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Eine Reise in die Ölkatastrophe : Im Sperrgebiet

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Angesichts der überschaubaren Prozentangaben können leicht die ungeheuerlichen tatsächlichen Mengen an Öl, die da im Spiel sind, in Vergessenheit geraten Bild: AFP

Seit einem Monat ist das Bohrloch im Golf von Mexiko verschlossen. Die Regierung sagt, die Katastrophe sei gebannt. Aber das Öl ist nicht verschwunden. Es ist nur nicht mehr zu sehen. Eine Reise ins Delta des Mississippi.

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          Alle fahren hier Polaris Ranger Jeeps, auf das Notwendigste abgespeckte Durchrüttelmaschinen, und in einem solchen war auch ich an den sonst menschenleeren Strand gebracht worden. Ganz nach Plan. Aber mulmig wurde mir dann doch, als plötzlich ein zweiter Jeep auftauchte, und noch mulmiger, als zwei Militärs aus ihm sprangen, in Uniformen, mit identischen actionfilmtauglichen Sonnenbrillen, tadellos gewienerten Schnürstiefeln und Kappen, auf denen steht: U.S. Coast Guard.

          Wir befinden uns im Sperrgebiet am Golf von Mexiko, aber wir haben uns nicht gesetzeswidrig eingeschmuggelt. Mit Forrest Travirca III am Steuer, mit seinem Sohn Forrest Travirca IV als Beifahrer und mit mir zwischen den beiden robusten Gestalten hatten wir die Polizeisperre in den Marschen passiert. Wisner Beach ist derzeit für die Öffentlichkeit, ob sie nun fischen oder schwimmen oder die Vögel beobachten will, nur per Fernseher zu erreichen. Genau hier hat sich Präsident Obama vor die Fernsehkameras gestellt, um der Nation seine Besorgnis über die Ölpest zu signalisieren, und Tony Hayward, der BP-Chef, um ein weiteres Mal sein abenteuerliches Ungeschick im Umgang mit der Katastrophe unter Beweis zu stellen, und Bobby Jindal, der Gouverneur des Bundesstaats Louisiana, um zu zeigen, dass auch er den Ernst der Lage einzuschätzen weiß.

          Im Gegensatz zu ihnen ist der ältere Forrest am Wisner Beach jeden Tag anzutreffen. „King of the Spill“ nennen sie ihn, aber den beiden jungen Soldaten von der Küstenwache ist das nicht bekannt. Sie sind neu im Einsatz. Also muss er ihnen erklären, was er tut und worauf er jetzt besonders achtet. Im Auftrag einer Stiftung, der Wisner Donation, deren Landbesitz sich über vierzehn Kilometer Küstenlinie und um die hundertfünfzig Quadratkilometer dahinter erstreckt, sieht er nach dem Rechten. Was zurzeit bedeutet, dass er der Stiftungsleitung in New Orleans vor allem über die Auswirkungen der Ölpest am Strand berichten muss und vom Einsatz von Hunderten von Arbeitern, die ihn säubern. Forrest Travirca kennt die Gegend wie kein anderer.

          Der Golf wird sich auch nach einem Jahr nicht erholt haben, wie viele Jahre er dazu braucht, kann niemand abschätzen

          Eine bessere muss Abstimmung her

          Als die Küstenwächter merken, wen sie vor sich haben, überlassen sie das Reden höflich dem kleinen, kräftigen Mann mit dem sonnengegerbten Gesicht und enormen Brustumfang. Baron Rickenbaker zückt gar einen Notizblock, um sich aufzuschreiben, dass es mit den Aufräumarbeiten so nicht weitergehen kann, dass endlich zwischen Polizei, Ortsverwaltung und Küstenschutz eine bessere Abstimmung her muss, dass die eine Behörde zu wissen hat, was die andere tut, und dass überhaupt erst eine richtige Kommandostruktur aufgebaut werden muss. Bei der nächsten Generalbesprechung, versichert Rickenbaker sichtbar beeindruckt, wird Forrest Travirca ganz bestimmt zu Wort kommen.

          Aber zuvor wird er jetzt mir vor Augen führen, wie und wo das Öl seine Spuren im Sand hinterlässt. Die brennende Sonne, der dampfende Waschlappen, in den sich die Luft verwandelt hat, und die gefräßigen Moskitos sind für Forrest Travirca keine Hindernisse, um ausführlich ins Erzählen zu kommen. „Hell, no!“ ruft er aus, als ich ihn frage, ob sich die Lage denn in den letzten Tagen nicht merklich aufgehellt habe und das Öl, wie es die Schlagzeilen immer wieder wollten, in der Sommerhitze verdampfe, sich auflöse und zersetze, kurz, schon zum Großteil verschwunden sei, schneller als je erwartet und erhofft.

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