ihm mild: Besser ein ,Bild' von einem Mann, als ein Mann der Bild.“). Dann aber gipfelt die Rede in einem großen Freispruchversuch: „Die Doktorarbeit ist verlogen / Hört man's links von mir laut toben.“ In den jubelnden Applaus der Festgesellschaft, die sich längst auf eine andere Wirklichkeit mit dem Knappen verständigt hat, ruft er: „Als hätt' das Land nicht andere Sorgen als Fußnoten.“ Und schließlich: „Symbol und Zeichen braucht der Mann / Der vieles weiß und manches kann / Der aber niemals ist gefeit / Vor Missgunst, Bosheit und viel Neid.“

          Als alles vorbei ist, steht zu Guttenberg in provisorischer Abgeschiedenheit. Während der Lärm der exaltierten Ballgesellschaft auf dem Weg zum Buffet über die Paravants schwappt, sucht er auch vor der Presse nicht zu patzen. Ja, der Verteidigungsminister habe die Rede gekannt und sie für gut befunden. Er, Philipp, sei freilich in einer schwierigen Situation gewesen, weil er den Text in den vergangenen Tagen ständig habe umschreiben müssen. Bevor der Förster spricht, dreht er stets seine Augen gen Himmel, als gelte es, die Antworten aus der Luft zu greifen.

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