https://www.faz.net/-gum-16uod
 

Deepwater Horizon : Das Tschernobyl des Öl-Zeitalters?

Der Mensch ist klein, die Natur gewaltig. Was helfen die Barrieren an der amerikanischen Golfküste gegen die Massen von Öl? Bild: Reuters

Hybris, rufen die Pessimisten. Und warnen die Menschheit, es nicht zu weit zu treiben mit der Technik. Doch Katastrophen haben ihr Gutes: Sie sind der Preis des Fortschritts.

          4 Min.

          Vielleicht muss einer der entlegensten Arbeitsplätze der Welt "Perdido" heißen. "Verloren", so kann man den Namen der Ölplattform übersetzen, die Shell 320 Kilometer vor der texanischen Küste in den Golf von Mexiko gerammt hat. Hier bohrt der Konzern zusammen mit BP und Chevron nach Öl - in 2450 Metern Tiefe. Sechs Milliarden Dollar soll das Projekt gekostet haben.

          "Eine neue Ära der Innovation!", jubelte Shell zur Eröffnung von Perdido im März. 2,5 Kilometer, das sind sechs Empire State Buildings übereinander, so tief kam noch kein Mensch mit keiner Maschine. In Werbevideos schwärmen Shell-Leute vom Gewusel am Meeresgrund: von seltenen Haien, Quallen, die aussehen "wie Aliens", Kolonien von Krabben. "Großartig, was Mutter Natur hier erschaffen hat", schwärmt ein Ingenieur.

          Nicht allzu weit entfernt hat Mutter Natur derzeit schwer zu kämpfen mit dem, was die Kollegen von BP angerichtet haben. Seit die BP-Plattform "Deepwater Horizon" in einer Feuerwolke im Meer versank, sprudeln jeden Tag 800000 Liter Öl aus dem Bohrloch ins Meer und verseuchen alles, was hier krabbelt und schwimmt.

          Verölter Pelikan an der Küste Louisianas

          Was für eine Katastrophe! Eine einzigartige Technik richtet einen einzigartigen Schaden an. Die Kulturpessimisten aller Länder klagen laut. Und der für das Desaster verantwortliche Konzern verneigt sich zerknirscht: "Das Herz jedes BP-Mitarbeiters ist gebrochen", sagt Konzernchef Tony Hayward auf einer Investorenkonferenz. Der Konzern will alles bezahlen und erwägt sogar, die Dividende zu streichen. Hayward mag ahnen, dass das ganze Modell, mit dem BP und die meisten Konkurrenten bisher wirtschafteten, in der Krise ist.

          Denn die Katastrophe am Golf von Mexiko provoziert neben der Untergangsstimmung ganz grundsätzliche Fragen: Wie soll eine moderne Gesellschaft ihren Fortschritt organisieren? Und: Welche Rolle darf dabei die Technik spielen?

          "Kehrt um, übt Demut", fordert die Öffentlichkeit. "Entmachtet die Ingenieure", sekundiert die Wissenschaft. "Die Katastrophe verdeutlicht die technische Hybris der Konzerne. Wir erleben das Tschernobyl des Öl-Zeitalters", sagt der Kulturwissenschaftler Claus Leggewie. Mit ihren Bohrrekorden hätten die Öl-Multis die Bürger fasziniert und begeistert - und sie dabei blind gemacht für die Risiken ihrer Methoden. "Wir haben den Technikern die symbolische Vorherrschaft überlassen", klagt Leggewie. "Diese hätten ihren Grips lieber in weniger riskante Versorgungstechniken gesteckt", findet der Professor aus Essen. Wenn Pessimisten von Risiko reden, dann klingt es immer nach waghalsigen Glücksrittern.

          Es hat sich viel gebessert

          Was die Ingenieure wirklich treibt, außer der Neugier und der Faszination des Unergründeten, sind die Märkte und die Kunden. Die Ölfirmen und ihre Angestellten meinten, neue komplexe technische Methoden zu finden, die die Versorgung mit günstigem Treibstoff auf Jahre sicherstellen. Allein mit einer Tagesförderung von Perdido hätte man 500 Autos 15 Jahre lang antreiben können, hat Shell ausgerechnet. Katastrophen sind in diesen Rechnungen nicht einkalkuliert und deshalb nicht eingepreist, weder an der Zapfsäule noch im Börsenwert der Konzerne. In dieser Hinsicht haben die Preisbildungsprozesse der Märkte versagt: Man wusste vorher nicht, was passieren kann. "Dafür sind die Methoden zu neu und die Unfallszenarien zu komplex", sagt der Ökonom Ulrich Witt. "Die Atomenergie ist heute sicherer einschätzbar als die Ölförderung in der Tiefsee."

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Bildungsministerin Karliczek : Die Unterfliegerin

          Bildungsministerin Anja Karliczek gilt als ungeschickt, die Länder wollen sie in der Debatte um Bildungszusammenarbeit sogar ausbooten. Sie macht trotzdem weiter. Ein Porträt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.