https://www.faz.net/-gum-7ozd1

Ölleck im Münsterland : Havarie auf der Kuhweide

Das Öl vom Wasser fernhalten: Ein Bagger hebt Erde für eine Schlitzwand aus Bild: dpa

Ein Großteil der deutschen Rohöl-Reserven liegt in Kavernen, die durch Salzabbau entstanden sind. Nun tritt auf einer Wiese bei Münster Öl aus – und die Fragen, die das aufwirft, gehen weit über die Kuhweide hinaus.

          4 Min.

          Es ist nun schon drei Wochen her, dass die Welt der Sundermanns aus den Fugen geriet. Der Hof der Nebenerwerbs-Landwirte liegt im westlichen Münsterland, in Gronau-Epe, romantisch zwischen Wäldern am Rand des Naturschutzgebiets Amtsvenn. Aber nur oberflächlich betrachtet führt man hier ein Leben weitab der Industrie. Tief unter Feld, Wald und Wiese wird Salz gewonnen, das durch das Solefernleitungssystem zu Chemieunternehmen nach Marl, Rheinberg und ins belgische Jemeppe transportiert wird.

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Seit genau 40 Jahren darf die Salzgewinnungsgesellschaft Westfalen (SGW) die entstandenen Hohlräume zur Öl- und Gasspeicherung benutzen. Das Kavernenfeld Gronau-Epe ist der größte Öl- und Gaskavernenspeicher der Welt. In ihm liegt ein Teil der nationalen Energiereserve der Bundesrepublik Deutschland. Die Sundermanns wussten das. Und bis Mitte April glaubten sie der SGW und den Behörden, dass es sich um eine sichere Speichermethode handle. In all den Jahrzehnten ist auch nie etwas passiert.

          Bis zum 12. April. Da war Willi Sundermann mit seinem Pächter auf einer der Weiden unterwegs, als er mit seinen Stiefeln in einem dickflüssigen Wasser-Öl-Gemisch steckenblieb. Seitdem geht es Schlag auf Schlag. Sechs der Kühe des Pächters mussten gekeult werden, weil sie von dem Gemisch getrunken hatten. Die Bezirksregierung Arnsberg als oberste nordrhein-westfälische Bergaufsichts-Behörde ließ das Gebiet absperren. Eine erste Analyse ergab, dass das Öl tatsächlich aus der Kaverne stammt und nicht aus einer alten Leitung. Bei einem Kontrollgang stießen Fachleute dann auf eine weitere Öllache in einem nahen Waldstück.

          2500 Tonnen verseuchte Erde

          Kurz darauf entdeckte Sundermanns Sohn eine dritte Austrittstelle am Hof. Seitdem ist das Gelände rund um den Hof eine Großbaustelle. Beinahe 2500 Tonnen verseuchtes Erdreich mussten schon ausgehoben, 183 Kubikmeter Öl-Wasser-Erd-Gemisch abgesaugt werden. Im Schichtdienst fahnden 100 Spezialisten nach dem Leck. Doch ihre Suche blieb bisher ohne Erfolg. Für die Sundermanns ist die Havarie eine Katastrophe: Klaus Sundermann musste mit seiner Frau Claudia und den beiden Kindern in eine Ferienwohnung ziehen. Ob ihr Hof wie bisher bewirtschaftet werden kann, steht in den Sternen.

          Die rund 1,4 Millionen Kubikmeter Öl, die im Kavernenfeld Epe lagern, gehören zur Energiereserve, die Deutschland seit 1966 vorhält. Mit den Vorräten soll eine zuverlässige Versorgung nicht nur bei Krisen in Förder- und Transitländern, sondern auch bei Verbrauchsspitzen im Winter sichergestellt werden. Zuständig ist der Erdölbevorratungsverbund (EBV), 1978 durch ein Bundesgesetz errichtet. Er muss eine Reserve an Rohöl und Erdöl-Erzeugnissen wie Benzin, Dieselkraftstoff, Heizöl und Flugbenzin im Umfang von mindestens 90 Tagen vorhalten. Alle Unternehmen, die Erdöl-Produkte herstellen oder nach Deutschland importieren, sind Pflichtmitglieder des EBV und müssen Beiträge zu dessen Finanzierung leisten.

          Während die Erdöl-Erzeugnisse meist in oberirdischen Tanks gelagert werden, liegen das Rohöl und Teile der Erdgasvorräte in vielen Kavernen, die durch den unterirdischen Salzabbau entstanden sind – in Schleswig-Holstein, Bremen, Niedersachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und eben im Münsterland. „Die Kavernenspeicherung ist eine sehr sichere Methode“, sagt Bergdirektor Peter Dörne, bei der Bezirksregierung Arnsberg für die Genehmigung und Überwachung der Untergrundspeicherung zuständig. Salz ist gasdicht und gilt als „selbstheilend“. Dörne weist zudem darauf hin, dass es gar nicht möglich wäre, oberirdisch so große Lagerflächen zu bauen, wie für die enormen Mengen an Öl und Gas der nationalen Energiereserve nötig wären.

          Havarie ist ein Rätsel

          Die Havarie bei den Sundermanns stellt auch Dörne vor ein Rätsel. Ein ähnliches Ereignis hat es in der Geschichte der Kavernenspeicherung noch nicht gegeben. Zwar ereignete sich erst im vergangenen Herbst im ostfriesischen Etzel ein Unfall auf einem Kavernengelände. Dort war das Öl allerdings oberirdisch ausgelaufen, zudem gibt es Hinweise auf Sabotage – ein Ventil an einer Ölleitung war offensichtlich mutwillig geöffnet worden. Dörnes Kollege Andreas Nörthen steht an der Gabelung von Dachsweg und Wacholderweg gut 300 Meter entfernt vom Hof der Sundermanns vor Absperrgittern.

          Der Weg zur ersten Fundstelle ist mit Stahlplatten abgedeckt, damit die schweren Laster nicht im feuchten Boden der Weide versinken. Die Bäume rund um die zweite Fundstelle sind auf einer etwa fußballfeldgroßen Fläche abgeholzt. Über der dritten Fundstelle vor dem Hof der Sundermanns stehen Bohrmaschinen. „Die Experten sind sich nach wie vor sicher, dass das Öl nicht aus der Kaverne selbst ausgetreten ist“, sagt Nörthen, der Sprecher der Arnsberger Bezirksregierung. Vermutlich sei das rund einen Kilometer lange einbetonierte Rohr, das von der Erdoberfläche in den Salzstock hinabführt, an irgendeiner Stelle undicht.

          Hunderte Sondierungen haben Arbeiter unter Anleitung Hans-Peter Jackelen schon vorgenommen. Der unabhängige Gutachter zeigt auf jeweils etwas mehr als einen Meter lange Bohrkerne, die seine Mitarbeiter in einer Garage in zwei langen Reihen nebeneinander gelegt haben. An den Bohrkernen einer Sondierung sind bei 17, 31 und 53 Metern Ölspuren zu erkennen, am Bohrkern einer anderen Sondierung bei 25 Metern. Jackelen und seine Leute wissen mittlerweile ziemlich genau, wo sich Öl befindet. Aber wie es dorthin durch das Erdreich gelangte, haben sie noch nicht herausfinden können. „Wir arbeiten uns systematisch voran, wir kreisen das Problem ein“, sagt Jackelen. Dabei rückt Kaverne S5, die tief im Erdreich unmittelbar hinter dem Hof der Sundermanns liegt, immer mehr in den Fokus.

          Sind die Speicher sicher?

          Umweltschützer nehmen den Fall Gronau-Epe zum Anlass, die Sicherheit der unterirdischen Energiespeicher in Frage zu stellen. „Der Vorfall zeigt, dass eine Langzeitsicherheit der Speicher nicht gewährleistet werden kann“, sagt Dirk Jansen, Geschäftsführer des nordrhein-westfälischen Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Sollten sich als Ursachen des Ölaustritts schadhafte Bohrloch-Verrohrungen oder Undichtigkeiten der Kaverne selbst herausstellen, müssten alle unterirdischen Speicher für Öl und Gas überprüft werden.

          Es sei unverantwortlich, dass die Betreibergesellschaft des Ölspeichers behaupte, die Kavernen seien nach der Aussolung von kompaktem Steinsalz umgeben und daher absolut dicht. Damit werde eine Sicherheit suggeriert, die nicht existiere. Garrelt Duin (SPD) steht vor der zweiten Fundstelle. Unablässig tragen Bagger verseuchtes Erdreich ab. „Es ist sehr schmerzhaft, diesen Eingriff in die Natur zu sehen“, sagt der nordrhein-westfälische Energieminister. Duin ist allerdings nicht nur über das Ausmaß des Vorfalls entsetzt, sondern auch über Kritiker der Kavernenspeicherung.

          „Das sind große Schlaumeier, die versuchen, aus dem Unglück politischen Gewinn zu ziehen, während andere rund um die Uhr arbeiten.“ Wenn das Leck in der Zuleitung gefunden werde, dann zeige das, dass die Kritik unhaltbar und absurd war. „Wenn es aber doch an der Salzlagerung liegt, bin ich der erste, der bereit ist zu diskutieren.“ Die Diskussion würde dann weit über die Kuhweide der Sundermanns hinausgehen. Denn auch bei der Suche nach einem Endlager für hochradioaktiven Atommüll spielen Salzstöcke eine wichtige Rolle – wegen der bisher guten Erfahrungen der Kavernennutzung für Öl und Gas.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nicht mehr länger Israels Regierungschef: Benjamin Netanjahu

          Bennet neuer Regierungschef : Israels Premierminister Netanjahu abgelöst

          Eine knappe Mehrheit der Abgeordneten im israelischen Parlament stimmt für eine neue Regierung. Damit ist das Acht-Parteien-Bündnis unter Führung von Naftali Bennett von der ultrarechten Jamina und Jair Lapid von der Zukunftspartei an der Macht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.