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Ölpest : Aznar besucht Galicien

  • Aktualisiert am

Das Aufräumen dauert an Bild: AP

Der späte "Blitzbesuch" Aznars stieß zusammen mit dem Krisenmanagement der Regierung bei Umweltschützern und Anwohnern auf harsche Kritik.

          3 Min.

          Mehr als vier Wochen nach der Havarie des Tankers „Prestige“ hat der spanische Regierungschef José Maria Aznar zum ersten Mal die Unglücksregion besucht. Derweil will der französische Präsident Jacques Chirac dem Kapitän der "Prestige" an den Kragen und die EU hat beschlossen, Katastrophen dieser Art zu verhindern.

          Derweil befürchten Fischer an der galicischen Südwestküste die Ankunft einer dritten großen Verschmutzungswelle. Ein großer Ölteppich befand sich nach Angaben der Fischereigenossenschaft von O Grove etwa 35 Kilometer vor La Guardia an der spanisch-portugiesischen Grenze. Gleichzeitig wehte ein starker Wind aus Südwest. Zum Wochenende reisten erneut hunderte von Freiwilligen, zumeist Studenten, an die Küste, um bei Reinigungsarbeiten zu helfen.

          Kritik an Aznar

          Nicht nur den späten Termin von Aznars "Blitzbesuch" kritisierten hunderte Umweltschützer und Einwohner der von der Ölpest schwer betroffenen Region Galicien, sondern vor allem das Krisenmanagement der spanischen Regierung. Weil die unzureichende Planung die Umweltkatastrophe unnötig verschärft habe, protestierten sie am Samstag in La Coruña. Die Demonstranten skandierten „Nie wieder!“ und „Aznar raus!“. Der galicische Schriftsteller Manuel Rivas bezeichnete in einer Ansprache den Umgang der Zentralregierung in Madrid mit der Katastrophe als „Schande“ und warf dem Ministerpräsidenten vor, „wie ein römischer Feldherr“ in Galicien einzuziehen. Einer am Freitag veröffentlichten Umfrage zufolge haben Aznar und seine Regierung wegen des Umgangs mit der „Prestige"-Katastrophe massiv an Zustimmung eingebüßt.

          Aznar gestand Fehler ein

          Aznar entschuldigte sich bei den Bewohnern und kündigte ein Programm von über 200 Millionen Euro zur Belebung der regionalen Wirtschaft an. Bei einer Pressekonferenz in La Coruña gestand Aznar „Fehler“ ein: „Ich bitte diejenigen um Verzeihung, die tagelang ohne die Mittel und Ressourcen arbeiten mussten, über die wir einfach nicht verfügten.“ Ein etwaiger Besuch der Krisenregion hätte ihm vielleicht Sympathien eingebracht, dies wäre jedoch eine „Manipulation der Gefühle der Galicier“ gewesen, sagte der Regierungschef nach einem Besuch in einem Krisenzentrum. Aznar schloss eine Visite der verschmutzten Strände „aus Respekt“ aus. Zudem wolle er die Helfer „nicht ablenken“. Aznars Besuch auf einem Kontrollturm der Seefahrtsbehörde in La Coruña wurde von einem starken Aufgebot von Sicherheitskräften begleitet.

          Aznars Besuch auf einem Kontrollturm der Seefahrtsbehörde in La Coruña wurde von einem starken Aufgebot von Sicherheitskräften begleitet. Einer am Freitag veröffentlichten Umfrage zufolge haben Aznar und seiner Regierung wegen des Umgangs mit der „Prestige"-Katastrophe massiv an Zustimmung eingebüßt.

          Strafverfolgung für den Kapitän in Frankreich

          Der französische Präsident Jacques Chirac hat dem Kapitän des Unglückstankers „Prestige“ Strafverfolgung angedroht. Er werde die französische Justiz auffordern, eine Untersuchung gegen den Kapitän und seine „Komplizen“ einzuleiten, wenn die Verschmutzung durch das auslaufende Schweröl des Tankers französische Gewässer erreicht, sagte Chirac nach französischen Medienberichten vom Samstag am Rande des EU-Erweiterungsgipfels in Kopenhagen.

          EU beschließt Maßnahmen gegen Schifffahrtsunglücke

          Auf dem gleichen Gipfel bekräftigten die EU-Staats- und Regierungschefs nochmals, dass die mit einer führenden Rolle in der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO/London) Umweltkatastrophen wie die der "Prestige" verhindern will. Der Gipfel verwies auf die Entscheidung der EU-Verkehrsminister von Anfang Dezember, alte, einwandige Tanker für den Transport von Schweröl, Teer, Bitumen oder schwerem Rohöl aus europäischen Häfen zu verbannen. Die „Prestige“ war ebenfalls ein Einhüllen-Tanker.

          Ein Schifffahrtsexperte der Umweltorganisation Greenpeace, Christian Bussau, bekräftigte die Forderung nach einem Verbot der Einhüllen-Tanker. „Wir begrüßen die Ankündigung der Regierungen, alles Notwendige zu veranlassen, um die europäischen Küsten sicherer zu machen. Aber das reicht nicht. Um dieses Ziel zu erreichen, ist es jetzt zwingend notwendig, dass alle Tanker, die älter als zwanzig Jahre sind und nur eine Schiffs-Hülle haben, sofort verboten werden“, schrieb Bussau in einer in Hamburg herausgegebenen Stellungnahme.

          Kein EU-Fonds für Galicien

          Nach spanischen Presseberichten scheiterte der spanische Regierungschef José Maria Aznar beim Gipfel damit, von der EU Geld aus dem Fonds für Katastrophenhilfe zu bekommen. Die galicische Regionalpresse klagte, die EU kehre Galicien den Rücken und benachteilige die Region gegenüber den Hochwassergebieten in Mitteleuropa. Die neue Fonds der EU mit einer Milliarde Euro pro Jahr ist für Naturkatastrophen geschaffen worden.

          Der Tanker, der unter der Flagge der Bahamas lief, war am 19. November mit etwa 50 000 Tonnen Schweröl an Bord 250 Kilometer vor der Küste Nordwestspaniens gesunken. Durch die Risse strömen pro Tag rund 125 Tonnen Öl in den Atlantik. Weite Teile der spanischen Atlantikküste sind bereits von der Ölpest betroffen.

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