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Schneemassen in Österreich : Wo Autos zu riesigen Ostereiern werden

  • -Aktualisiert am

Autos im Schnee, doch welches ist das Richtige? Bild: Achim Dreis

Am Wilden Kaiser schneit es seit einer Woche. Die meisten Touristen haben in ihrem Winterurlaub deshalb mehr Freizeit als gedacht – denn Skifahren ist derzeit nur was für die ganz Harten. Eine Reportage.

          Sie sehen aus wie riesige Ostereier. Nur alle weiß. Auf dem Parkplatz unseres Hotels hat das Schneetief die Autos versteckt. Und zwar mannshoch. Es sieht sehr lustig aus. Und zu zweit mit zwei Schaufeln und einem Besen braucht man auch kaum mehr als eine Stunde, um die Karre wieder auszugraben. Nur wohin mit dem Schnee?

          Es ist die Frage aller Fragen in diesen Tagen – im beschaulichen Scheffau am Wilden Kaiser genau wie im gesamten nördlichen Österreich. So viel Schnee, darüber sind sich alle einig, gab es hier schon ewig nicht mehr. Die Differenz in den Aussagen bezieht sich nur darauf, ob ewig, 15, 20 oder 30 Jahre bedeutet, oder wirklich seit Menschen Gedenken?

          So eine Schneekatastrophe, sofern es denn eine Katastrophe ist, hat etwas Heimlichtuerisches. Sie kommt sanft, mit langem Anlauf, scheinbar harmlos. Man kann dabei zusehen und sich freuen, wie die Flocken fallen, und die Landschaft und das Gemüt einlullen. Leise rieselt der Schnee. Erst einen Tag, dann zwei, dann sechs am Stück. Riesel, riesel, riesel. Und dann wird es irgendwann unheimlich. Zumal: es ist kein Ende in Sicht.

          Feuerwehrmänner mit ernsten Mienen

          Noch finden es die Urlauber lustig, und die Lage hier ist auch relativ entspannt. Der Ort ist nicht von der Umwelt abgeschnitten und die Lifte laufen auch noch – die meisten zumindest. Doch als der Donnerstag mit einem Stromausfall anfängt, wird manchem schon etwas bang zumute. Womöglich stimmt das ja doch, was im Fernsehen in Nachrichten und Sondersendungen ständig erzählt wird, dass die Lage so ernst ist wie die Lawinenstufe 5.

          Am Anfang der Woche haben uns die besorgten Meldungen von Familie und Freunden zu Hause noch mehr Anspannung bereitet als die Lage vor dem Fenster. „Seid ihr gut angekommen“, „geht’s euch gut“, „lebt ihr noch“? Doch mittlerweile laufen immer mehr Feuerwehrleute mit ernsten Mienen durchs Dorf, Kopf im Nacken, mit Kennerblick, und nehmen Dächer in Augenschein. „Räumen“, heißt es hier und dort, wenn die Last einen Meter überschritten hat. Und dann werden mutige Jungs mit Schaufeln in Körbe an langen Leitern gesteckt und nach oben gekurbelt – Dächer frei schaufeln. Es rummst ordentlich, wenn die Massen an Schnee runter krachen, und die Touristen haben was zu Filmen.

          Die meisten haben in ihrem Winterurlaub mehr Freizeit als gedacht – denn Skifahren ist derzeit nur was für die ganz Harten, oder die, die ihren teuren Skipass ausnutzen wollen. Wir sind drüber weg, fahren eigentlich nur noch bei schönem Wetter. Am ersten Tag mit Nebel und Schneetreiben gehen wir lieber wandern, als uns bei schlechter Sicht die Hänge herunter zu tasten. Spazieren durch den frisch gefallenen Neuschnee, 40 Zentimeter, bisweilen beschwerlich, aber herrlich.

          Andere Hotelgäste wagen sich auf die Bretter. Der erste Wadenbeinbruch lässt nicht lange auf sich warten. Abends in der Sauna, oder später am Buffet werden Erfahrungen ausgetauscht. „Oben war's schrecklich“. „Unten ging’s“. „Ich bin nur eine Abfahrt gefahren“. „Die meiste Zeit saßen wir auf der Hütte.“ Skiurlauber neigen dazu, sich als Schicksalsgemeinschaft zu verstehen. Immer, egal wo, aber aktuell besonders. Weil es noch keiner eine ganze Woche am Stück hat schneien gesehen. Weder die Leute aus der mittelhessischen Reisegruppe, nicht mal der lustige Senior, der seinen Schwiegersohn dabei hat, schon gar nicht das junge Paar, das schon beim Frühstück die Apps in den Smartphones befragt, anstatt aus dem Fenster zu gucken.

          Vorne feiern die Touristen, hinten wird die Evakuierung geplant

          Unser Schönwettergebot wankt nach ein paar Tagen. Wir sind rechtsherum gewandert bis Söll und linksherum bis Ellmau. Bis zu 15 Kilometer am Tag, mit Stöcken und ohne. Bis zum Knie im Schnee bisweilen. Und bekamen dann irgendwann Angst vor den Bäumen- dass sie unter der Last zusammen brechen könnten, und uns darunter begraben. Dann doch lieber auf die Pisten: 11-Uhr-Karte für 45 Euro, nichts gesehen, aber den Tiefschnee bis fast an die Hüften gespürt. Glück empfunden, auch wenn es kalt ist, nass, ungemütlich, verrückt auch ein bisschen.

          Die Pisten sind nicht präpariert. Von so einem Powder erzählen sie in Vail, oder träumen zumindest davon. Doch das Glück auf den Pisten hält nicht lange, es ist auch wählerisch – schnell haut einen ein Hügel in den Tiefschnee und wohl dem, der seinen Ski nicht verliert. Wohl dem auch, der den Sessellift nicht genommen hat, der dann stehen bleibt. Stromausfall. Da wird die Zeit lang.

          Wohl dem, der den Sessellift nicht genommen hat: Beim Stromausfall wird das Warten lang.

          Auch ohne Zwangspause reicht es nach ein paar Stunden dann schon. Einkehrschwung, das Zauberwort. Zumal der Dorfhüttenabend, auf den sich alle so freuten, ausfällt. Zu viel Schnee auf dem Dorfplatz. Keine Zeit zum Räumen, alle Mann sind auf Straßen und Dächern gefordert. Glühwein gibt’s doch noch – in der Bar gegenüber der Kirche. Und die erfahrene Wirtin stellt sich dazu, und erzählt, wie das damals war in Galtür. Vorne haben die Touristen noch gefeiert – „hurra, wir sind eingeschneit“. Und hinten wurde der Evakuierungsplan ausgearbeitet. Und da wird uns auch wieder etwas bang. Morgen fahren wir heim. Und freuen uns aufs Grüne. Wir müssen nur noch das richtige Auto ausgraben.

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