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Ölpest : Regierung Obama nimmt BP in die Zange

Verendeter Krebs am Strand von Grand Terre Bild: REUTERS

Der Ölkonzern soll für immer höhere Kosten der Katastrophe im Golf von Mexiko aufkommen. In der Politik und an der Börse macht sich Panik breit. Das amerikanische Justizministerium prüft, ob es BP die Auszahlung einer Dividende untersagen kann.

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          Die amerikanische Regierung erhöht den Druck auf BP drastisch. Innenminister Ken Salazar und das Justizministerium haben überraschend weitere Forderungen in Milliardenhöhe an den britischen Konzern erhoben, der durch die schwerste Ölkatastrophe der amerikanischen Geschichte immer mehr in Bedrängnis gerät. An der Börse verschärfte sich daraufhin am Donnerstag der Ausverkauf der BP-Aktie, am Freitag machte die Aktie wieder etwas Boden gut. Das Unternehmen versuchte die Anleger zu beruhigen: Es gebe keinen erkennbaren Grund für die Kursverluste, schrieb BP in einer Mitteilung.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Der britische Premierminister David Cameron will am Wochenende die Ölkatastrophe in einem Telefonat mit dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama ansprechen. Obama hat BP in den vergangenen Tagen immer härter angegriffen. Die Wut sei "verständlich", sagte Cameron am Donnerstag. Londons Bürgermeister Boris Johnson, der wie Cameron der Konservativen Partei angehört, warnte, die "anti-britische Rhetorik" in den Vereinigten Staaten sei Grund zu "nationaler Sorge".

          Der Aktienkurs von BP fiel am Donnerstagvormittag in London auf den tiefsten Stand seit April 1997. Der Kurs erholte sich dann am Freitag ein wenig. Seit dem Unfall auf der im Auftrag von BP betriebenen Bohrplattform "Deepwater Horizon" vor zwei Monaten hat sich der Börsenwert des Unternehmens auf rund 65 Milliarden Pfund (79 Milliarden Euro) halbiert. Einzelne Analysten sehen den Konzern inzwischen als Kandidaten für eine Übernahme (siehe auch BP: Für Shell eine einmalige Übernahmegelegenheit).

          Analysten: Umweltdesaster könnte bis zu 37 Milliarden Dollar kosten

          Die neue Ausverkaufswelle setzte ein, nachdem Innenminister Salazar angekündigt hatte, dass BP auch den Lohnausfall von Arbeitern anderer Ölunternehmen, die von einem vorläufigen Verbot von Tiefsee-Bohrungen im Golf von Mexiko betroffen sind, tragen solle. Die Regierung hat das Moratorium für sechs Monate verhängt. Rechtlich ist es allerdings unklar, ob die Politik BP zur Übernahme dieser Kosten in der Ölindustrie verpflichten kann. Das "Wall Street Journal" zitierte einen BP-Vertreter mit den Worten: "Irgendwo muss eine Linie gezogen werden." Eine BP-Sprecherin wollte die neuen Forderungen aus Washington dagegen auf Anfrage nicht kommentieren.

          Die Regierung steht selbst wegen des Bohr-Moratoriums unter Druck von Abgeordneten, die den Verlust von Zehntausenden Arbeitsplätzen fürchten. Nach Schätzung eines Ölindustrieverbandes in Louisiana kann das Verbot bis zu 46.000 Arbeiter betreffen. Lohnverluste könnten sich auf bis zu 330 Millionen Dollar im Monat addieren. Bisher hat die Ölpest BP 1,4 Milliarden Dollar gekostet, die Gesamtsumme wird jedoch weit höher ausfallen.

          Die Analysten der Credit Suisse warnen, dass das Umweltdesaster den Konzern über mehrere Jahre verteilt bis zu 37 Milliarden Dollar kosten könnte. Dies entspreche dem freien Mittelzufluss (Cash Flow) nach Investitionen und Dividendenauszahlungen von drei ganzen Geschäftsjahren. In den vergangenen drei Jahren hat der hochprofitable Konzern einen Nettogewinn von insgesamt knapp 59 Milliarden Dollar erwirtschaftet. Andere Fachleute schätzen die Kosten nur auf einen mittleren einstelligen Milliardenbetrag. BP selbst will erst in seinem Halbjahresabschluss, der Ende Juli veröffentlicht wird, Schadens-Rückstellungen vornehmen und hat bisher keine Schätzungen genannt. Vorstandschef Tony Hayward und Verwaltungsratschef Carl-Henric Svanberg haben mehrfach versichert, dass das Unternehmen allen seinen finanziellen Verpflichtungen nachkommen werde.

          Streit um Auszahlung der Dividende

          Die Zusicherungen stoßen in Washington aber auf immer mehr Misstrauen. Aus Sorge, dass BP das Geld ausgehen könnte, prüft das Justizministerium, ob es BP die Auszahlung einer Dividende untersagen kann. Generalbundesanwalt Thomas Perelli sagte in einer Kongressanhörung, das Ministerium schaue sich die Frage genau an und werde handeln. Mehr als 40 Abgeordnete haben BP-Chef Hawyard in einem offenen Brief aufgefordert, die Auszahlung der Dividende zu unterlassen und das Geld für die Säuberungsarbeiten im Golf von Mexiko zu verwenden. Die BP-Spitze will sich jedoch aus Sorge vor weiteren Kursverlusten nicht auf einen Dividendenverzicht festlegen. BP hat in seinem Aktionärskreis viele Großinvestoren wie Versicherungen und Pensionskassen, die an stabilen Ausschüttungen interessiert sind.

          Nachdem Beschwerden über ungenügende Schadensersatzzahlungen laut wurden, verlangt die Regierung inzwischen detaillierte Informationen über die Zahlungen, die BP an Unternehmen und Einwohner bisher überwiegend in Louisiana geleistet hat. Als weiteres Zeichen, dass die Regierung den Kurs gegenüber BP verschärft, forderte die Küstenwache BP auf, innerhalb von 72 Stunden einen Plan vorlegt, wie das Öl in den kommenden Monaten abgesaugt werden soll. Die Administration dringt auf Vorkehrungen, damit die Absaugarbeiten möglichst wenig durch einen möglichen Hurrikan behindert werden. BP saugt bislang nur ausströmendes Öl aus dem Bohrloch ab. Endgültig geschlossen werden kann das Leck voraussichtlich erst im August, sagte das Unternehmen. (Kommentar, Seite 22)

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