https://www.faz.net/-gum-xw2b

Katastrophe im Golf von Mexiko : Die Ölindustrie steht am Pranger

Viele Fische starben im Öl nach der Katastrophe im Golf von Mexiko Bild: REUTERS

Eine Untersuchungskommission der amerikanischen Regierung warnt, dass sich die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko wiederholen könnte. Nicht nur BP steht unter Druck. Nun wird der vollständige Bericht vorgestellt.

          3 Min.

          Mehr als sieben Monate hat die vom amerikanischen Präsidenten Barack Obama eingesetzte Kommission versucht, die Ursachen für die verheerende BP-Ölkatastrophe im Golf von Mexiko zu ermitteln. Der erste Teil des Abschlussberichts fällt nicht nur für BP vernichtend aus: Das siebenköpfige Gremium sieht nicht zuletzt wegen einer mangelhaften Überwachung durch den Staat die gesamte Branche als eine tickende Zeitbombe. Damit geraten auch BP-Konkurrenten wie Exxon-Mobil, Shell und Chevron unter Druck. Sie haben bisher argumentiert, ihre eigenen Sicherheitsstandards seien weit besser als die des britischen Ölriesen.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          „Die grundlegenden Fehler sind systemimmanent, und ohne wesentliche Reformen sowohl der Praktiken in der Industrie als auch der Regierungspolitik könnten sie sich durchaus wiederholen“, heißt es in dem vorab veröffentlichten Teil des Berichts, dessen vollständige Fassung an diesem Dienstag (16.00 Uhr / MEZ) vorgestellt wird.

          Bei der schlimmsten Umweltkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten sind im April 2010 auf der Bohrplattform „Deepwater Horizon“ elf Arbeiter ums Leben gekommen. Drei Monate lang gelang es BP nicht, das Ölleck in der Tiefsee zu schließen. Nach Regierungsangaben strömten in dieser Zeit fast 800 Millionen Liter Rohöl ins Meer, die zu schweren Umweltschäden führten.

          Im April 2010 führte eine Explosion auf der Plattform „Deepwater Horizon” zur Katastrophe

          „Wir haben es hier mit einem systemweiten Problem zu tun“

          Die Kommission wirft BP und den beiden an der Bohrung beteiligten Branchendienstleistern Transocean und Halliburton vor, bei Betonierarbeiten sowie wichtigen Druck- und Stabilitätstests geschlampt zu haben. Alle drei Unternehmen seien vermeidbare Risiken eingegangen. Die Ergebnisse des Schlussberichts sind damit schärfer gefasst als der im November veröffentlichte Zwischenbericht.

          Damals hatte die Kommission erklärt, sie habe bislang keine Hinweise, dass bewusst niedrigere Kosten vor die Sicherheit gestellt wurden. Jetzt heißt es, viele der Entscheidungen, die das Risiko erhöhten, hätten BP, Halliburton und Transocean Zeit und Kosten erspart. BP sei für sieben von neun zentralen Entscheidungen verantwortlich, die Zeit erspart hätten. Die Kommission lässt aber offen, ob die Unternehmen bewusst höhere Gefahren eingingen, um zu sparen.

          Auch für andere Ölriesen wie Exxon-Mobil und Shell ist der Untersuchungsbericht brisant, denn sie sind ebenfalls Kunden von Transocean und Halliburton, deren Geschäftspraktiken und Sicherheitsstandards nun in Verruf geraten. Transocean ist der weltgrößte Dienstleister für die Ölindustrie, und auch der Betonspezialist Halliburton hat in der Branche eine Schlüsselrolle. „Angesichts der dokumentierten Fehler von Transocean und Halliburton, die beide in praktisch allen Ozeanen für die Branche arbeiten, komme ich widerstrebend zu der Schlussfolgerung, dass wir es hier mit einem systemweiten Problem zu tun haben“, sagte William Reilly, einer der beiden Kommissionsvorsitzenden und früherer Chef der amerikanischen Umweltbehörde EPA.

          Beschränkung der Tiefsee-Ölförderung ist unwahrscheinlich

          Die Kommission kritisiert, dass Ölindustrie, Kongressmitglieder und mehrere Regierungen nicht den Willen gehabt hätten, die Aufsicht und Sicherheitsvorkehrungen zu verschärfen und die notwendigen Finanzmittel bereitzustellen. Deshalb hätten die Aufseher nicht die notwendigen scharfen Fragen gestellt. Der zuständigen Behörde fehle es zudem an qualifiziertem Personal.

          Eine starke Beschränkung der technisch anspruchsvollen und riskanten Tiefsee-Ölförderung ist allerdings unwahrscheinlich. Die großen westlichen Ölkonzerne investieren weiterhin viele Milliarden in dieses Geschäft, weil einfacher zu erschließende Vorkommen immer knapper werden. Zugleich wächst der globale Energiehunger nach dem Ende der Rezession vor allem in den Schwellenländern wieder kräftig. Der Ölpreis ist seit dem vergangenen Frühjahr um rund ein Drittel gestiegen.

          Republikaner stehen der Ölwirtschaft näher als die Demokraten

          In Washington hat sich außerdem das politische Umfeld gewandelt. Seit dem Sommer, in dem Bilder ölverschmierter Tiere die Gemüter erregten, haben die Republikaner die Mehrheit im Abgeordnetenhaus übernommen. Sie stehen der Ölwirtschaft traditionell näher als die Demokraten. Die Ölbranche betreibt intensive Lobbyarbeit, um die Regierung dazu zu bewegen, rasch neue Tiefseebohrungen zuzulassen. In der Nordsee bohrt die Branche unterdessen in teilweise noch tieferen Gewässern als im Golf von Mexiko. In Großbritannien, dem zweitgrößten europäischen Ölförderland, hat Anfang der vergangenen Woche eine Parlamentskommission einen generellen Bohrstopp in tiefen Gewässern abgelehnt.

          BP schätzt die finanziellen Belastungen durch die Katastrophe einschließlich Strafzahlungen bisher auf rund 40 Milliarden Dollar. Die Rechnung könnte aber noch deutlich höher ausfallen, wenn grobe Fahrlässigkeit nachgewiesen werden kann. Neben der Obama-Kommission ermittelt unter anderem das amerikanische Justizministerium gegen BP und seine Partner. Im Dezember hat das Ministerium vor einem Gericht in New Orleans eine milliardenschwere Klage eingereicht. Experten rechnen damit, dass die juristische Aufarbeitung der Ölkatastrophe viele Jahre dauern wird.

          Weitere Themen

          Mann in Lüdenscheid niedergestochen

          Krawalle bei Kurden-Demos : Mann in Lüdenscheid niedergestochen

          Tausende Kurden demonstrieren seit einer Woche gegen den Einmarsch der Türkei in Nordsyrien: Nun kam es in zwei Städten abermals zu Gewalt zwischen kurdischen und türkischen Demonstranten. In einem Fall ermittelt die Mordkommission.

          Topmeldungen

          Sandra Maischberger

          TV-Kritik „Maischberger“ : Durcheinander als Unterhaltung

          Nun wird Sandra Maischberger künftig mehrere Themen einer Woche aufgreifen und in wechselnder Besetzung erörtern. Auch der neue Anlauf wirkt nicht überzeugend. Das gilt für das Arrangement ebenso wie für die Details.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.