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Online-Dating : Perfekt ist perfekt ist perfekt

Gärtners Mac steht neben einem Obstsalat mit frischen Himbeeren, seine Finger gleiten mit einer Selbstverständlichkeit über das Touchpad, als würden sie Schuhe binden. 29 Jahre, 1,85 Meter, Beruf Berater steht in seinem Profil sowie der vorformulierte, von ihm ausgewählte Satz: „Andere bezeichnen Sie als sehr attraktiv.“ Gärtner klickt durch die Bilder von Frauen, die die Dating-Agentur ihm vorgeschlagen hat.

„Die find’ ich irgendwie spannend“

„Furchtbar“: eine Unternehmerin mit Pelzmanschetten am Arm, die vermutlich ihr Alter geschönt und eine uninspirierte Nachricht hinterlassen hat.

„Spricht mich optisch nicht so an“: eine Orchestermusikerin.

„Auch kein Foto ist ein Foto“: die wissenschaftliche Mitarbeiterin einer Universität, die ein apartes Schwarzweißbild benutzt, das die Agentur standardmäßig zur Verfügung stellt. Ein Ausschlusskriterium, sagt Gärtner.

„Die find’ ich irgendwie spannend“: eine rehäugige Brünette, exakt Gärtners Beuteschema. Dazu 91 Matchingpunkte. Er klickt in ihr Profil. BWL-Studium in Hamburg - „nicht die beste Uni“. Freizeitbeschäftigungen ausgehen, Sport, Freunde treffen - „nicht verkehrt“. Dass sie surft, taucht und Tennis spielt, gefällt Gärtner sogar. Aber das letzte Foto, auf dem sie zum Mikromini ein T-Shirt mit dem Kirsch-Logo des Pacha-Clubs drauf trägt, findet er „unmöglich“. Vielleicht könne er ihr ja beibringen, dass so etwas geschmacklos sei, überlegt er kurz. Dann klickt er weiter. Freunde beneiden Leo Gärtner: Er hat Models gehabt und sich auf Partys ausgetobt. Stets gibt es mehrere Frauen gleichzeitig, die er nur anzurufen braucht für ein Dinner und Casual Sex. „Es ist eine Art Schutzmechanismus, dass man sich mehrere Türen offenhält“, behauptet Gärtner. Aber während die Kumpel bei Facebook Hochzeitsbilder und Babyfotos posten, sehnt Gärtner sich zunehmend nach Zweisamkeit auf dem Sofa daheim, nach einem Menschen an seiner Seite, mit dem er alt werden möchte. Nur muss das schon die Traumfrau sein. Und Gärtner ist einer, der weiß, wonach er sucht.

Ohne Gefühle geht es nicht

Ein Minimum an Schönheit ist Grundbedingung. Intelligenz, Bildung, Eloquenz. Sie sollte beruflich im Leben stehen, Mails ohne Rechtschreibfehler verschicken und genauso selbstverständlich im Sternerestaurant wie bei McDonald’s bestellen. Schließlich kommt Gärtner aus einer Unternehmerfamilie. Er hat an Privatunis studiert, schnell Karriere gemacht und noch nie im Leben einen H&M betreten. Das passe einfach nicht zu seinem Stil- und Qualitätsempfinden, sagt der Ästhet. „Ich gehe keine Kompromisse ein.“ Perfekt ist perfekt ist perfekt.

Ohne Gefühle aber, sagt Gärtner, ohne Schmetterlinge und Luftwegbleiben und schlaflose Nächte gehe es schon gar nicht: „Ich glaube, dass wir uns alle etwas vormachen. Dass wir uns vormachen, wir könnten es entscheiden. Aber die Liebe muss uns finden.“

Wie soll das gehen in Zeiten des Internets? Oder besser: in einer hochindividualisierten Gesellschaft, in der Marktkriterien unsere privatesten Beziehungen prägen und wir glauben, Glück sei herstellbar, und zwar von uns selbst?

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