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„Deepwater Horizon“ : Der Preis des Öls

Bild: dpa

Konzerne zapfen heute Öl- und Gasquellen an, die noch vor wenigen Jahren als unerreichbar galten. Das Desaster im Golf von Mexiko führt der Weltöffentlichkeit die Risiken vor Augen. Dort soll jetzt eine Stahlglocke über das größte Leck der gesunkenen Plattform gestülpt werden.

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          Mehr als zwei Wochen nach der Explosion der Bohrplattform „Deepwater Horizon“ fließt im Golf von Mexiko noch immer unkontrolliert das Öl ins Meer. Vielleicht gelingt es, die giftige Flut in den nächsten Tagen zu stoppen, womöglich dauert es noch viele Wochen (siehe Ölteppich: Erstes von drei Lecks abgedichtet). Zuverlässige Prognosen darüber sind zurzeit schlicht unmöglich, doch die Gefahr besteht, dass den Vereinigten Staaten die größte Umweltkatastrophe ihrer Geschichte bevorsteht.

          Tony Hayward, der Vorstandschef des verantwortlichen Ölkonzerns British Petroleum (BP), hat einen drastischen Vergleich gewählt, um der Öffentlichkeit die technischen Herausforderungen zu verdeutlichen, die sein Unternehmen bei der Eindämmung der Ölpest zu meistern habe.

          Hayward sagte, die Aufgabe sei vergleichbar mit dem Drama um die amerikanische Mondmission Apollo 13, das 1970 die Welt in Atem hielt. Damals gelang es nach einem Defekt mit knapper Not, die Besatzung des Raumschiffs wohlbehalten aus dem Weltraum zurück auf die Erde zu holen. Der BP-Chef wollte mit dem extraterrestrischen Vergleich vermutlich um Verständnis dafür werben, dass es noch nicht gelungen ist, die Öllecks in der Tiefsee zu schließen. Doch die Parallele ist entlarvend: Werden in der modernen Ölförderung, wie sie heute an vielen Stellen rund um den Globus betrieben wird, tatsächlich tagtäglich ähnlich große Risiken eingegangen wie vor 40 Jahren auf einem Flug zum Mond?

          Ursache der Katastrophe noch immer unklar

          Das Desaster im Golf von Mexiko führt der staunenden Weltöffentlichkeit jedenfalls vor Augen, dass die Ölindustrie ihre Bohrköpfe zwar auf der Suche nach dem schwarzen Gold auch in anderthalb Kilometer tiefen Gewässern in den Meeresboden treiben kann, aber nicht so recht weiß, was zu tun ist, wenn dabei etwas schiefgeht.

          Riesige stählerne Absaugglocken sollen zur Unglücksstelle hinabgelassen werden, doch sie mussten erst gebaut werden, und ähnliche Geräte sind in so großen Tiefen noch nie erprobt werden. Eine Entlastungsbohrung soll den Ölfluss stoppen, aber bis sie niedergebracht ist, werden voraussichtlich mehrere Monate vergehen. Es ist, als sei im Heuschober gezündelt worden, ohne dass sich jemand vorher Gedanken darüber gemacht hätte, ob ein Feuerlöscher zur Hand ist.

          Was genau zu der Katastrophe geführt hat – auch das ist bisher unklar. Die Untersuchungen werden viele Monate, vielleicht Jahre dauern, und ob sie überhaupt zu einem eindeutigen Ergebnis kommen, ist keineswegs sicher. Wie bei vielen Unglücksfällen hat wohl auch hier erst das Zusammentreffen von mehreren technischen und vielleicht menschlichen Fehlern ins Fiasko geführt. Doch die Ölindustrie hat dieses heraufbeschworen.

          Die Bohrungen werden immer schwieriger

          Im Vertrauen auf den technischen Fortschritt in der Bohrtechnik zapfen die Konzerne heute Öl- und Gasquellen an, die noch vor wenigen Jahren als unerreichbar galten. Die „Deepwater Horizon“ war kein exotischer Einzelfall. In vielen Weltgegenden werden heute technisch ähnlich anspruchsvolle und noch schwierigere Bohrungen vorangetrieben. Der Ölteppich vor Amerikas Küste führt vor Augen, dass dabei trotz der neuen Technik Sicherheit und Umweltschutz zunehmend auf der Strecke bleiben. Das Unglück ist dafür ein besonders krasses Beispiel, der in den vergangenen Jahren stark vorangetriebene und ökologisch umstrittene Abbau von Ölsanden in Nordamerika ein anderes.

          Zwei Faktoren treiben Konzerne wie BP in solche zweifelhaften Projekte. Erstens machen höhere Ölpreise die aufwendigen Fördertechniken erst rentabel und damit möglich. Zweitens sind die großen westlichen Ölgesellschaften wie BP, Shell und Exxon-Mobil unter Druck geraten, weil es ihnen zunehmend an neuen Fördergebieten fehlt. Ein Großteil der noch vorhandenen Öl- und Gasreserven wird nicht von ihnen kontrolliert, sondern sie liegen in Ländern wie etwa dem Irak und Iran, die politisch schwer kalkulierbar sind und wo häufig staatliche Ölgesellschaften das Sagen haben. Umso verlockender und wichtiger werden für die westlichen Konzerne deshalb Fördergebiete wie das im Golf von Mexiko, die zwar technisch schwierig, aber für sie erreichbar sind und die politische Stabilität versprechen.

          Die amerikanische Ölkatastrophe zeigt, dass diese Ausweichstrategie der westlichen Konzerne auf technisch immer anspruchsvollere Förderstätten an Grenzen stößt, weil sie einen Preis haben kann, der von der Gesellschaft ethisch, ökologisch und finanziell als untragbar erachtet wird. Das Unglück ist deshalb nicht nur die Folge von technischer Hybris, sondern auch der wachsenden Ölknappheit und der Machtverschiebung im internationalen Energiegeschäft. Es ist zugleich eine Warnung an die Industrieländer des Westens insgesamt, dass sie mehr dafür tun müssen, die Abhängigkeit ihrer Energieversorgung von Öl und Gas zu verringern. Es mag auf der Welt noch auf Jahrzehnte hinaus ausreichende Reserven geben. Aber der Preis, den der Westen dafür bezahlen muss, steigt. Er wird entweder in Form einer wachsenden energiepolitischen Abhängigkeit oder immer größerer Umweltschäden bezahlt.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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