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Ölkatastrophe : Die Angst der Fischer am Mississippi

Die Existenzgrundlage vieler Fischer ist bedroht Bild: AFP

Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko bedroht die Lebensgrundlage zahlreicher amerikanischer Fischer. Doch ihr Unmut gegenüber der Ölindustrie hält sich in Grenzen: Diese Branche ist oftmals der wichtigste Arbeitgeber am Ort.

          3 Min.

          Die Angst der Fischer in der Gemeinde Plaquemines ist groß. „Das Öl kann die ganze Saison kaputtmachen“, sagt Jonathan Dardar. Der 28 Jahre alte Shrimpsfischer kommt gerade von einem nächtlichen Fischfang zurück. Die Ausbeute war dürftig, nur 150 Pfund. Oft fängt Dardar in einer Nacht das Zehnfache. Die anderen Boote im Hafen von Venice liegen still. Der küstennahe Fang ist wegen des Öltepichs vor der Küste für sie verboten; das betrifft vor allem die Austern- und Shrimpsfischer. Weit draußen aber werden noch Thunfische gefangen, auch der Fischfang auf der Ostseite der Mississippi-Mündung ist bislang nicht beeinträchtigt.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Weiter nördlich von Venice, am Hafen Empire, bereitet der gebürtige Kroate Milivoj Marinkovic seine Angel vor. Der Austernfischer arbeitet auf der Ostseite der Mississippi-Mündung, die bislang von dem Ölteppich verschont blieb. „Wenn der Ölteppich auch dahinzieht, dann kann man hier Fischer kaufen“, lacht der zahnlose Marinkovic bitter – „dann kann ich mir woanders Arbeit suchen“, sagt der 52 Jahre alte Fischer.

          Der Ölkonzern BP arbeitet fieberhaft daran, den Ölteppich im Golf von Mexiko einzudämmen. Seit Donnerstag wird die Glocke herabgelassen, mit der das ausströmende Öl aufgefangen werden soll. Kontrolliert wird zugleich ein Teil des Öls auf offener See verbrannt. Ein erster Ölfilm erreichte nach Angaben der Küstenwache am Donnerstag die Chandeleur-Inseln vor der Küste Louisiana mit ihrer großen Pelikan-Population. Der Ölteppich bedroht auch die weiter westlich liegenden Küsten.

          Der Großteil der schätzungsweise 9,5 Millionen Liter Öl, die seit der Explosion der Förderplattform „Deepwater Horizon” Ende  April ausgelaufen sind, befindet sich noch immer im Meer.

          Politisch braut sich Unheil zusammen

          Politisch braut sich über den Ölkonzern BP derweil Unheil zusammen. Kongressabgeordnete in Washington haben einen Gesetzentwurf eingebracht, mit dem die Höchstgrenze der Schadenszahlungen von Ölkonzernen von 75 Millionen auf 10 Milliarden Dollar angehoben werden soll. Die Regierung von Präsident Barack Obama steht hinter dem Vorhaben, hält sich mit Zahlen aber noch zurück.

          Die Fischer in Venice sind vor allem besorgt, dass die Ölpartikel, die mit Chemikalien gebunden werden und dann absinken sollen, die Shrimpsbestände am Meeresboden zerstören. Die Bitterkeit gegenüber der Ölindustrie klingt beim Fischer Dardar in Venice aber nur verhalten durch. Die Ölwirtschaft ist eine der Lebensadern der Gemeinde an der Mississippi-Mündung. „Wir können es uns nicht erlauben, auf die Ölbohrungen zu verzichten“, sagt Robert Thomas, der Geschäftsführende Direktor der Wirtschaftsvereinigung Plaquemines Association of Business & Industry. „Conoco Phillips ist unser größter Arbeitgeber.“ Der Ölkonzern hat wie Chevron eine Raffinerie in Plaquemines.

          „Viele Bewohner haben Standbeine in der Fischerei und in der Ölwirtschaft“, sagt Stan Matthes, der Gemeindedirektor für wirtschaftliche Entwicklung und Tourismus. Sie fischen einige Monate im Jahr, arbeiten aber auch auf Werften oder in der Ölwirtschaft. Etwa 3500 Fischer zählt die Gemeinde mit ihren fast 30 000 Einwohnern. Die Zahl der Stellen in der Petroleumindustrie beziffert Matthes auf rund 1500. Die Arbeitslosenquote liegt bei niedrigen 4 Prozent. Vom wirtschaftlichen Gewicht aber zählt die Ölwirtschaft mehr, durch die Pipelines in der Gemeinde Plaquemines strömen 40 Prozent der Gasversorgung der Vereinigten Staaten und rund 12 Prozent des Ölverbrauchs. „Die Ölfelder halten uns am Laufen,“ sagt Thomas von der Wirtschaftsvereinigung.

          „BP spielt mit uns“

          Mit dem Ölteppich droht der Gemeinde ein weiterer Großschaden nach dem Hurrikan Kathrina vor fünf Jahren. Kathrina betraf vor allem den Anbau mit Zitrusfrüchten und den Tourismus. Seit dem Wirbelsturm bleiben einige zehntausend Touristen im Jahr aus. Ein Touristenmagnet, das historische Fort Jackson, ist nach den Überschwemmungsschäden immer noch nicht wiedereröffnet. Die meisten der 20.000 bis 25.000 Übernachtungsgäste im Jahr kommen inzwischen zum Sportfischen. Der Ölteppich bedroht nun auch diese Einnahmequelle.

          Am Donnerstagabend ist das Restaurant Riverside in Venice gut gefüllt. Rund 40 Einwohner haben sich zu einer Bürgerversammlung eingefunden. Die Menschen sind angespannt, manche machen sich lautstark Luft. „BP spielt mit uns“, klagen die Fischerfamilien, „selbst manche unserer Ratsmitglieder wissen nicht Bescheid über unserer Ansprüche“. Einige Gesichter zeigen tiefe Angst. „Mein Vater ist einfacher Fischer, er kann nicht lesen und schreiben. Wie soll er mit dem Papierkrieg fertigwerden?“ fragt eine Frau fast hilflos. Amerikanische Umweltaktivisten sind angereist und bieten ihre Hilfe an im Kampf gegen BP und gegen die Ölpest. Riki Ott wohnt in Alaska und hat die Katastrophe der Exxon Valdez miterlebt. Sie empfiehlt, nichts ohne Anwalt zu unterzeichnen und aufzupassen, dass im Kleingedruckten nicht Schadenersatzansprüche ausgeschlossen werden. Die wichtigste Lehre der Exxon-Valdez-Katastrophe sei, dass die Ölkonzerne lügen, sagt Ott. „Sie versprechen, sich um alles zu kümmern, aber sie tun es nicht.“

          Die Wut ist groß. Einige Fischer beschweren sich, dass BP für die Hilfsarbeiter auch Boote aus Texas und Mississippi angemietet haben. „Das sind die Jobs, die sie uns versprochen haben“, sagt ein Fischer. Acy Cooper, ein einfacher Fischer und Vize-Präsident der Louisiana Shrimp Association, hat die Einwohner zu dem Treffen zusammengerufen. Er erklärt, dass BP für die Rettungsmaßnahmen auch große Boote brauche. Diese hatte in Plaquemines Parish der Hurrikan Kathrina zerstört. BP habe ihm gestern zugesichert, man wolle nun bevorzugt Boote aus Louisiana anmieten. „Ich hoffe, dass sie ihr Wort halten“, sagt Cooper. Seine Sorge aber richtet sich auf die Zukunft. Großvater, Vater und seine beiden Söhne waren oder sind Fischer. „Ich habe Angst, dass mein Erbe, unsere Tradition, verloren geht“, sagt Cooper.

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