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Greenpeace und BP : Im Ölschlamm versunken

Ein Greenpeace-Aktivist an der Golfküste von Louisiana. Bild: REUTERS

Vor fünfzehn Jahren war Greenpeace bei der Ölplattform „Brent Spar“ zur Stelle. Doch in den vergangenen Wochen haben die Öko-Aktivisten die Chance vertan, aus der Ölpest im Golf von Mexiko ein historisches Fanal zu machen und die Ölindustrie in die Enge zu treiben.

          Ein Tropensturm zieht auf im Golf, und Greenpeace schickt einen Eisbrecher. Die „Arctic Sunrise“ ist sturmerprobt, sie trägt wie die anderen Flottenboote stolz den Regenbogen mit der weißen Taube am Rumpf, aber sie vermittelt schon im Namen nicht das, was die „Rainbow Warrior“ einst verkörperte: ein Schlachtschiff für die Umwelt, eine schwimmende Festung, von der aus die Ökokrieger mit Schlauchbooten gegen skrupellose Umweltverbrecher anstürmen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Nein, vor der „Arctic Sunrise“ werden sich weder BP noch die anderen Ölimperien fürchten müssen. Sie können seelenruhig Erfolgsmeldungen nach ihrem Gusto absetzen, wie gestern die Gründung einer milliardenschweren neuen Firma „zur Bekämpfung von Öllecks bis in dreitausend Metern Meerestiefe“ – und damit eine Art Neuanfang der Erdölförderung zelebrieren, wo jeder ökologisch halbwegs informierte Mensch die fast schon flehentlichen klimapolitischen Appelle für einen dringenden Ausstieg aus dem fossilen Brennstoffzeitalter – die „Dekarbonisierung“ der Gesellschaft – im Ohr hat.

          Am Thema vorbei

          Und Greenpeace? Die Ökokrieger wedeln, statt sich an Bohrinseln zu ketten oder das Aral-Tankstellennetz an den Autobahnen lahmzulegen, mit Spruchbändern vor Tanksäulen und legen auf sozialen Internetseiten wie „flickr“ Fotosammlungen von der Ölpest an oder füttern ihre Fangemeinde mit Online-Petitionen unter dem lahmen Titel „Raus aus der Tiefsee“. Die Chance, ein historisches Fanal zu setzen, mindestens aber eine radikale Geste des Widerstands gegen das Weiter-so, wird geradezu kläglich vertan.

          Wenn es Schlachtrufe gegen BP gab, wie die einiger amerikanischer Abgeordneter und von Präsident Obama im Kongress, dann waren sie nicht von Greenpeace geliehen. Nein, der Protest entwickelte sich praktisch von allein. Die Medien waren bisher weder nachrichtlich noch moralisch auf den internationalen Ökomulti angewiesen. Lange war die Ölpest, die angeblich größte Umweltkatastrophe der Vereinigten Staaten, auf den Internetseiten von Greenpeace ein hinteres Thema. Vielleicht ja, weil es nichts mehr zu verhindern gab und alle – Greenpeace eingeschlossen – technisch überfordert und alternativlos waren.

          Klägliche Fotokampagne

          Kein Zweifel, in der Hinsicht unterscheidet sich die explodierte Tiefseeplattform von der schwimmenden Ölplattform „Brent Spar“ von Shell. Damals, vor fünfzehn Jahren, hatten es die Regenbogenkrieger fertiggebracht, das mit viel Sand und ein paar Dutzend Tonnen Rohöl beladene Stahlungetüm zur ultimativen Bedrohung der Meere zu stilisieren. Ein plakativeres Menetekel gegen die Vermüllung konnte man sich nicht denken. In einer Wasserschlacht hatte man erreicht, dass die Plattform an Land geschleppt und zu einer neuen Kaianlage im norwegischen Mekjarvik recycelt wurde. Die vom Sturm gezeichneten Ökokrieger ihren Schlauchbooten wurden zu Helden.

          Heute sieht man im Ölpest-Fotoalbum das gleiche Greenpeace-Schlauchboot mit den gleichen Signalfarben, aber die Fotokampagne lässt einen fast mitleidig zurück. Ein halbes Dutzend „Aktivisten“ stehen in ihrem Boot im Hafen nahe Gulfport und halten zwei Transparente in die Kameras: „Der Schaden ist angerichtet“ und „Energierevolution jetzt“ steht da auf Englisch. Gleichzeitig mit der Veröffentlichung leistet sich der Gegner, die British Petroleum, eine öffentliche Lüge, indem sie gefälschte Bilder von den Aufräumarbeiten verbreitet (und zugibt) – und nicht einmal den Hauch einer Strafaktion fürchten muss. Im Gegenteil: Die Märkte jubeln, als BP ankündigt, Firmenanteile für sieben Milliarden Dollar zu verkaufen. Noch ein Indiz, dass die Wetten zugunsten des Erdöls laufen.

          Rücksicht auf Obama?

          Bleibt die Frage: Ist Greenpeace inzwischen wirklich so schwach, wie es blass geworden ist? Oder sieht es nur so aus, dass die Lieblinge der Umweltgötter das Drehbuch abgegeben haben? Sicher ist: Immer öfter steht der Ökokonzern im Schatten anderer Gruppen, die sich, begünstigt durch die digitale Vernetzung, zu Konsortien wie der von der amerikanischen Regierung regelmäßig konsultierten Klima- Allianz verbünden. Aber womöglich steckt auch eine politische Strategie dahinter: Dass man seinen größten umweltpolitischen Hoffnungsträger, Präsident Obama, nicht zusätzlich schädigen und damit etwa die avisierten Klimaschutzgesetze nicht gefährden will. Auffällig ist jedenfalls das Schweigen der Ökoaktivisten. Jedes Mal, wenn der in Umfragen wegen seines Ölpestmanagements schon stark unter Druck geratene Präsident an der Golfküste auftrat, wurden die umweltpolitischen Samthandschuhe ausgepackt.

          Wundern wird sich, wer glaubt, dass mit der Ankunft des Eisbrechers – drei Monate nach Beginn des Öldebakels – die laue Kampagne an Durchschlagskraft gewinnt. Die „Arctic Sunrise“, ein Jahr nach dem Brent-Spar-Coup in Dienst gestellt, gilt geradezu als Inbegriff des friedfertigen Protests. Ihr Auftrag von der Greenpeace-Zentrale lautet: Informationen sammeln und Daten. Fotos hat man ja schon genug.

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