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Noch mehr Öl im Golf von Mexiko : Alle fünf Tage einmal die Exxon Valdez

  • -Aktualisiert am

Eine dicke Ölschicht treibt auf der Wasseroberfläche im Golf von Mexiko Bild: dpa

Eine Naturkatastrophe unbeschreiblichen Ausmaßes: Im Golf von Mexiko strömt offenbar pro Stunde mehr Öl aus dem Bohrloch als anfänglich für einen gesamten Tag angenommen wurde. Damit wird alle fünf Tage so viel ausgestoßen wie insgesamt nach der Havarie der „Exxon Valdez“.

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          Das Ausmaß der Ölpest im Golf von Mexiko ist offenbar viel größer als bisher vom britischen Energiekonzern BP und auch von der Regierung in Washington dargestellt. Eine neue Schätzung einer von der Regierung beauftragten Gruppe von Fachleuten ist nach Auswertung hochaufgelöster Videobilder sowie von Satellitenaufnahmen zu der Überzeugung gekommen, dass täglich zwischen 20.000 und 40.000 Fass (zu 159 Liter) Öl aus dem leckgeschlagenen Bohrloch in gut 1500 Metern Meerestiefe austreten. Unmittelbar nach der Explosion und dem Versinken der Bohrinsel „Deepwater Horizion“ am 20. beziehungsweise 22. April hatte BP von tausend Fass täglich gesprochen, eine Woche später die Schätzung auf 5000 Fass erhöht.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Zuletzt war die von Washington beauftragte Expertengruppe von einer Menge zwischen 12.000 und 19.000 bis höchstens 25.000 Fass ausgegangen. „Die niedrigste auf wissenschaftlichen Analysen beruhende Schätzung liegt bei nun 20.000 Fass, die höchste glaubwürdige um 40.000 Fass“, sagte die Vorsitzende der Expertengruppe, Marcia NcNutt, in der Nacht zum Freitag. Dass die früheren Schätzungen von BP und die Annahmen der Regierung in Washington nicht zutreffen konnten, war spätestens seit der Montage eines Auffangstutzens auf das beschädigte Sicherheitsventil am Meeresboden am 3. Juni klargeworden.

          BP: Seit dem 3. Juni tritt 20 Prozent mehr Öl aus

          Zuletzt konnte BP nach eigenen Angaben durch den Auffangstutzen 15.000 Fass Rohöl täglich zu einem Tankschiff an der Wasseroberfläche leiten, das damit jedoch seine Kapazitätsgrenze erreicht hat. Dennoch treten weiter große Mengen Öl aus dem Bohrloch aus und strömen am Auffangstutzen vorbei ins Meer. In der kommenden Woche soll ein weiteres Schiff an der Unglücksstelle eintreffen, damit die Auffangkapazität an der Wasseroberfläche auf 25.000 Fass täglich erhöht werden kann.

          Neusten Schätzungen zufolge sollen bis zu acht Millionen Liter Öl täglich aus dem Bohrloch ins Meer strömen

          Die neuen Schätzungen der Expertengruppe beziehen sich zudem auf den Ölfluss vor der Montage des Auffangstutzens vom 3. Juni, als Ingenieure von BP zunächst ein beschädigtes Steigrohr absägten, um sodann den Auffangstutzen zu montieren. Nach dem Absägen des beim Sinken der Bohrinsel abgeknickten Steigrohrs trat nach Angaben von BP bis zu 20 Prozent mehr Öl aus. Die Fachleute wollen in den kommenden Tagen neue Videoaufnahmen auswerten, um zu schätzen, wie viel Öl seit dem 3. Juni am Auffangstutzen vorbei ins Meer tritt.

          Alle fünf Tage die Öl-Menge der „Exxon Valdez“

          Nach den nun vorgelegten Schätzungen tritt damit bei der schwersten Ölkatastrophe in der amerikanischen Geschichte im Golf von Mexiko alle fünf bis zehn Tage so viel Öl ins Meer, wie bei der Havarie des Tankers „Exxon Valdez“ 1989 im Prinz William Sund in den Golf von Alaska geflossen war. Die Schätzungen über die ins Meer fließenden Ölmenge sind vor allem deshalb relevant, weil davon die Höhe der für BP anfallenden Schadensersatzzahlungen abhängt.

          Das leckgeschlagene Bohrloch im Golf von Mexiko kann frühestens Anfang August geschlossen werden, wenn durch Entlastungsbohrungen, die unmittelbar über dem Ölfeld in fast 4000 Metern Tiefe unter dem Meeresboden das Bohrloch treffen sollen, in dieses Bohrschlamm und Zement gepumpt werden können. Derweil teilte das Weiße Haus mit, Präsident Barack Obama habe den Vorsitzenden des Aufsichtsrates von BP, Carl-Henric Svanberg, für kommenden Mittwoch zu einem Gespräch ins Weiße Haus einbestellt. Ein entsprechendes Schreiben vom Chef-Koordinator für das Krisenmanagement an der ölverseuchten Golfküste, Admiral Thad Allen, sei an Svanberg geschickt worden, hieß es.

          Obama: „Hätte den Chef von BP längst entlassen“

          Zuletzt war Präsident Obama unter abermals erhöhten politischen Druck geraten, weil er bisher nicht persönlich mit BP-Chef Tony Hayward über die Katastrophe gesprochen hatte. Obama sagte jedoch, er hätte den Chef des britischen Energiekonzerns längst entlassen, wenn er dazu die Autorität hätte. In dem Schreiben Allens wird Konzernchef Hayward nicht ausdrücklich erwähnt, Svanberg wird aber aufgefordert, „geeignete Vertreter von BP“ mitzubringen. Der Termin für das Treffen im Weißen Haus liegt nur einen Tag vor einer Anhörung Haywards im Energie- und Handelsausschuss des Repräsentantenhauses, wo die Ursache der Katastrophe untersucht werden soll.

          Bislang hatte das Weiße Haus stets die Auffassung vertreten, es sei nicht notwendig, dass der Präsident sich direkt mit Vertretern von BP treffe. Aus dem Kongress werden zunehmend Forderungen laut, BP solle die geplante Auschüttung von Dividende an die Aktionäre verschieben, bis die Leidtragenden der Katastrophe ihre Entschädigungszahlungen erhalten haben.

          Obama versicherte unterdessen die Hinterbliebenen der elf Arbeiter, die bei der Explosion der Bohrinsel getötet wurden, seiner Unterstützung. Er empfing die Familien am Donnerstag im Weißen Haus, dem 51. Tag nach der Explosion der Bohrinsel. „Er sagte uns, dass wir nicht vergessen werden“, berichtete Keith Jones, dessen Sohn am 20. April umgekommen war, nach dem Treffen im Weißen Haus, an dem auch weitere ranghohe Regierungsvertreter teilnahmen. Amerikanische Medien erinnerten daran, dass Präsident Obama am Tag der Trauerfeier für die Toten zu einem Wahlkampfauftritt und zum Spendensammeln für Senatorin Barbara Boxer nach Kalifornien reiste, statt am 25. Mai in Jackson in Mississippi gemeinsam mit den dort versammelten Hinterbliebenen der Toten des Unglücks zu gedenken.

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