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Ölpest im Golf von Mexiko : Die Fischer fürchten um ihre Existenz

  • -Aktualisiert am

Ölbarriere in schwerer See vor Louisiana Bild:

An der Küste Louisianas bereiten sich die Bewohner auf das Schlimmste vor - nach den Hurrikanen der vergangenen Jahre kommt jetzt das Öl. Die Ausdehnung des Ölteppichs verdreifachte sich binnen weniger Tage auf bis zu 9800 Quadratkilometer.

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          Paul Blanchard hofft und glaubt, dass es nicht ganz so schlimm sein wird. „Wir werden noch einmal davonkommen“, sagt er und nippt an seinem Bier. Die Frauen und Männer um ihn herum nicken und nippen ebenfalls am Bier. Die Stimmung beim „Deep Delta Chili Cookoff“ in West Pointe à la Hache im Südosten Louisianas, veranstaltet von der örtlichen Polizeigewerkschaft, ist fast ungetrübt von der Ölpest, über die alle Welt hier unten im Delta des Mississippi und auch sonst allenthalben in Amerika seit Tagen spricht. Das liegt gewiss auch an der grandiosen Zydeco-Band „Le Traiteur De Bayou“, deren Musik – dargeboten unter einem Zeltdach und gesungen bald im weichen Englisch des amerikanischen Südens, bald auf Cajun-Französisch – Alt und Jung sichtlich im Tanzbein juckt.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Es mag aber auch so etwas wie die hilflose, vielleicht trotzige Reaktion auf den pfeifenden Wind sein, der an diesem schwülen ersten Wochenende im Mai von Süden her Unheil heranbläst. Paul Blanchard arbeitet bei Oronite, einem Unternehmen des Ölkonzerns Chevron, das Additive für Kraftstoffe und Motorenöl herstellt.

          Das Werk von Oronite liegt weiter im Norden am „Louisiana Highway 23“, der am mächtigen Mississippi entlang von New Orleans in südöstlicher Richtung bis hinunter zur kleinen Fischerstadt Venice führt. Dort, nach knapp 120 Kilometern, endet die Straße. Wer weiter hinaus ins ausgedehnte Marschland und in den Golf von Mexiko will, braucht ein Boot. Das freilich hat hier jeder: Vor jedem Haus und auch vor vielen der ärmlichen „Mobile Homes“ steht nicht nur das Auto, sondern auch ein Boot auf dem dazugehörigen Anhänger.

          Eine Ölbarriere ist durch die schwere See an die Küste Louisianas gespült worden.

          Banges Spekulieren über Stärke und Richtung des Windes

          „Bisher hat man doch nur einen einzigen Vogel mit verklebtem Federkleid aus dem Wasser des Golfs geholt“, sagt Paul Blanchard und weiß von der guten Nachricht, wonach der stürmische Wind den gewaltigen Ölteppich im Golf von Mexiko offenbar weiter nach Osten, als bislang berechnet, treibe. Das wäre bitter für die Städte Gulfport und Biloxi an der Golfküste des benachbarten Bundesstaates Mississippi und auch für die Mobile Bay in Alabama sowie für den „Panhandle“ (Pfannengriff) genannten westlichen Zipfel Floridas. „Aber für uns wäre es eben Glück im Unglück“, sagt Paul und zuckt die Schultern.

          Es ist nicht nur das bange Spekulieren über Stärke und Richtung des Windes, das dieser Tage an der amerikanischen Golfküste böse Erinnerungen an die Hurrikane Katrina und Rita von 2005, aber auch an Gustav und Ike von 2008 wachruft. Es ist die Sorge vor einer weiteren Katastrophe für diesen ohnedies armen und zuletzt durch beispiellose Sturm- und Wasserschäden zusätzlich schwer lädierten Landstrich. Niemand kann das Ausmaß der neuen Katastrophe, die sich im aufgewühlten Wasser des Golfs von Mexiko buchstäblich zusammenbraut, verlässlich voraussagen. Nicht viele sind aber so zuversichtlich oder auch zweckoptimistisch wie Paul Blanchard. Wissenschaftler und Umweltschützer warnen vor Schäden für Wirtschaft und Umwelt, die schlimmer sein könnten als die des Hurrikans Katrina von 2005. West Pointe à la Hache liegt etwa auf halber Strecke zwischen der Hafenmetropole New Orleans und der Fischerstadt Venice, die im Volksmund nicht zufällig „Ende der Welt“ heißt, obwohl dort doch nur die Straße endet.

          Der Highway 23 spiegelt wie in einem Prisma die gleichsam doppelte Wirklichkeit des Südostens von Louisiana wider, die das Leben der Menschen im „Deep Delta“ des Flusses Mississippi seit Jahrzehnten prägt. Gewiss, das Schwemmland an der Mündung des Mississippi in Louisiana umfasst allein 40 Prozent der ökologisch so wertvollen wie fragilen Feuchtgebiete der Vereinigten Staaten. 70 Prozent aller am Wasser lebenden Zugvögel Nordamerikas machen gerade jetzt auf ihrer Wanderung von der südostmexikanischen Halbinsel Yucatán über den Golf von Mexiko in den Marschen des Mississippi-Deltas Rast. Bis zu 25 Millionen Tiere kommen im späten Frühjahr Tag um Tag an der Südküste Louisianas an und rasten und brüten in dem weithin als Naturschutzgebiet ausgewiesenen Marschland. Aber auch für Austern und Garnelen, für Delphine, Wale und Schildkröten bietet das warme, meist seichte und immer nährstoffreiche Wasser des Mississippi-Deltas ideale Lebensbedingungen.

          Der Mississippi ist ein mit Kanälen, Dämmen und Häfen zugerichtetes Arbeitstier

          Auf der anderen Seite aber ist der Mississippi kein Fluss für romantische Phantasien, er ist ein mit Kanälen, Dämmen und Häfen zugerichtetes Arbeitstier. „Louisiana Highway 23“ führt an der Westküste des hinter hohen Dämmen verborgenen Flusses ins Delta hinaus. Ein paar Kilometer landauswärts vom ausgedehnten Oronite-Werk von Chevron liegt am Highway 23 die gigantische Alliance-Raffinerie des Erdölriesen Conoco Phillips. Dass stechender Ölgeruch in der Luft liegt, hat nichts mit dem Bohrinselunglück vom 20. April rund 80 Kilometer vor der Küste und mit dem bedrohlichen Ölteppich im Golf von Mexiko zu tun. Vielmehr stinkt es hier immer. Es folgen die „International Marina“ von Myrtle Grove, auf der Berge von Asphaltkies auf ihre Verladung auf Mississippi-Frachter warten, und ein Umspannwerk des Elektrizitätsunternehmens Entergy. Knapp 4000 Bohrinseln zur Gewinnung von Öl und Erdgas gibt es vor der Küste von Texas bis Florida im Golf von Mexiko.

          Zwar deckt das in küstennahen und zunehmend auch in tiefen Gewässern geförderte Öl nur sieben Prozent des amerikanischen Ölkonsums, aber 60 Prozent der unerschlossenen Ölreserven der Vereinigten Staaten werden tief unter dem Meeresboden vermutet. Ein Bundesstaat wie Louisiana, der traditionell zu den ärmsten des Landes gehört, wäre ohne die Arbeitsplätze in der Öl- und Gasindustrie verloren. „Es war eben ein Unfall“, sagt Paul Blanchard über die Explosion auf der Bohrplattform Deepwater Horizon vom 20. April, die zu dem Leck in 1500 Meter Tiefe führte. Seither treten dort jeden Tag 5000 Fass (zu je 159 Litern) Öl aus. Es komme nun darauf an, dass der Ölkonzern BP das Leck rasch abdichte. „Ohne die Balance zwischen Fischerei und Ölindustrie können wir hier nicht leben“, sagt Paul Blanchard und bekräftigt: „Das kommt schon hin.“

          Diese Zuversicht teilen unter den Fischern von Venice die wenigsten. Weil der Bundesstaat Louisiana am Samstag den Fischfang sowie die Garnelen- und Austernernte östlich der Mündung des Mississippi untersagt hat, fürchten sie um ihre Existenz. „Wir sehen ein Problem auf uns zukommen, das größer ist als alles, was wir bisher zu bewältigen hatten“, sagt Mike Voisin, der ein seit Generationen von seiner Familie betriebenes Unternehmen für Austernfang führt. Allein beim Hurrikan Katrina vom August 2005 wurden an der Golfküste 90 Prozent der Austernpopulation vernichtet. Wie für alle anderen Austern- und Garnelenfischer von Venice hätte auch für Voisin jetzt die bis zum Dezember währende Saison beginnen sollen. Voisin ist nicht zuversichtlich.

          Schon jetzt wird mit Schäden für Fischerei und Fremdenverkehr von jeweils drei Milliarden Dollar gerechnet

          Schon jetzt wird mit Schäden für Fischerei und Fremdenverkehr von jeweils etwa drei Milliarden Dollar gerechnet, die Säuberungsarbeiten dürften mit weiteren drei Milliarden Dollar zu Buche schlagen. Zu allem Unglück handelt es sich bei dem austretenden Öl offenbar nicht um das für die Golfküste typische Leichtöl, das sich beim Kontakt mit Sonnenlicht und Sauerstoff ziemlich rasch zersetzt, sondern um ein viel zähflüssigeres Schweröl, dessen Klumpen jahrelang zwischen den Marschgräsern festsitzen könnten. Und schließlich ist das Wetter mit starken Winden und hohen Wellen denkbar schlecht. Am Wochenende schien es, als flössen die windgepeitschten braunen Fluten des Mississippi nach Norden. Dicke Wolken hingen über dem aufgewühlten Wasser des Golfs, und der stürmische Wind trieb den inzwischen 72 Kilometer breiten und fast 200 Kilometer langen Ölteppich weiter auf die Küste zu.

          Viele der eilig verlegten Kunststoffbarrieren wurden vom Wellengang zerrissen, zudem schwappten die mit Öl bedeckten meterhohen Wellen über die Barrieren. Nach den Bundesstaaten Louisiana und Mississippi verhängten auch Alabama und Florida den Notstand. Der Gouverneur von Louisiana, Bobby Jindal, forderte die Mobilisierung von 6000 Nationalgardisten. Jindal kritisierte zudem den Konzern BP und auch die Regierung in Washington dafür, dass es noch immer keinen koordinierten Notfallplan gebe. Statt die Kunststoffbarrieren weit vor der Küstenlinie zu verlegen, wo sie fast wirkungslos seien, hätte man auf Billy Nungesser, den Bürgermeister des Landkreises Plaquemines, und die Fischer von Venice hören sollen, die sich für die Ausbringung der „Booms“ in den ruhigeren Gewässern unmittelbar in Küstennähe ausgesprochen hatten.

          Washington ist eine Erklärung schuldig

          Nach den Beschwichtigungen von BP in den ersten Tagen nach dem Unglück, wonach Öl allenfalls aus der gesunkenen Bohrinsel, nicht aber aus der angebohrten Quelle trete, galten am Sonntag die schlimmsten Vorstellungen als wahrscheinlich. Die Katastrophe könne das Ausmaß des Tankerunglücks der „Exxon Valdez“ vom März 1989 überschreiten. Damals waren mehr als 250 000 Fass Rohöl aus dem havarierten Supertanker ausgetreten. Hunderttausende Vögel, Fische und Säugetiere verendeten. BP gab nach Revidieren der ersten Einschätzung zunächst an, aus dem Bohrloch würden allenfalls 1000 Fass Öl am Tag austreten.

          Diese Schätzung wurde am Donnerstag um das Fünffache nach oben korrigiert. Warum die Regierung in Washington der Ölgesellschaft, die sie jetzt heftig schilt, mehr als eine Woche geglaubt hat und erst am Donnerstag das Unglück zur „Katastrophe von nationaler Bedeutung“ erklärte, muss Washington jetzt seinerseits erklären. Manche stellen die Frage, ob man bei einer angemessenen Reaktion einen Gutteil des Öls bei ruhigerem Wetter und schon weit vor der Küste an der Wasseroberfläche hätte verbrennen oder neutralisieren können. BP geht inzwischen davon aus, dass es zwei Monate oder länger dauern könnte, das Leck abzudichten. Wenn aber weiter jeden Tag 5000 Fass Öl austreten, dann wäre nach weiteren fünf Wochen das Ausmaß der Exxon-Valdez-Katastrophe überschritten. Vor der Baptistenkirche von West Pointe à la Hache stehen auf einer Anzeigentafel neben den Gottesdienstzeiten die für Krisenzeiten wie diese wohl besonders bedeutsamen Worte: „Only Jesus Can Save You.“

          Angesichts des sich rapide ausbreitenden Ölteppichs im Golf von Mexiko vor der Küste Louisianas reiste Präsident Obama am Sonntag in die von der Katastrophe bedrohte Region. Der Präsident habe sich persönlich ein Bild vom Ausmaß der Umweltkatastrophe machen und sicherstellen wollen, dass alles Menschenmögliche zur Bekämpfung der Ölpest getan werde, teilte das Weiße Haus mit. Zuvor war in amerikanischen Medien Kritik an der Regierung in Washington geübt worden, weil diese zu lange auf die Beschwichtigungen des Ölkonzerns BP gehört und nicht schnell genug auf den seit Freitag von starken Winden an die Küste getriebenen Ölteppich reagiert habe. Die Bundesstaaten Florida, Alabama, Mississippi und Louisiana riefen den Notstand aus.

          Die Ölpest im Golf von Mexiko bringt die amerikanische Regierung unter Druck, neue Ölbohrungen vor der Küste doch nicht zuzulassen. Obama hat angekündigt, bis zur Klärung der Unglücksursache keine Genehmigungen für Ölbohrungen vor der Küste zu erteilen. Damit liegt die erst im März verkündete Entscheidung, das jahrzehntealte Moratorium für Ölbohrungen regional begrenzt aufzuheben, wieder auf Eis. Die Regierung erhöhte den Druck auf den Ölkonzern BP, die Lecks abzudichten. BP äußerte am Sonntag, man habe mit den Bohrarbeiten an einem Entlastungsbrunnen begonnen. Dies wird nach Einschätzung von Branchenexperten aber einige Wochen dauern. Andere Versuche, die Lecks abzudichten, waren bislang erfolglos. Nach einem Bericht des Wall Street Journal hat BP auch andere Ölkonzerne um Hilfe gebeten.

          Die Ausdehnung des Ölteppichs verdreifachte sich derweil binnen weniger Tage auf bis zu 9800 Quadratkilometer. Im Meer ausgebrachte Kunststoffbarrieren sind angesichts hohen Wellengangs und starken Winds weitgehend unwirksam. Seit der Explosion und dem Untergang der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ vom 20. April etwa 80 Kilometer vor der Küste treten aus einem Bohrloch in 1500 Metern Meerestiefe täglich knapp 800 Tonnen Öl aus. An der von vier schweren Hurrikanen in den Jahren 2005 und 2008 heimgesuchten Golfküste wächst die Angst vor einer beispiellosen Katastrophe mit schweren wirtschaftlichen Folgen und unabsehbaren Umweltschäden. (pwe. / rüb.)

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