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Online-Dating : Perfekt ist perfekt ist perfekt

Studien, die Slaters Thesen belegen würden, fehlen. Mit der Scheidungsrate ging es schon bergauf, bevor sich die ersten Dating-Plattformen etablierten. Branchenunabhängige Wissenschaftler bezweifeln zudem, dass das „Matching“, die Vorauswahl von Partnern durch Computerprogramme, die abgefragte Persönlichkeitsmerkmale miteinander abgleichen, zu stabileren, zufriedeneren Beziehungen führe. Single- und Partnerbörsen werben zwar auch hierzulande mit Erfolgsquoten, Gütesiegeln und einem wissenschaftlichen Anspruch, sie versprechen „maßgeschneiderte Partnervorschläge“ (“Parship“), „perfektes Matchmaking“ (“E-Darling“) oder „Singles, die besonders gut zu Ihnen passen“ (“Elite-Partner“). Jenseits anekdotischer Erfolgsgeschichten jedoch sind die Anbieter bisher den Nachweis vom Nutzen ihrer Kuppeldienste schuldig geblieben.

Die Profile der Männer verschwimmen

Was bleibt, ist der Gedanke, dass Online-Dating mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden sein könnte. Schließlich gibt es Frauen wie Brigitte Mehler, die Lehrerin in Süddeutschland ist und sich mit Anfang 50 bei einer Partnerbörse angemeldet hat. Manchmal klickt sie abendelang Kandidaten durch, bis die Profile der Männer in ihrem Kopf verschwimmen und sie sich fühlt wie gelähmt. Dann schreibt sie entweder niemandem mehr. Oder sie pickt willkürlich einen Adressaten heraus, der sich später als schlechte Wahl entpuppt, weil sie all ihre Kriterien über Bord geworfen hat.

Oder Männer wie Jan Kleist. „Man wird schon kritischer“, sagt der 33 Jahre alte Unternehmensberater. Online-Dating sei wie Angeln in einem riesigen Ozean: Wenn um einen herum die Prachtexemplare schwämmen, gebe man sich nicht mit einem Mickerfisch zufrieden. Wenn er ein Mädchen treffe, frage er sich oft: „Ist es das jetzt? Oder gibt es da nicht noch mehr?“ Kleist weiß nur zu gut, dass er nicht der einzige Sportfischer ist. Man müsse schon realistisch sein, sagt er - und sich Mühe geben. Die Kontaktaufnahme. Das Gemaile. Die immer gleichen ersten Dates. „Ich habe das Gefühl, dass ich manchmal härter arbeiten muss, als wenn ich jemanden zufällig in der Kneipe kennenlernen würde“, sagt Kleist. Es klingt frustriert.

Das Internet ist kein Supermarkt

Soziologen der Universität Bamberg, die seit fast sechs Jahren virtuelle Partnermärkte erforschen, warnen deshalb davor, die Chancen, aber auch die Auswirkungen des Internets zu überzeichnen. „Es ist nicht wie im Supermarkt, wo Sie zwischen zwanzig verschiedenen Waschmitteln wählen können“, sagt Projektleiter Hans-Peter Blossfeld. Die Partnersuche im Netz sei aufwendig und komplex; wer ernsthafte Absichten verfolge, müsse Strategien entwickeln, um das Überangebot zurechtzustutzen. Anders als der Supermarkt sei das Netz zudem kein Selbstbedienungsladen, in dem nur die eigene Entscheidung zähle. „Das Waschmittel muss Sie auch akzeptieren“, sagt der Professor. Wer seine Ansprüche nicht anpasst, bleibt allein.

Ob es daran liegt, dass Leo Gärtner noch immer solo ist? Einer, den die Soziologen selbstverständlich zu den Gewinnern der Online-Liebe rechnen würden, weil sein sozioökonomischer Status und seine kommunikativen Fähigkeiten besonders gut zur Geltung kommen, wenn digital gebalzt wird?

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