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Louisiana : Mit Gottes Hilfe gegen das Öl im Golf

  • -Aktualisiert am

Bild: afp

Nachdem BP mit dem Versuch gescheitert ist, das Bohrloch mit Schlamm zu schließen, suchen die Menschen an der Golfküste nach göttlichem Beistand.

          3 Min.

          Zuerst wird die Flagge hereingetragen, das übernehmen an diesem Feiertag drei Pfadfinder. Nachdem die Nationalfahne ordnungsgemäß gleich hinter dem Altar aufgestellt ist, werden der Fahneneid gesprochen und die Nationalhymne sowie „This Land Is Your Land“ und „Grand Ole Flag“ gesungen. Die Messnerin trägt ein T-Shirt, auf dem „Jesus Saviour“ so geschrieben ist, dass die letzten Buchstaben des ersten und die ersten Buchstaben des zweiten Wortes zu „USA“ verschmelzen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Es ist „Memorial Day“ in der „First Baptist Church“ an der Cedar Lane in Grand Isle, einem Touristen- und Fischerstädtchen im Süden Louisianas mit vielleicht 1500 Einwohnern. Am Kriegstotengedenktag, der immer auf den letzten Montag im Mai fällt und zugleich als Eröffnung der Sommerbadesaison gilt, geht es in Amerika in den Gottesdiensten besonders patriotisch zu. „Der Preis der Freiheit ist das Blut“, sagt Pastor Nathan Stanford in seiner Predigt – und zwar das Blut, das die Männer und Frauen in der Uniform des Landes zur Verteidigung der amerikanischen Werte von Freiheit, Gerechtigkeit und Glückssuche vergossen haben, und auch das Blut, das Jesus Christus am Kreuz vergossen hat. „Amen!“, schallt es zurück.

          „Jesus Christus regiert in Grand Isle“

          Natürlich kann in der Predigt nicht unerwähnt bleiben, worüber die Menschen an der Golfküste seit Wochen sprechen. „Falls Ihr es noch nicht gehört habt“, sagt Pastor Stanford, „wir haben eine Ölkatastrophe hier.“ Die Gemeinde lacht auf. „Die Regierung kann uns nicht retten, BP hat uns nicht geholfen, nur Jesus Christus kann uns helfen und retten!“ Und wieder schallt es „Amen!“ zurück. An der Ortseinfahrt von Grand Isle hat die Kirche ein Schild aufstellen lassen, auf dem steht „Jesus Christus regiert in Grand Isle“.

          In Grand Isle im amerikanischen Bundesstaat Louisiana verschaffen Einwohner ihrem Ärger mit Protestschildern Luft.

          Wahrscheinlich brauchen die Menschen an der Golfküste von Louisiana sechs Wochen nach der Explosion und dem Untergang der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ draußen vor der Küste vor allem Gottvertrauen, um angesichts der größten Ölkatastrophe in der amerikanischen Geschichte an ihre Zukunft zu glauben. Jeden Tag kommen die Einsatzkräfte mit ihren weißen Schutzanzügen an den Strand, wo die Touristen fehlen, und auf dem Wasser fehlen die Schiffe der Fischer, die nicht hinausfahren dürfen. Nach dem Scheitern aller Versuche, das Leck am Meeresgrund in gut 1500 Metern Tiefe zu schließen, könnte das Öl nun noch weitere Wochen aus dem Bohrloch fließen – bis frühestens Anfang August eine von zwei Entlastungsbohrungen das Ölfeld in fast 4000 Metern Tiefe unter dem Meeresgrund erreicht. Präsident Barack Obamas Umwelt- und Energieberaterin Carol Browner sagte am Montag: „Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor.“ Täglich treten zwischen 12.000 und 19.000 oder sogar 25.000 Fass (zu 159 Liter) Öl aus und verschmutzen den Golf von Mexiko.

          Zunächst will der britische Ölkonzern BP nun versuchen, zumindest einen Teil des austretenden Öls aufzufangen. Das Steigrohr am defekten Sicherheitsventil soll über dem Bohrloch von Robotern abgesägt werden, um darauf sodann eine Auffangglocke aus Stahl zu installieren. Anders als beim ersten fehlgeschlagenen Versuch, das Öl mit einem riesigen „Dom“ aus Stahl und Beton aufzufangen und in ein Tankschiff abzupumpen, soll mit Methangas und warmem Meereswasser verhindert werden, dass sich in der eisigen Dunkelheit am Meeresboden Gas- und Eiskristalle in dem Trichter bilden können, das Absaugrohr verstopfen und das Stahlgebilde nach oben drängen.

          Nur Entlastungsbohrung eine endgültige Lösung

          Bei dem zweiten Versuch, das Öl aufzufangen, statt das Bohrloch zu verschließen, könnte sich der Austritt nach Angaben der Regierung in Washington aber zunächst noch um 20 Prozent erhöhen. Dieses Risiko bezweifelt man bei BP: Die Menge des Öls könne nur minimal anwachsen, wenn man die verbogene und geborstene Steigleitung über dem Sicherheitsventil absäge. Bis etwa Ende dieser Woche will BP absehen können, ob das Verfahren erfolgreich ist. Erfolgsaussichten – etwa von angeblich 60 bis 70 Prozent wie beim letzten, dann doch gescheiterten „Top Kill“-Versuch, das Loch mit sogenanntem Bohrschlamm und anderem Material zu stopfen – will man bei BP lieber nicht mehr prognostizieren. Als „endgültige Lösung“ können nach den Worten von Konzernchef Tony Hayward ohnedies nur die zwei Entlastungsbohrungen gelten.

          Unterdessen haben in New Orleans erstmals Hunderte Menschen gegen das Vorgehen bei der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko demonstriert. Etwa 500 linksgerichtete Aktivisten sowie durch die Umweltkatastrophe arbeitslose Fischer versammelten sich im „French Quarter“ und riefen BP und die Regierung von Präsident Obama zu wirksamerem Handeln auf. Auch der Einsatz des giftigen Dispersionsmittels Corexit zur Auflösung des Ölteppichs wurde angeprangert. An himmlischen Beistand appellierte bei der Demonstration im Vergnügungsviertel von New Orleans niemand.

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