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Ölpest im Golf von Mexiko : Die Fischer fürchten um ihre Existenz

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Der Highway 23 spiegelt wie in einem Prisma die gleichsam doppelte Wirklichkeit des Südostens von Louisiana wider, die das Leben der Menschen im „Deep Delta“ des Flusses Mississippi seit Jahrzehnten prägt. Gewiss, das Schwemmland an der Mündung des Mississippi in Louisiana umfasst allein 40 Prozent der ökologisch so wertvollen wie fragilen Feuchtgebiete der Vereinigten Staaten. 70 Prozent aller am Wasser lebenden Zugvögel Nordamerikas machen gerade jetzt auf ihrer Wanderung von der südostmexikanischen Halbinsel Yucatán über den Golf von Mexiko in den Marschen des Mississippi-Deltas Rast. Bis zu 25 Millionen Tiere kommen im späten Frühjahr Tag um Tag an der Südküste Louisianas an und rasten und brüten in dem weithin als Naturschutzgebiet ausgewiesenen Marschland. Aber auch für Austern und Garnelen, für Delphine, Wale und Schildkröten bietet das warme, meist seichte und immer nährstoffreiche Wasser des Mississippi-Deltas ideale Lebensbedingungen.

Der Mississippi ist ein mit Kanälen, Dämmen und Häfen zugerichtetes Arbeitstier

Auf der anderen Seite aber ist der Mississippi kein Fluss für romantische Phantasien, er ist ein mit Kanälen, Dämmen und Häfen zugerichtetes Arbeitstier. „Louisiana Highway 23“ führt an der Westküste des hinter hohen Dämmen verborgenen Flusses ins Delta hinaus. Ein paar Kilometer landauswärts vom ausgedehnten Oronite-Werk von Chevron liegt am Highway 23 die gigantische Alliance-Raffinerie des Erdölriesen Conoco Phillips. Dass stechender Ölgeruch in der Luft liegt, hat nichts mit dem Bohrinselunglück vom 20. April rund 80 Kilometer vor der Küste und mit dem bedrohlichen Ölteppich im Golf von Mexiko zu tun. Vielmehr stinkt es hier immer. Es folgen die „International Marina“ von Myrtle Grove, auf der Berge von Asphaltkies auf ihre Verladung auf Mississippi-Frachter warten, und ein Umspannwerk des Elektrizitätsunternehmens Entergy. Knapp 4000 Bohrinseln zur Gewinnung von Öl und Erdgas gibt es vor der Küste von Texas bis Florida im Golf von Mexiko.

Zwar deckt das in küstennahen und zunehmend auch in tiefen Gewässern geförderte Öl nur sieben Prozent des amerikanischen Ölkonsums, aber 60 Prozent der unerschlossenen Ölreserven der Vereinigten Staaten werden tief unter dem Meeresboden vermutet. Ein Bundesstaat wie Louisiana, der traditionell zu den ärmsten des Landes gehört, wäre ohne die Arbeitsplätze in der Öl- und Gasindustrie verloren. „Es war eben ein Unfall“, sagt Paul Blanchard über die Explosion auf der Bohrplattform Deepwater Horizon vom 20. April, die zu dem Leck in 1500 Meter Tiefe führte. Seither treten dort jeden Tag 5000 Fass (zu je 159 Litern) Öl aus. Es komme nun darauf an, dass der Ölkonzern BP das Leck rasch abdichte. „Ohne die Balance zwischen Fischerei und Ölindustrie können wir hier nicht leben“, sagt Paul Blanchard und bekräftigt: „Das kommt schon hin.“

Diese Zuversicht teilen unter den Fischern von Venice die wenigsten. Weil der Bundesstaat Louisiana am Samstag den Fischfang sowie die Garnelen- und Austernernte östlich der Mündung des Mississippi untersagt hat, fürchten sie um ihre Existenz. „Wir sehen ein Problem auf uns zukommen, das größer ist als alles, was wir bisher zu bewältigen hatten“, sagt Mike Voisin, der ein seit Generationen von seiner Familie betriebenes Unternehmen für Austernfang führt. Allein beim Hurrikan Katrina vom August 2005 wurden an der Golfküste 90 Prozent der Austernpopulation vernichtet. Wie für alle anderen Austern- und Garnelenfischer von Venice hätte auch für Voisin jetzt die bis zum Dezember währende Saison beginnen sollen. Voisin ist nicht zuversichtlich.

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