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Online-Dating : Perfekt ist perfekt ist perfekt

„Abwrackprämie für Paarbeziehungen“

Arnold Retzer, systemischer Paartherapeut in Heidelberg, spricht von einer „verschärften Renaissance dieser romantischen Idee der Liebe, die im Grunde ein Glaube an den Richtigen ist“. Retzer zufolge gibt es keinen idealen Partner. Das Geheimnis erfolgreicher Beziehungen bestehe vielmehr darin, großzügig über die Macken des anderen hinwegzusehen. Aber die gängige Illusion von der perfekten Paarung werde durch das Internet forciert: „Das erhöht den Anspruch an den Richtigen. Und das erhöht die Enttäuschungssensibilität. Kleinste Abweichungen vom Sollwert sind ein Beweis, dass es der Falsche ist.“

Die Folge bezeichnet Retzer als „Abwrackprämie für Paarbeziehungen“. So, wie es ökonomisch sinnvoller scheinen kann, ein neues Auto zu kaufen, anstatt das alte reparieren zu lassen, suche man heutzutage oft schon beim Anflug einer Krise nach einem passenderen Partner. „Es wird nicht mehr toleriert, dass man sich über längere Zeit frustriert fühlt“, sagt Retzer. Aber das sei weniger eine Folge des Internets als ein Zeitgeistphänomen.

Oder, wie Andreas Schmitz es sagt, Soziologe und Mitarbeiter des Bamberger Forschungsprojekts: „Sicherlich hat das Online-Dating keinen eigenständigen impact auf unsere Vorstellungen von der Liebe. Die Bedeutung der Liebe ändert sich ohnehin.“ Und dieser Wandel sei mitsamt dem digitalen Flirten „Ausdruck einer Modernisierung unserer Gesellschaft“.

Ein heißumkämpfter Wirtschaftszweig

Deshalb hat die Partnervermittlung Elite-Partner jetzt die Initiative „Besser daten, besser lieben“ lanciert, die zu einem „aufgeklärten und verantwortungsvollen Umgang mit den Chancen und Risiken des neuen Beziehungsmarktes“ beitragen soll. Offenbar hat das Unternehmen erkannt, dass es in einem heißumkämpften Wirtschaftszweig zum Seriositätsvorsprung werden kann, wenn man sich der eigenen Branche auch kritisch widmet. „Wir möchten uns ganz klar unterscheiden und uns unserem Teil der Verantwortung stellen“, sagt Lisa Fischbach, die bei Elite-Partner die Abteilung „Forschung und Matchmaking“ leitet.

Die Agentur hat Wissenschaftler zu sich geladen zu einer Diskussion über Dan Slaters These von der abnehmenden Verbindlichkeit und die Tücken des modernen Beziehungswesens. Die „Policy“, die auf dieser Grundlage entstanden und auf der neuen Homepage nachzulesen ist, enthält Tipps gegen die Verführungen des Netzes bis hin zu der Warnung, dass ständige Wechsel und die Suche nach dem perfekten Partner langfristig nicht zu besseren Beziehungen führen werden. Erst nach innen gucken, dann den Partner im Außen suchen, heißt es da zum Beispiel. Qualität vor Quantität. Fairplay. Oder eben auch: Probleme wird es mit jedem Partner geben.

Im Extremfall droht die Flirtpause

Derzeit entwickelt die Agentur zudem einen Selbsttest zum Thema „Shoppingmentalität“. Wer Dutzende Anfragen gleichzeitig losschicke, allzu rigoros aussortiere und die Wertschätzung für die Menschen hinter den Profilen verliere, werde dann womöglich mit einer roten Ampel konfrontiert, kündigt die Psychologin Fischbach an. Im Extremfall wolle Elite-Partner eine Flirtpause empfehlen.

“Wenn es nur das rote Kleid gegeben hätte, hätten Sie es vielleicht gekauft“, sagt Martin Birkenbeck. Aber ist das die Lösung? Der Berliner hat das Online-Daten inzwischen aufgegeben. Irgendwann hat es tatsächlich gepasst. Einfach so. Seine Freundin bekommt demnächst ein Kind. Das Paar will heiraten.

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