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Golf von Mexiko : Wo also ist das Öl geblieben?

  • -Aktualisiert am

Die Situation im Golf von Mexiko am 24. Juli, aufgenommen vom Nasa-Satelliten Aqua. Der Ölteppich ist an den Schlieren auf der Wasseroberfläche zu erkennen. Bild: Nasa

Tröpfchen, Dampf und Mikroben: Die Natur scheint sich großer Mengen des ausgelaufenen Rohöls im Golf von Mexiko schon selbst entledigt zu haben. Nur etwa ein Viertel der ausgeflossenen 780 Millionen Liter ist noch da.

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          Die Selbstreinigungskraft der Natur ist offenbar der größte Helfer bei der Eindämmung der Folgen der Ölpest im Golf von Mexiko. Zu diesem Schluss kommt, wie bereits berichtet, eine vom Einsatzkommando in Louisiana einberufene Forschergruppe. Danach ist fast die Hälfte des aus dem havarierten Bohrloch ausgetretenen Rohöls inzwischen entweder verdampft oder hat sich in mikroskopisch kleine Tröpfchen aufgelöst, die schnell von Bakterien im Meerwasser zersetzt werden. Lediglich ein Viertel des ausgelaufenen Rohöls befindet sich noch als feiner Schleier auf dem Meer oder als Teer und Ölschlick an Küsten und Stränden.

          Niemand weiß genau, wie viel Rohöl zwischen der Explosion der Bohrplattform „Deepwater Horizon“ am 22. April und dem Anbringen der abdichtenden Kappe am 15. Juli tatsächlich aus der Macando-Bohrung ins Meer gelangt ist. Eine Expertengruppe, die gemeinsam vom amerikanischen Energieminister, dem Physiknobelpreistäger Steven Chu und der Leiterin des Geologischen Dienstes der Vereinigten Staaten, der Geophysikerin Marcia McNutt, geleitet wurde, berechnete, dass in den knapp drei Monaten wohl insgesamt 780 Millionen Liter Rohöl aus dem Bohrloch getreten sind. Dieser Wert ist allerdings eine Schätzung, die hauptsächlich auf Auswertungen von Videobildern vom sprudelnden Bohrlochkopf beruhen. Lediglich seit dem Anbringen der Kappe wurde das austretende Gemisch aus Rohöl und Erdgas aufgefangen und sein Volumen gemessen. Allerdings handelt es sich bei den Daten um eine Schätzung. Die Fachleute geben für ihren Wert eine Fehlerbreite von 20 Prozent an.

          Zersetzt und verdampft

          Eine zweite Forschergruppe unter der Leiterin der amerikanischen Atmosphären- und Meeresbehörde Noaa, Jane Lubchenco, hat nun zu ermitteln versucht, was in der Zwischenzeit mit diesen 780 Millionen Litern Rohöl geschehen ist. Auch für diese Berechnungen gibt es nur zum geringen Teil genaue Messungen. Unter anderem weiß man, dass etwa 130 Millionen Liter mit verschiedenen Verfahren unmittelbar am Bohrlochkopf aufgefangen und in Tanker an der Meeresoberfläche gepumpt wurden. Weitere 24 Millionen Liter wurden von der Wasseroberfläche abgeschöpft und ebenfalls weiterverwertet. Zusammen wurden also gut 20 Prozent des austretenden Rohöls kontrolliert mit Tankern entfernt und konnten demnach keinen Schaden anrichten.

          Von den übrigen 626 Millionen Litern wurden gut sechs Prozent auf der Meeresoberfläche verbrannt. Weitere zehn Prozent konnten mit chemischen Mitteln aufgelöst werden. Solche Dispersionsstoffe sorgen dafür, dass das Rohöl nicht als dicker Schlick an der Wasseroberfläche zusammenklumpt, sondern in kleinste Tröpfchen mit Durchmessern von weniger als hundert Mikrometern zerfällt. Die Forschergruppe meint, dass der größte Teil des chemisch dispergierten Öls inzwischen entweder von der Meeresoberfläche verdampft ist oder in den obersten, warmen Wasserschichten des Golfes von Mexiko von Bakterien zersetzt wurde.

          Ölfressende Bakterien

          Eine solche Dispersion findet auch auf natürliche Weise statt. Anders als bei einem Tankerunglück, bei dem das Rohöl unmittelbar an der Wasseroberfläche austritt, liegt die Quelle der gegenwärtigen Ölkatastrophe nämlich in 1500 Metern Wassertiefe. Auf dem Weg nach oben kann das Öl deshalb in Tröpfchen zerfallen. Dieser Vorgang wird auch dadurch beschleunigt, dass das Rohöl unter hohem Überdruck aus dem Bohrlochkopf sprudelte und sich damit schnell und turbulent mit dem Meerwasser vermischen konnte. Mindestens 125 Millionen Liter, so schätzt die Expertengruppe, sind auf diese Weise in kleinste Tropfen zerfallen. Als Folge des Zerfalls verliert das Rohöl seinen Auftrieb. Die Forscher nehmen deshalb an, dass eine große Wolke aus solchen Tröpfchen zur Zeit in 1000 bis 1300 Metern Wassertiefe in der Umgebung des Bohrlochs schwebt. Dort findet eine weitere Zersetzung des Öls durch natürlich im Wasser vorkommende Bakterien statt.

          Solche ölfressenden Bakterien kommen in jedem Meer vor, im Golf von Mexiko sind sie aber besonders zahlreich. Der Golf gilt nämlich als eines jener Gewässer, die besonders stark durch natürliche Ölquellen verschmutzt sind. Dort sind mindestens 65 Stellen bekannt, an denen ölführende Gesteinsschichten bis an den Meeresboden reichen und daher Rohöl austritt. Insgesamt gelangen durch diese natürlichen geologischen Quellen pro Jahr etwa soviel Rohöl in die Weltmeere, wie jetzt bei der Havarie der Bohrung in den Golf geströmt sind.

          Ein feiner Schleier

          Ein knappes Viertel des Macando-Öls, so rechneten die Fachleute aus, ist durch zwei weitere natürliche Vorgänge beseitigt worden. Es verdampfte unter der heißen Sonne vor der warmen Wasseroberfläche oder es zerfiel durch natürliche Vorgänge in seine molekularen Bestandteile. In dem Bericht an die Einsatzleitung in Louisiana vergleichen die Forscher diese Zerlegung des Öls im Meerwasser mit dem Auflösen von Zucker in warmem Wasser.

          Nach den Berechnungen der Forschergruppe sind also insgesamt nahezu drei Viertel des ausgetretenen Öls mittlerweile verschwunden. Zurück bleiben noch etwa 200 Millionen Liter. Das ist deutlich weniger als jene Menge Rohöl, die im März 1978 bei der Havarie des Supertankers „Amoco Cadiz“ vor der bretonischen Küste ins Meer gelangte. Während sich bei diesem Tankerunglück in unmittelbarer Küstennähe dicker Ölschlick auf der Meeresoberfläche bildete, befindet sich der größte Teil des verbleibenden Macando-Öls als feiner Schleier auf der Meeresoberfläche auf offener See. Jeden Tag verdampfen große Mengen davon. Lediglich eine kleinere Menge ist entweder als Ölschlick oder in Form von Teerklumpen an die Küsten der fünf an den Golf von Mexiko angrenzenden amerikanischen Bundesstaaten gelangt. Wie viel Öl tatsächlich die Strände und das Marschland an den Küsten verseucht hat, wird in dem Bericht allerdings nicht erwähnt.

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