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Ölpest im Golf von Mexiko : Die Fischer fürchten um ihre Existenz

  • -Aktualisiert am

Schon jetzt wird mit Schäden für Fischerei und Fremdenverkehr von jeweils drei Milliarden Dollar gerechnet

Schon jetzt wird mit Schäden für Fischerei und Fremdenverkehr von jeweils etwa drei Milliarden Dollar gerechnet, die Säuberungsarbeiten dürften mit weiteren drei Milliarden Dollar zu Buche schlagen. Zu allem Unglück handelt es sich bei dem austretenden Öl offenbar nicht um das für die Golfküste typische Leichtöl, das sich beim Kontakt mit Sonnenlicht und Sauerstoff ziemlich rasch zersetzt, sondern um ein viel zähflüssigeres Schweröl, dessen Klumpen jahrelang zwischen den Marschgräsern festsitzen könnten. Und schließlich ist das Wetter mit starken Winden und hohen Wellen denkbar schlecht. Am Wochenende schien es, als flössen die windgepeitschten braunen Fluten des Mississippi nach Norden. Dicke Wolken hingen über dem aufgewühlten Wasser des Golfs, und der stürmische Wind trieb den inzwischen 72 Kilometer breiten und fast 200 Kilometer langen Ölteppich weiter auf die Küste zu.

Viele der eilig verlegten Kunststoffbarrieren wurden vom Wellengang zerrissen, zudem schwappten die mit Öl bedeckten meterhohen Wellen über die Barrieren. Nach den Bundesstaaten Louisiana und Mississippi verhängten auch Alabama und Florida den Notstand. Der Gouverneur von Louisiana, Bobby Jindal, forderte die Mobilisierung von 6000 Nationalgardisten. Jindal kritisierte zudem den Konzern BP und auch die Regierung in Washington dafür, dass es noch immer keinen koordinierten Notfallplan gebe. Statt die Kunststoffbarrieren weit vor der Küstenlinie zu verlegen, wo sie fast wirkungslos seien, hätte man auf Billy Nungesser, den Bürgermeister des Landkreises Plaquemines, und die Fischer von Venice hören sollen, die sich für die Ausbringung der „Booms“ in den ruhigeren Gewässern unmittelbar in Küstennähe ausgesprochen hatten.

Washington ist eine Erklärung schuldig

Nach den Beschwichtigungen von BP in den ersten Tagen nach dem Unglück, wonach Öl allenfalls aus der gesunkenen Bohrinsel, nicht aber aus der angebohrten Quelle trete, galten am Sonntag die schlimmsten Vorstellungen als wahrscheinlich. Die Katastrophe könne das Ausmaß des Tankerunglücks der „Exxon Valdez“ vom März 1989 überschreiten. Damals waren mehr als 250 000 Fass Rohöl aus dem havarierten Supertanker ausgetreten. Hunderttausende Vögel, Fische und Säugetiere verendeten. BP gab nach Revidieren der ersten Einschätzung zunächst an, aus dem Bohrloch würden allenfalls 1000 Fass Öl am Tag austreten.

Diese Schätzung wurde am Donnerstag um das Fünffache nach oben korrigiert. Warum die Regierung in Washington der Ölgesellschaft, die sie jetzt heftig schilt, mehr als eine Woche geglaubt hat und erst am Donnerstag das Unglück zur „Katastrophe von nationaler Bedeutung“ erklärte, muss Washington jetzt seinerseits erklären. Manche stellen die Frage, ob man bei einer angemessenen Reaktion einen Gutteil des Öls bei ruhigerem Wetter und schon weit vor der Küste an der Wasseroberfläche hätte verbrennen oder neutralisieren können. BP geht inzwischen davon aus, dass es zwei Monate oder länger dauern könnte, das Leck abzudichten. Wenn aber weiter jeden Tag 5000 Fass Öl austreten, dann wäre nach weiteren fünf Wochen das Ausmaß der Exxon-Valdez-Katastrophe überschritten. Vor der Baptistenkirche von West Pointe à la Hache stehen auf einer Anzeigentafel neben den Gottesdienstzeiten die für Krisenzeiten wie diese wohl besonders bedeutsamen Worte: „Only Jesus Can Save You.“

Angesichts des sich rapide ausbreitenden Ölteppichs im Golf von Mexiko vor der Küste Louisianas reiste Präsident Obama am Sonntag in die von der Katastrophe bedrohte Region. Der Präsident habe sich persönlich ein Bild vom Ausmaß der Umweltkatastrophe machen und sicherstellen wollen, dass alles Menschenmögliche zur Bekämpfung der Ölpest getan werde, teilte das Weiße Haus mit. Zuvor war in amerikanischen Medien Kritik an der Regierung in Washington geübt worden, weil diese zu lange auf die Beschwichtigungen des Ölkonzerns BP gehört und nicht schnell genug auf den seit Freitag von starken Winden an die Küste getriebenen Ölteppich reagiert habe. Die Bundesstaaten Florida, Alabama, Mississippi und Louisiana riefen den Notstand aus.

Die Ölpest im Golf von Mexiko bringt die amerikanische Regierung unter Druck, neue Ölbohrungen vor der Küste doch nicht zuzulassen. Obama hat angekündigt, bis zur Klärung der Unglücksursache keine Genehmigungen für Ölbohrungen vor der Küste zu erteilen. Damit liegt die erst im März verkündete Entscheidung, das jahrzehntealte Moratorium für Ölbohrungen regional begrenzt aufzuheben, wieder auf Eis. Die Regierung erhöhte den Druck auf den Ölkonzern BP, die Lecks abzudichten. BP äußerte am Sonntag, man habe mit den Bohrarbeiten an einem Entlastungsbrunnen begonnen. Dies wird nach Einschätzung von Branchenexperten aber einige Wochen dauern. Andere Versuche, die Lecks abzudichten, waren bislang erfolglos. Nach einem Bericht des Wall Street Journal hat BP auch andere Ölkonzerne um Hilfe gebeten.

Die Ausdehnung des Ölteppichs verdreifachte sich derweil binnen weniger Tage auf bis zu 9800 Quadratkilometer. Im Meer ausgebrachte Kunststoffbarrieren sind angesichts hohen Wellengangs und starken Winds weitgehend unwirksam. Seit der Explosion und dem Untergang der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ vom 20. April etwa 80 Kilometer vor der Küste treten aus einem Bohrloch in 1500 Metern Meerestiefe täglich knapp 800 Tonnen Öl aus. An der von vier schweren Hurrikanen in den Jahren 2005 und 2008 heimgesuchten Golfküste wächst die Angst vor einer beispiellosen Katastrophe mit schweren wirtschaftlichen Folgen und unabsehbaren Umweltschäden. (pwe. / rüb.)

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