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BPs Ölkatastrophe : Das schwarze Loch

BP: Wird einer der mächtigsten Ölriesen womöglich zu einem Zwerg? Bild: REUTERS

BP kämpft ums Überleben. Zwar scheint eine Insolvenz oder Übernahme unwahrscheinlich, doch Amerika will dem Ölkonzern auf lange Zeit keine neuen Lizenzen zuteilen. Dieser Zorn Amerikas ist brandgefährlich, kommentiert Marcus Theurer.

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          Es sind schwindelerregende Zahlen: In den letzten drei Monaten haben sich vermutlich fast eine Milliarde Liter giftiges Erdöl in den Golf von Mexiko ergossen; doch genau weiß das niemand. Schadenersatz, Strafzahlungen und die Beseitigung der Umweltschäden könnten den britischen Energiekonzern BP 70 Milliarden Dollar oder mehr kosten; ob diese Schätzungen von Fachleuten zutreffen, kann heute auch niemand genau wissen. Erst einmal muss es BP endlich gelingen, sein schwarzes Loch in der Tiefsee dauerhaft abzudichten. Auch das wäre für das viertgrößte Privatunternehmen der Welt aber nur ein Etappensieg in seinem wirtschaftlichen Überlebenskampf.

          Eine Insolvenz des Ölriesen ist zwar unwahrscheinlich, denn das laufende Geschäft erwirtschaftet wohl weiterhin jeden Monat einen Milliardenbetrag. Außerdem sitzt BP auf einem Schatz von Öl- und Gasfeldern, dessen Wert auf mehr als 200 Milliarden Dollar geschätzt wird. Durch Beteiligungsverkäufe wären vermutlich schnell höhere zweistellige Milliardenbeträge zu beschaffen. Die Übernahme durch einen Konkurrenten ist angesichts des stark gefallenen Aktienkurses zwar nicht völlig auszuschließen, aber nur der noch größere amerikanische Konkurrent Exxon-Mobil wäre dafür wohl gerüstet. Alle anderen Rivalen sind entweder zu klein oder sie kommen (wie der chinesische Ölkonzern Petrochina) aus politischen Gründen für ein solches Manöver nicht in Frage.

          Dennoch kämpft BP um seine Existenz. Die wahre Bedrohung kommt jedoch aus Washington. Der amerikanische Kongress bereitet ein Gesetz vor, das BP jahrelang von der Vergabe neuer Bohrlizenzen in den Vereinigten Staaten ausschließen würde. Darüber hinaus soll die Rolle des Konzerns bei der Freilassung des Lockerbie-Bombers durchleuchtet werden. BP wird vorgehalten, sich bei der britischen Regierung für den Terroristen eingesetzt zu haben, um an lukrative Ölgeschäfte in Libyen zu kommen.

          Dieser Zorn Amerikas ist brandgefährlich. Wenn die Politiker mit ihren Drohungen Ernst machen, könnte das für BP der Anfang vom Ende sein. Etwa 30 Prozent der gesamten Öl- und Gasreserven des Konzerns lagern in den Vereinigten Staaten. Sie sind ein wichtiger Garant dafür, dass dem Unternehmen in den nächsten Jahrzehnten nicht der Nachschub ausgeht. Sollte die amerikanische Regierung tatsächlich vorhaben, BP aus dem Land zu drängen, käme das einer Teilabwicklung gleich. Zwar wären bei einem Verkauf der nordamerikanischen Beteiligungen hohe zweistellige Milliardenerlöse zu erzielen, doch übrig bliebe ein viel kleineres Unternehmen mit fragwürdigen Zukunftsperspektiven.

          Cameron will BP stützen

          Kann der Westen es sich leisten, dass im globalen Kampf um die immer knapper werdenden Energievorräte einer der mächtigsten Ölriesen womöglich zu einem Zwerg schrumpft? Muss nicht verhindert werden, dass der Energieschatz von BP zur Beute von Investoren aus dem Nahen Osten oder Asien wird? BP-Chef Hayward, der inzwischen kurz vor der Ablösung steht, versuchte früh diese Karte zu spielen, indem er auf den Beitrag seines Unternehmens zur amerikanischen Energieversorgung hinwies. Für den britischen Premierminister Cameron ist BP angeblich „von nationalem Interesse“. Er will den wankenden Koloss stützen.

          Natürlich ist es verständlich, dass sich eine Regierung einschaltet, wenn das mit Abstand größte Unternehmen im Land ums Überleben kämpft. Aber energiepolitisch lässt sich dies im Fall von BP schlecht begründen. Der Energiemarkt wird längst von noch viel größeren Staatskonzernen aus Saudi-Arabien, Irak, Iran und anderen Mitgliedsländern des Förderkartells Opec beherrscht. Der Beitrag von BP zur langfristigen Energieversorgung des Westens ist minimal; dem Konzern gehören nur 0,7 Prozent der globalen Ölreserven. Sie würden gerade einmal ausreichen, um den Bedarf der Vereinigten Staaten und der Europäischen Union für elf Monate zu decken.

          Entweder Abhängigkeit von der Opec, oder Umweltkatastrophen

          Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko sollte endlich allen die Augen dafür öffnen, dass der Westen entschlossener als bisher seine Abhängigkeit vom Öl verringern muss. Das ist ökologisch geboten, um den Klimawandel einzudämmen, aber auch aus wirtschaftlichen Gründen zwingend. Der weltweit noch immer wichtigste Energieträger ist schon heute knapper als den meisten bewusst wird. Zwar mag die Versorgung noch auf Jahrzehnte hinaus gesichert sein; aber das Öl befindet sich immer mehr in den Händen der Opec oder es muss mit hohem Aufwand und zunehmendem Risiko aus großen Tiefen gefördert werden.

          Der Westen muss also entweder eine wachsende Abhängigkeit von der Opec oder das Risiko weiterer Umweltkatastrophen akzeptieren. Aus dieser Zwickmühle gibt es nur einen Ausweg: mit sehr viel größeren Anstrengungen Energie zu sparen und die Nutzung regenerativer Energiequellen wie Wind, Wasserkraft und Sonnenenergie konsequent voranzutreiben. Die Europäische Union und die Vereinigten Staaten verfügen zusammen über weniger als drei Prozent der globalen Ölreserven, aber auf sie entfällt rund vierzig Prozent des Verbrauchs. Dieses Missverhältnis lässt sich nicht durch immer riskantere Ölbohrungen ausgleichen.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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