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Öldämpfe im Flugzeug : Gestank liegt in der Luft

  • -Aktualisiert am

Mit Zapfluft: Ein Techniker inspiziert in Frankfurt das Triebwerk eines Flugzeugs der Lufthansa Cargo. Bild: ddp

Die Kabinenluft in Flugzeugen kann durch Öldämpfe belastet sein. Einer Flugbegleiterin wurden in Australien deshalb 97.000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen - ein erstes Urteil, dem weitere folgen werden. Die Piloten fordern nun Klarheit.

          Es geschah am 4. März 1992 in Australien: Öldämpfe aus dem Triebwerk eines Flugzeugs der australischen Fluggesellschaft East-West drangen in die Kabine ein. Seitdem klagte Flugbegleiterin Joanne Turner über Atemschwierigkeiten. Erst 2009 sprach ihr ein Gericht im Bundesstaat New South Wales umgerechnet 97.000 Euro Schmerzensgeld zu, eine Beschwerde des Beklagten wurde vor wenigen Monaten endgültig abgelehnt. Es war das erste Urteil im Zusammenhang mit kontaminierter Kabinenluft – und könnte ein Präzedenzfall sein.

          „Fume Events“ treten in der Luftfahrt immer mal wieder auf. Die Folgen von Öllecks im Triebwerk beschäftigen Techniker und Mediziner gleichermaßen. Denn die Frischluft wird bei fast allen Verkehrsflugzeugen über die Triebwerke angesaugt und dann in die Kabine geleitet. „Bleed Air“ („Zapfluft“) heißt das System unter Fachleuten. Tritt wegen eines Fehlers Öl aus, verbrennt es aufgrund der hohen Temperaturen im Triebwerk, und Dämpfe können in die Kabine gelangen. Die Dämpfe sind eine Mischung aus gesundheitsschädlichen und giftigen Chemikalien, darunter zum Beispiel das krebserregende Beta-Naphtylamin und das Nervengift Trikresylphosphat (TKP) aus der Familie der organischen Phosphate.

          15 Fälle in Deutschland im vergangenen Jahr

          Ein Zwischenfall ereignete sich auch im Juni 2009 am Flughafen Düsseldorf: Kurz nach dem Start in Richtung Kreta musste eine mit 181 Passagieren besetzte Boeing 737 der Air Berlin umkehren. Die Piloten hatten Brandgeruch bemerkt, Rauch gelangte ins Cockpit. In den vergangenen fünf Jahren berichtete Air Berlin von fünf Fällen kontaminierter Kabinenluft, alle mit dem selben Flugzeug. Eine Sprecherin sagte, die Fluggesellschaft habe das Gerät mittlerweile ausgemustert. Bis vor einem Jahr, so teilt die Lufthansa mit, habe es beim Langstreckenflugzeug Airbus 340-600 vermehrt Fälle von belasteter Kabinenluft gegeben. Ein „zeitweiliger technischer Fehler“ eines Rolls-Royce-Triebwerks sei aber behoben worden. Insgesamt meldeten die deutschen Fluggesellschaften im vergangenen Jahr 15 solcher Fälle an das Luftfahrtbundesamt (LBA) in Braunschweig. Die australische Transportbehörde wiederum listet kontaminierte Kabinenluft als zweithäufigste Ursache für plötzliche Fluguntauglichkeit ihrer Piloten auf – gleich nach verdorbenem Essen und noch vor plötzlichen Herzattacken.

          In einem Rundbrief empfiehlt die internationale Pilotengewerkschaft Ifalpa („International Federation of Airline Pilots’ Associations“) ihren Piloten, bei verdächtigen Dämpfen sofort die Sauerstoffmasken anzulegen und die Flugsicherung zu verständigen. Das Problem werde von Fluggesellschaften und Herstellern verdrängt, meint die Pilotengewerkschaft Cockpit. Es gebe, so teilte Cockpit-Sprecher Jörg Handwerg am Donnerstag mit, genügend Indizien für eine schädigende Wirkung. „Optimal wäre es, auf das Zapfluft-System zu verzichten und die Kabinenluft separat anzusaugen“, sagt Handwerg. Ein solches System gab es zuletzt in den Sechzigern, doch das effizientere Zapfluft-System setzte sich bald durch. Erst die neue Boeing 787, der Dreamliner, der frühestens 2011 auf den Markt kommen soll, saugt die Luft für die Kabine mit einem Kompressor über einen externen Lufteinlass ein und umgeht so die Triebwerke.

          Luftfilter lassen neue Sicherheitslücken entstehen

          Eine zweite Option zur Verbesserung des Zapfluft-Systems, so Handwerg, sei der Einbau eines Filters gegen die Dämpfe. Bisherige Filtersysteme können zwar Schmutz und Viren fernhalten, bei den chemischen Verbindungen aus verbranntem Triebwerksöl sind sie aber weitgehend wirkungslos. Der Einbau würde freilich die Effizienz der Triebwerke verringern, die dann mehr Treibstoff verbrauchen würden. „Existierende Verfahren zur wirksamen Filterung der Zapfluft sind wegen des großen Drucks und der hohen Temperatur nicht einsetzbar, alternative Verfahren noch nicht ausreichend erprobt“, sagt Lufthansa-Sprecher Michael Lamberty. Laut einem Airbus-Sprecher gibt es keine Filtertechniken, die nicht neue Sicherheitslücken entstehen ließen.

          Luftfahrtmediziner diskutieren schon lange über die Folgen von „Fume Events“. Das zu rund drei Prozent beigemischte TKP zum Beispiel kann das Nervensystem des Menschen schädigen. „Es gibt sogar ein eigenes Erkrankungsbild“, sagt Thomas Göen, Chemiker und Toxikologie am Institut für Arbeitsmedizin der Universität Erlangen. „Der Erkrankungsverlauf durch solche Vergiftungen ist sehr ungewöhnlich und beginnt mit Übelkeit, Schwindel und Erbrechen.“ Nach zehn bis 15 Tagen kämen neurologische Beschwerden hinzu, die mit Wadenkrämpfen anfingen und bis zur Lähmung der Beine führen könnten. Beim Medizinischen Dienst der Lufthansa wurde in den vergangenen vier Jahren aber kein einziger Fall dokumentiert, bei dem ein Mitarbeiter neurologische Symptome beschrieben hätte, die auf kontaminierte Kabinenluft zurückzuführen wären. Handwerg wiederum meint, den meisten Ärzten sei das „aerotoxische Symptom“ unbekannt, weshalb eine Diagnose nur selten gestellt werde.

          Weitere Klagen drohen

          Unklar ist, wie oft Kabinenluft durch Öldämpfe kontaminiert wird. „Es gibt noch kein Verfahren, mit dem eine eindeutige Zuordnung zu Öldämpfen aus einem Triebwerk lückenlos nachweisbar wäre“, sagt der Toxikologe Michael Bader von der Universität Hannover. Der Europaabgeordnete Michael Cramer von den Grünen hat eine Anfrage zu dem Thema an die Europäische Kommission eingereicht. Die Kommission wiederum verwies ihn auf eine Studie der europäischen Flugsicherheitsbehörde, die aber erst Ende 2011 vorliegen soll.

          Inzwischen drohen weitere Klagen: Im Januar 2009 soll es auf einem inneramerikanischen Flug der Southwest Airlines zu einer Kontamination der Kabinenluft durch Öldämpfe gekommen. Im Oktober erhoben zwei Passagiere Klage: Die Zwillingsschwestern gaben an, seit dem Flug an motorischen Problemen, Schüttelanfällen und Sehproblemen zu leiden. Eine Entscheidung des Gerichts in Alabama steht noch aus.

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