https://www.faz.net/-gum-16k4u

Ölpest im Golf von Mexiko : Viel schlimmer als gedacht

  • -Aktualisiert am

Eine Ölbarriere ist durch die schwere See an die Küste Louisianas gespült worden. Bild: AFP

Washington hat die Ölkatastrophe unterschätzt. Schon werden Vergleiche zu „Katrina“ gezogen. Die Versuche der politischen Schadensbegrenzung durch das Weiße Haus sind fast schon rührend. Am Sonntag will Barack Obama selbst in die betroffene Region reisen.

          3 Min.

          Am Freitag erreichte das Öl aus dem Golf von Mexiko das Weiße Haus – und der Präsident schickte Heimatschutzministerin Janet Napolitano, Innenminister Ken Salazar und Umweltministerin Lisa Jackson nach Louisiana. Dort setzten sich die drei Kabinettsmitglieder Baseballmützen auf und koordinierten die Arbeiten von Küstenwache, Kriegsmarine, Nationalgarde, örtlichen Rettungsmannschaften und Fischern – sie sind von der Ölkatastrophe wohl am schlimmsten getroffen. Am Sonntag will Barack Obama selbst in die betroffene Region reisen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Aus Washington half Präsidentensprecher Robert Gibbs derweil mit Zahlen nach: 1900 Mitarbeiter verschiedener Behörden seien im Einsatz gegen die Ölpest; 75 Schiffe hätten mehr als 60 Kilometer Kunststoffbarrieren gegen das Öl im Meer verlegt, weitere 90 Kilometer seien verfügbar; gut 3000 Kubikmeter Öl-Wasser-Gemisch seien geborgen worden; 530 Kubikmeter chemischer Bindungsmittel seien eingesetzt worden, weitere gut 190 Kubikmeter stünden zur Verfügung; entlang der Golfküste habe man sechs Krisenstäbe eingerichtet.

          „BP muss die Rechnung zahlen“

          Doch Gibbs’ Zahlen konnten den Schaden für die Biotope im Marschland, für Fauna und Sandstrände der Golfküste ebenso wenig eindämmen wie der von Präsident Obama zur Schau gestellte Zorn auf den Ölmulti BP, dessen Bohrinselhavarie vom 20. April zu der Katastrophe geführt hatte. BP müsse die Rechnung für Rettungs- und Reinigungsarbeiten begleichen, sagte Obama bei Sonnenschein im Rosengarten des Weißen Hauses. Am Golf hingen weiter dicke Wolken über dem aufgewühlten Wasser. Der aufgefrischte Wind trieb den 72 Kilometer breiten und fast 200 Kilometer langen Ölteppich direkt auf die Küste zu. Und die mit Öl bedeckten meterhohen Wellen schwappten über die eilig verlegten Kunststoffbarrieren.

          Küstenschutz: Aufblasbare Ölbarrieren sollen das Schlimmste verhindern

          Nach den Bundesstaaten Louisiana und Mississippi verhängten am Wochenende auch Alabama und Florida weiter im Westen den Notstand. Der Gouverneur von Louisiana, Bobby Jindal, forderte die Mobilisierung von 6000 Nationalgardisten zur Bekämpfung der Ölpest. Auch der Einsatz von Häftlingen zum Kampf gegen die Naturkatastrophe werde erwogen, sagte Jindal. Die ersten Vögel, deren Gefieder mit Öl verklebt waren, wurden am Samstag aus dem Wasser geborgen. Wie groß der ökologische und ökonomische Schaden für die Golfküste sein werde, wagte am Wochenende niemand vorauszusagen.

          Beschwichtigungen von BP

          Nach den Beschwichtigungen von BP an den ersten Tagen nach der Explosion der Bohrinsel, wonach es nicht so schlimm kommen werde, weil Öl allenfalls aus der gesunkenen Bohrinsel, nicht aber aus der angebohrten Ölquelle trete, galten am Samstag schlimmste Szenarien als wahrscheinlich. Die Katastrophe könne das Ausmaß des Tankerunglücks der „Exxon Valdez“ im Prinz-Williams-Sund von Alaska vom 24. März 1989 überschreiten, warnen Umweltschützer. Damals traten mehr als 250 000 Fass Rohöl aus dem havarierten Supertanker aus. Hunderttausende Vögel, Fische und Säugetiere starben. Bis heute sitzt der Ölschlick im Meeresboden vor Alaska.

          BP hatte zunächst geschätzt, aus dem Bohrloch in 1500 Meter Tiefe würden allenfalls 1000 Fass Öl täglich austreten. Am Donnerstag wurde das um das Fünffache nach oben korrigiert. Warum Präsident und Regierung der Ölgesellschaft, die sie jetzt so heftig schelten, mehr als eine Woche geglaubt haben und erst am Donnerstag das Unglück zur „Katastrophe nationaler Bedeutung“ erklärten, muss Washington jetzt erklären. Schon werden Vergleiche mit der späten Reaktion der Regierung unter George W. Bush auf den Hurrikan „Katrina“ vom August 2005 gezogen.

          In fünf Wochen ist das Ausmaß der „Exxon Valdez“-Katastrophe erreicht

          Das weisen Obamas Mitarbeiter zwar wütend zurück. Doch manche stellen die Frage, ob man bei einer sofortigen angemessenen Reaktion einen Gutteil des Öls nicht weit vor der Küste an der Wasseroberfläche hätte verbrennen oder neutralisieren können. BP gibt jetzt zu, dass es mehr als zwei Monate dauern könnte, um das bei der Explosion und beim Sinken der Bohrplattform „Deepwater Horizon“ gerissene Leck in 1500 Meter Tiefe abzudichten.

          Wenn aber wie seit fast zwei Wochen täglich 5000 Fass Öl austreten, ist in fünf Wochen das Ausmaß der „Exxon Valdez“-Katastrophe erreicht. Schon jetzt wird mit Schäden für Fischerei und Fremdenverkehr von jeweils drei Milliarden Dollar gerechnet, die Säuberungsarbeiten dürften mit drei Milliarden Dollar zu Buche schlagen. Bei dem austretenden Öl handelt es sich offenbar um zähflüssiges, umweltschädliches Schweröl. Und das Wetter ist mit starken Winden und hohen Wellen denkbar schlecht.

          Die Versuche der politischen Schadensbegrenzung durch das Weiße Haus sind fast schon rührend. Vor kurzem hatte Obama neue Tiefsee-Ölbohrungen in amerikanischen Küstengewässern genehmigt. Jetzt werden die Genehmigungen ausgesetzt, bis die Ursache des Unglücks auf der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ und anderthalb Kilometer unter der Meeresoberfläche geklärt sind.

          Weitere Themen

          Ein neues Haus für die Obamas

          Nobelinsel Martha’s Vineyard : Ein neues Haus für die Obamas

          Martha’s Vineyard ist eine der exklusivsten Wohnadressen in den Vereinigten Staaten. Jetzt darf sich die illustre Reihe Prominenter dort über neue Nachbarn freuen – sofern man die Obamas auf ihrem riesigen Anwesen zu Gesicht bekommt.

          Nikolaus bei den Pandababys Video-Seite öffnen

          Berliner Zoo : Nikolaus bei den Pandababys

          Bei den Baby-Pandas im Berliner Zoo weihnachtet es: Kurz vor dem ersten Weihnachtsfest für die Zwillinge hängen jetzt die Stiefelchen an Nikolaus.

          Topmeldungen

          Die Kommunalwahlen in NRW sind für die SPD von existentieller Bedeutung: Die Partei kann sich nur stabilisieren, wenn ihnen ihre kommunale Basis nicht wegbricht.

          Verschuldete Kommunen : Werden die Altschulden zur tickenden Zeitbombe?

          Die Lösung des Altschulden-Problems hat sich die große Koalition fest vorgenommen. Gerade die von der SPD regierten Großstädte im Ruhrgebiet würden von Bundeshilfe profitieren – bisher verhält sich Nordrhein-Westfalen jedoch merkwürdig passiv.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.